Start-ups: «Normen infrage stellen liegt der LGBTIQ-Community im Blut»

Symbolbild
(Bild: Adobe Stock)

Til Klein ist Mitgründer von Identity.vc, ein Investmentfonds, der gezielt in queer-geführte Start-ups investiert. Darunter auch die Hundefuttermarke Omni.

Till, warum hast du Identity.vc gegründet? Die ursprüngliche Idee stammt aus den USA. Dort gibt es ein Syndikat, das in queere Gründer*innen investiert, die Gaingels. Ich habe sie vor ein paar Jahren kennengelernt, als ich selbst noch Gründer war, und mich gefragt, warum es so etwas in Europa nicht gibt.

Wie würdest du jemandem erklären, weshalb ein queerer Investmentfonds überhaupt notwendig ist? Unsere Zielsetzung ist ökonomisch – wir wollen für unsere Investor*innen eine attraktive Rendite erzielen. Innovation entsteht, wenn man althergebrachte Normen infrage stellt – das liegt der LGBTIQ-Community im Blut. Zudem ist es ein grosser und wachsender Markt: Eins von sechs Start-ups hat einen LGBTIQ-Co-Founder und bisher kümmert sich niemand gezielt um diese Gruppe. Für uns bedeutet das: spannende Unternehmer*innen, attraktive Investments und gleichzeitig einen positiven Effekt für die Community.

Til Klein
Til Klein (Bild: zvg)

Guy und Shiv von Omni berichten, dass sie sich nicht getraut haben zu outen. Ist diese Angst verbreitet? Ja. Unsere Studie zeigt: Zwei Drittel der Gründer*innen outen sich nicht von Anfang an. Ich empfehle Gründer*innen jedoch, ganz offen damit umzugehen. Du willst keinen Investor am Tisch haben, der ein Problem mit deiner Lebensweise hat. Ein Start-up zu gründen ist wie eine Achterbahnfahrt – da ist eine offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit essenziell. Dein Investor muss nicht dein bester Freund sein, auf einer persönlichen Ebene sollte es jedoch funktionieren.

Stellst du Unterschiede zwischen queeren und nicht-queeren Unternehmer*innen fest? Erfolgreiche Gründer*innen brauchen dieselben Charaktereigenschaften: Risikobereitschaft, schnelles Handeln, Resilienz. Was queere Menschen vielleicht eher mitbringen, ist die Haltung, das zu tun, was sie für richtig halten, und sich nicht darum zu scheren, was andere machen. Das ist ein ganz wichtiger Faktor für erfolgreiche Gründer*innen.

Start-up-Bericht 2025

Die europäische Umfrage mit über 500 LGBTIQ-Unternehmer*innen aus über 20 europäischen Ländern findest du auf der Website von Identity.vc. – Identity.vc

Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, ob ihr ein Start-up in das Portfolio von Identity.vc aufnehmt? Wir investieren europaweit und branchenübergreifend in junge Start-ups, die gerade ein neues Produkt an den Markt bringen. Voraussetzung ist, dass mindestens eine Person im Führungsteam sich als LGBTIQ identifiziert. Wichtig sind für uns ein attraktiver Markt und ein überzeugendes Team: Gibt es ein Problem, für das die Kundschaft bereit ist zu zahlen? Ist das Team fähig, eine innovative Lösung zu entwickeln und an den Markt zu bringen?

Was hat dich bei Omni überzeugt? Wir haben die Gründer Guy und Shiv schon lange, bevor wir investiert haben, kennengelernt und die Entwicklung von Omni eine Weile beobachtet. Die Kombination aus einem wachsenden Markt und einem sehr starkes Team hat uns überzeugt.

Politisch gesehen gibt es weltweit einen Rechtsruck – besonders bei queeren Themen. Hat das Auswirkungen auf Investor*innen? Ja. Noch vor zwei Jahren investierten viele institutionelle Investor*innen explizit in diverse beziehungsweise unterrepräsentierte Gründer*innen – das existiert heute kaum noch. Insbesondere aus den USA sind viele weitgehend ausgestiegen.

Gleichzeitig engagieren sich Menschen aus der Community stärker, die vorher kaum involviert waren. Bei Identity.vc sind rund 50 % der Investor*innen selbst LGBTIQ. Zugleich zeigt die starke Beteiligung vieler nicht-queerer Investor*innen, dass unsere Mission weit über die Community hinaus Resonanz findet.

Das verfügbare Kapital in diesem Bereich ist deutlich geringer als noch vor 12 bis 24 Monaten. Umso stolzer sind wir, bereits rund 20 Millionen Euro an Kapital mobilisiert zu haben, um es gezielt in von LGBTIQ-geführten Start-ups zu investieren.

Weitere Start-ups, die von Identity.vc gefördert werden

Das Berliner Start-up Ecomio wird ebenfalls von Identity.vc gefördert.
Das Berliner Start-up Ecomio wird ebenfalls von Identity.vc gefördert. (Bild: Lexliana)

eco.mio Das Berliner Climate-Tech-Start-up eco.mio integriert sich nahtlos in Buchungssysteme grosser Unternehmen, um Geschäftsreisen effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Bereits über 149 000 Mitarbeitende nutzen die Lösung und Kund*innen konnten ihre CO2-Emissionen um rund 26 % senken. Im Juni 2024 sicherte sich eco.mio eine niedrige siebenstellige Seed-­Finanzierung, unter anderen von Identity.vc. Erst kürzlich präsentierte das Start-up seine neuste Software, die den Buchungsprozess mithilfe von KI vereinfachen und beschleunigen soll.

Peec AI Peec AI ist ein 2025 gegründetes Berliner Start­up, das Marketing-Teams eine Plattform bietet, mit der sich die Markenpräsenz in KI-­gestützten Suchsystemen analysieren und optimieren lässt. Mechanismen wie Sichtbarkeit oder Positionierung werden messbar gemacht. Innerhalb von fünf Monaten sammelte Peec AI rund 7 Mio. Euro ein, inklusive Beteiligung von Identity.vc.

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