«Shwule Grüsse vom Balkan» (6) – Es hat sich ausgeschnitzelt
Dessert, Wodka und eine stille Heimreise
Kennst du schon Aleksandar aus unserer Kolumne «Shwule Grüsse vom Balkan»? Nach einem Dessert der horizontalen Art ziehen die Turteltauben durch Wiens Partyleben. Dann taucht Aladin auf …
Mit dem Wiener Schnitzel im Bauch flanieren Aleks und Lasse ein Weilchen durch Wien und geniessen ihren Kurztrip. Wieder im Hotel angelangt fällt Lasse über Aleks her und drückt ihn an die Wand: «Nun kommen die Wiener Würstchen dran», grinst er ihn frivol an und reisst ihm die Kleider vom Leib. «Ich wusste gar nicht, wie temperamentvoll ihr Schweden seid», entgegnet ihm Aleks, was Lasse nur noch dominanter und Aleks umso mannstoller macht.
Nach dem wilden Liebesspiel geht’s auf in die Wiener Partyszene – genauer in die Village Bar. Dort angekommen ordert Lasse gleich zwei Wodka Energy und tanzt sich zu Aleks durch, der sich bereits einen Platz in der Bar ergattert hat. Sie stossen an, trinken aus und bestellen noch einen. Dann noch einen. Und noch einen.
Bis Aleks aufs Klo muss, während sich Lasse zum Beat einen abzappelt. Da tippt ihm jemand auf die Schulter. Lasse dreht sich um. Es ist «Aladin», der Dienstbote aus dem Hotel: «Sie haben den Zimmerservice gerufen?», flirtet ihn Aladin an. «Bei so einem orientalischen Juwel immer», erwidert Lasse und fängt sich gleich einen innigen Kuss von Aladin ein.
Queere Lebensgeschichten für mehr Sichtbarkeit
Genau in diesem Augenblick kehrt Aleks zurück und sieht die beiden, wie sie einander verschlingen. Gelähmt vom Schock wankt er bis zu Lasse und Aladin, die nun erschrocken voneinander loslassen. Aleks’ Herz will herausspringen, was der immer dicker werdende Kloss im Hals verhindert, bis schliesslich zwei brennende Tränen seine Pausbacken runterkullern.
Ohne Ton verlässt er die Bar und durchstreift desillusioniert das Wiener Nachtleben. Schliesslich endet er im Eagle Vienna, wo er einen klaren Wodka nach dem anderen kippt, bis er völlig enthemmt in der Cruising Area verschwindet und dort die halbe Nacht zwischen Glory Holes und Slings verbringt.
Unterdessen hat Lasse bereits mehrere Bars abgeklappert und läuft im Hotel auf und ab – mit der Hoffnung, dass Aleks auftaucht. Denn der Flug nach Zürich geht bald. Dann kreuzt Aleks in der Lobby auf. Völlig verschwitzt. Mit zerzaustem Haar. Nach Alkohol, Rauch und Sex riechend. Er ignoriert Lasse, geht direkt ins Zimmer, packt seine Sachen und macht sich auf zum City Train. Lasses Versuche, mit ihm zu reden, scheitern.
Sie steigen wortlos ins Flugzeug und in Zürich ebenso wieder aus. In der Gepäckhalle krallt sich Aleks seinen Koffer und schaut kurz zu Lasse: «Man sieht sich.» Er dreht sich weinend um und eilt zum Bahnhof, um den nächsten Zug nach Hause zu erwischen.
Zuhause läuft sein Handy sturm: «Aleks, kommst du heute zu uns? Wir haben Cevapcici gemacht», schallt ihm die überfröhliche und leicht nervige Stimme seiner Mutter entgegen. «Klar», antwortet Aleks. Die Ablenkung tut ihm nach Lasses Fehltritt bestimmt gut.
Auf dem Weg zum Tram schnappt er sich die neue Ausgabe des queeren Magazins MANNSCHAFT, das er auf der Fahrt zu seinen Eltern liest. Dort angelangt empfängt ihn seine Mutter Bogdana: «Na, mein grosser «Medo» (serbisch für Bär), wie geht es dir?» Sie umschlingt ihn, bis ihm die Luft wegbleibt. «Ganz ok, danke. Und euch?», erwidert er, als sein Vater dazukommt und ihm kumpelhaft auf die Schulter klopft. Bereits am Tisch sitzend und nach den Cevapcici gierend nickt ihm sein Bruder Alen entgegen – der durchtrainierte Fussball-Nachwuchsspieler und Frauenheld.
Was ist das, mein Sohn?
«Ich wasch mir noch die Hände», erklärt Aleks. Dabei lässt er seine Jacke und Tasche in seinem ehemaligen Kinderzimmer liegen. Nicht ahnend, dass aus der Tasche die neue Ausgabe der Mannschaft mit einem sexy Kerl auf dem Cover hervorlugt. Den Bogdana sogleich auch entdeckt, als sie ihm den Schnaps vom Onkel feilbieten will, den sie vom letzten Urlaub mitgenommen hat. Zurück aus dem Bad läuft Aleks an seinem ehemaligen Kinderzimmer vorbei, wo ihn seine Mutter entgeistert stoppt und ihm das Gay-Magazin entgegenhält: «Was ist das, mein Sohn?»
Er selbst erstarrt in diesem Augenblick und weiss nicht, ob er schon tot ist oder sich nur so fühlt: Da ist er. Der Moment, vor dem er sich sein Leben lang gefürchtet hat. Sein Coming-out. Sein Herz rast. Seine Kehle ist verschnürt. Er bringt kaum einen Satz heraus, um ihre Frage zu beantworten: «Mama, ich … ich … ich stehe auf Männer.»
*Wir schreiben «shwul» statt «schwul», um den Balkan-Slang wiederzugeben. Die ersten fünf Folgen sind frei verfügbar, alle folgenden Texte nur mit MANNSCHAFT+ lesbar.
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