Austra: «Ich bin eine weisse Lesbe. Daran ist nichts Revolutionäres»
Die kanadische Sängerin reflektiert im Interview
Das letzte Album der Kanadierin Austra verschwand in der Corona-Pandemie. Jetzt kehrt sie zurück und zeigt sich stärker denn je, offen für alles, was wir Menschen gern ausblenden: unsere Gefühlswelt.
Erinnerst du dich noch daran, wie es bei dir mit der Musik angefangen hat, Austra? Als Kind mochte ich Oper. Die erste Platte ausserhalb der klassischen Welt, die mich dann interessierte, war «The Fragile» von Nine Inch Nails. Eine Freundin aus der Nachbarschaft meinte, dass mir die LP gefallen könnte, weil darauf Klavier zu hören war und ich selbst Klavier spielte.
Was lief bei euch zu Hause? Meine Eltern waren viel cooler als ich es heute bin. Die Lieblingskünstlerin meiner Mutter war Kate Bush. Sie liebte aber auch Annie Lennox und Bob Dylan, mit dem ich weniger anfangen konnte.
Austra
Unter ihrem Zweitnamen gründete Kaitlin «Katie» Austra Stelmanis 2009 das Art-Pop-Projekt Austra. Die Kanadierin mit italienischen, lettischen und britischen Wurzeln hatte zuvor als Mädchen im Chor gesungen und war als junge Erwachsene Teil der Band Galaxy (mit Maya Postepski und Emma McKenna) gewesen. Mit dem Debütalbum «Feel It Break» und der Erfolgssingle «Lose It» gelang Austra 2011 der internationale Durchbruch. Seitdem wurde sie vor allem in queeren Kreisen zum gefeierten Ausnahmetalent erklärt. Stelmanis lebt offen lesbisch, macht aus ihrer sexuellen Identität keinen Hehl und nimmt auch sonst – weder in ihren Songtexten noch in Interviews – ein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, existenzielle Themen zu erörtern.
Wie steht sie zu dem, was du musikalisch machst? Ich glaube, sie ist immer etwas besorgt über meine Alben, weil sie oft klingen, als wäre ich in einer akuten Krise. Das stresst sie. Sonst spreche ich nicht wirklich über Persönliches mit ihr oder meinem Vater. Wenn sie nachfragen, sage ich, alles sei gut. Und plötzlich werden sie mit dieser anderen Version von mir konfrontiert. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie irritiert sind.
Inwiefern unterscheidet sich die private Katie von deinem Kunst-Alter-Ego Austra? Zuletzt habe ich Soundtracks für Film und Fernsehen komponiert. Das war spannend, weil ich als vielschichtige Musikerin und nicht nur als Austra gesehen wurde. Das hat mir geholfen, weil ich mich dadurch kreativ breiter aufstellen kann. Vorher hatte ich oft Druck gefühlt, da Austra mein einziges Projekt war. Ich wusste nicht, wie ich all die verschiedenen Ideen, die ich hatte, damit verbinden könnte. Auch unter meinem bürgerlichen Namen Musik zu veröffentlichen, eröffnet mir mehr Freiheiten. Es ist mir noch nie gelungen, mich als feste Marke zu inszenieren. Ich mache Performancekunst und ändere ständig meine stilistische Ästhetik.
Letzter glücklicher Moment? Ein Wochenende in Paris.
Was bereust du? Nicht früher schon Therapie gemacht zu haben.
Welcher deiner Songs liegt dir aktuell am meisten am Herzen? «The Hopefullness of Dawn»
Favorisiertes Medium, um Musik zu hören? Vinyl.
Deine Meinung zu Streamingportalen? Sie entwerten die Musik.
Welcher Track sollte aus deiner Diskografie gestrichen werden? «Spellwork», aber nur wegen des Titels, der keine gute Wahl war.
Bühne oder Studio? Beides! Sehr unterschiedliche Orte, die ich beide mag.
Erste Tat nach Verlassen der Bühne, wenn ein Konzert zu Ende ist?
Ins Bad gehen und Wasser trinken.
Grösstes musikalisches Vorbild? The Knife, weil sie komplett nach ihren eigenen Regeln spielen.
Passender Filmsoundtrack für dein Leben? «Melancholia» von Lars von Trier. Wenn «Chin Up Buttercup» ein Film wäre, dann dieser.
Ort, an dem du alt werden willst? Irgendwo, wo es keine Autos gibt.
Sind dir queere Aspekte innerhalb deiner Kunst wichtig? Mir ist es wichtiger, Menschen zu finden, mit denen ich mich verbinden kann. Ich bin in Toronto aufgewachsen. In Kanada konnten bereits im Jahr 2003 gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen werden. Als Kind und Jugendliche dachte ich, Homophobie existiere gar nicht. Genauso wenig wie Rassismus. Alles fühlte sich sehr neoliberal an damals. Es gab eine riesige queere Community in Toronto. Jeden Abend – ausser dienstags – konnte man zu einem Event für Schwule oder Lesben gehen. Es war viel los! Es gab eine Party namens «Vazaleen», bei der du immer Gleichgesinnte treffen konntest. Eine sehr inklusive, fantastische Veranstaltung und eine meiner ersten queeren Erfahrungen. Als ich dann andere Länder bereiste, merkte ich natürlich, dass das, was ich kennengelernt hatte, nicht normal war. Das war seltsam und ich war froh, in einer progressiven Stadt zu leben. Heute sind viele von uns in Gefahr. Vor allem trans Menschen. Schrecklich!
