Die Gabe des Gaydar: Tatsache oder Täuschung?
Das Spiel mit der Wahrnehmung
Unser Kolumnist Harlekin sieht gerne queer. Auch den schönen Mann mit Frau und Kind im Hallenbad. Ein poetischer Kommentar über die feine Linie zwischen Realitäten und Illusionen.
«Ich sehe was, was du nicht siehst.» Ein Spiel. Ein Streit. Ein Roman von Birgit Vanderbeke. In der LGBTIQ-Realität kann das heissen: Je feiner der eigene Gaydar ausschlägt, umso häufiger ist man mit dieser Verwirrung konfrontiert. Aber immer lauert die Gefahr, dass man einfach sieht, was man sich wünscht.
Gratwanderungen: Illusionen, Visionen, Realitäten. Erstere sind gerne obsessiv, erklärungsbedürftig und landen irgendwann auf dem Boden der Realität. Eine Vision mag ebenfalls mit einer Fantasie beginnen, bekommt dann aber ein Eigenleben und entpuppt sich schliesslich als neue Realität.
Netflix featuring Andy Warhol: Das passt. Sein Ziel war es vielleicht, die Illusion selber zur Vision zu machen. Er, die lebende Installation – gay, straight, asexuell. Es gab Geister und Gefährten, der genialste war Jean-Michel Basquiat, und ein «Tagebuch». Warhol war ein Künstler im Kontrollieren des Narrativs und nährte das Mysterium um seine Person, indem er stets zwischen Realität und Fiktion oszillierte: «Hätte man keine Fantasien, hätte man keine Probleme.» Heisst aktiv Teilen zensurieren?
Schon der stoische Seneca war ambivalent, was sein «Laster» Homosexualität betraf, aber genoss Männersex und wusste dieses auch seinem Schüler Nero zu vermitteln. Ein Hauch Warhol-Basquiat? Ob er mit der folgenden Sentenz Matrosen oder Ungeoutete ansprach? «Für einen, der nicht weiss, nach welchem Hafen er steuern will, gibt es keinen günstigen Wind.»
Jason Mraz, der sich lange in seichten Gewässern versteckte, outete sich anlässlich eines Pride-Monats poetisch: «I am bi your side, all ways». Als ich den Musiker Jahre zuvor entdeckt hatte, konnte ich nicht glauben, dass er nicht schwul war. Aber in seinem Song «Life is wonderful» wusste er schon damals: «It takes a crane to build a crane, it takes two floors to make a story.»
Als ich Mraz nachspürte, sprang mir Louis Armstrongs Song «What a wonderful world» ins Auge. Und dieser Liedtext erscheint plötzlich wie eine subtile LGBTIQ-Hymne, aber vielleicht ist das meine Déformation professionnelle, ich sehe alles queer: «The colors of the rainbow so pretty in the sky, are also on the faces of people going by, I see friends shaking hands saying how do you do, they’re really saying I love you.» Come on.
Beim Schwimmen im Hallenbad herrscht Klarsicht. Die ganze Welt reduziert sich auf ein Becken und Blau – das Wasser, der Grund, die Gedanken: blau. Wenn danach der schöne – nicht eigene – Ehemann zu dir in die Dusche steigt, wird alles kurz rosarot. Auf dem Parkplatz draussen kreuzt man sich mit Frau und Kind. Alles schweigt schwarz-weiss.
Noch ein Spiel mit der Wahrnehmung kommt im Film «The Power of the Dog» vor. Das Geschehen roh, bedrückend, zugleich zart. Ein Sinnbild der Geschichte besteht darin, welche Figuren den abstrakten Umriss eines Hundekopfes im Gestein einer Bergformation erkennen. Und bei den drei Männern, die den Hund sehen, schliesst sich Armstrongs Regenbogen, sie sind schwul – oder etwas Ähnliches.
Sich dem Glück zuwenden, manchmal auf Biegen und Brechen, mitunter ist das illusorisch, immerzu menschlich. Wie wenn man am traurigen Ende eines Films nochmals dessen glücklichste Szene schaut, um mit einer schönen Vision schlafen zu gehen.
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