«Jeder zweite Popstar ist homosexuell. Das ist kein Statement mehr»
Austra
Kann deine Musik als queeres Sprachrohr fungieren? Ich bin eine weisse Lesbe. Daran ist nichts Revolutionäres. Es gibt viele Menschen, die unterdrückter sind und deren Repräsentation viel dringender ist. Heute ist jeder zweite Popstar homosexuell. Das ist kein Statement mehr.
Wo knüpft dein neues Album «Chin Up Buttercup» an deine bisherigen Werke an? Auch dieses Mal gab es einen Co-Produzenten, meinen Freund Kieran Adams. Er hat einen Jazz-Hintergrund. Ich schlug vor, dass wir uns zu Sessions treffen und ein wenig jammen. Ohne Erwartungen. Der Spass sollte im Vordergrund stehen. Irgendwann waren ein paar Songs fertig und «Chin Up Buttercup» nahm Form an. In Toronto, wo wir leben, gibt es kein gut vernetztes Künstler*innen-Netzwerk wie in New York. Also musste ich mir selbst eines schaffen.
Aktuell wird viel darüber diskutiert, dass Frauen in der Musikindustrie sich gegenseitig mehr unterstützen sollten. Was ist deine Meinung dazu? Alle meine Freundinnen sind Frauen. Ich kenne es nicht anders. Aber ja, die, die wirklich Macht in der Branche haben, sind fast ausschliesslich Männer. Es ist selten möglich, Musik aus einer Frauenperspektive zu machen, ohne dass der «male gaze», also ein männlicher Blick auf Kunst, an irgendeiner Stelle hinzukommt. Das ist ein Phänomen, das ursprünglich aus der Kinowelt stammt. Wenn Frauen einen Film drehen, haben die darin vorkommenden Frauen komplexere Charaktere als bei Filmen, bei denen ein Mann Regie geführt hat. Glücklicherweise kann ich bei einem Indie-Label wie Domino Records tun und lassen, was sich für mich richtig anfühlt. Keiner schaut mir über die Schulter. Wenn man ein grosser Popstar ist, gibt es sicher viele männliche Experten, die einen beraten wollen, wie man sich gut verkauft. Es gibt nur wenige Frauen, die wir als Genies bezeichnen, was traurig ist. Wenn man über die besten amerikanischen Musiker der letzten 100 Jahre spricht, fallen Namen wie Bob Dylan oder Bruce Springsteen. Ich hätte da eine andere Liste im Kopf.
Wer wäre darauf zu finden? Tori Amos, PJ Harvey, Kate Bush und Nina Simone. Vieles, was wir als Gesellschaft konsumieren, wurde aus einem männlichen Blickwinkel kuratiert.
Für «Chin Up Buttercup» hast du die fiktive Figur Buttercup erschaffen. Ja, diese Platte ist sehr persönlich und verletzlich. Buttercup hat mir dabei geholfen, Abstand zu gewinnen, weiter zu gehen und tiefer zu graben, als ohne diese Figur.
Katie blickt zurück auf ihre bisherigen Veröffentlichungen.
Feel It Break (2011) Mein Debüt. Es ist die einzige Platte, an der ich ein halbes Leben gearbeitet habe, bevor sie erschien. Sie ist ein Ort voller Naivität und Unüberlegtheit. Ich wusste nicht, was ich tat und wofür. Ich machte Musik in meiner eigenen kleinen Blase und war glücklich, als ich erfuhr, dass Menschen hören wollten, was ich geschaffen hatte. «Feel It Break» hat mir auch Türen in der Branche geöffnet.
Olympia (2013) Als ich mit den Songs von «Feel It Break» auf Tour war, hatte ich eine Liveband dabei. Deshalb dachte ich, es wäre wichtig, als nächstes eine Bandplatte zu machen. Mir war nicht klar, dass man als Frau auch allein im Popbusiness erfolgreich sein kann, da es im Independent-Bereich noch wenige echte Vorbilder gab. «Olympia» ist das einzige Album, bei dem ich konsequent zusammen mit anderen Musiker*innen geschrieben und komponiert habe. Ich arbeitete viel mit meiner Drummerin Maya Postepski zusammen. Hinzu kam Dorian Wolf am Bass. Er hat eine der besten Baselines aller Zeiten für den Track «Home» beigesteuert. Die Zwillinge Sarah und Romy Lightman halfen mir bei den Lyrics. Zwar hatte ich alles in der Hand, aber wir verstanden uns trotzdem als Kollektiv.
Future Politics (2017) Ich war wieder auf mich gestellt und produzierte diese Platte bewusst im Alleingang. Sie enthält einige meiner stärksten Songs. Natürlich würde ich heute das eine oder andere verändern. Gemischt wurde die LP von meiner damaligen Tontechnikerin und Ex-Freundin. Ich lebte in Mexiko und war von Science-Fiction und Technik sowie der Reaktion der Politik auf deren Fortschritt inspiriert. Selten hatte ich mich so stimuliert gefühlt.
HiRUDiN (2020) Mein introvertiertestes Album. Ich wollte damit nicht viel Platz einnehmen oder ein grosses Statement setzen. Manchmal vergesse ich fast, dass es die Platte gibt, weil sie während der Pandemie veröffentlicht wurde. Ich bin nie mit ihr auf Konzertreise gegangen, und es gab aufgrund von Lockdowns auch kaum Promotion-Termine. Alles wurde von der Pandemie absorbiert. Am wichtigsten war jedoch die Erkenntnis, dass ich nicht alles selbst machen muss. Für «HiRUDiN» habe ich mit dem Co-Produzenten Rodaidh McDonald gearbeitet.
Du beschreibst die Platte als ein Narrativ über den sozialen Druck, normal funktionieren zu müssen, selbst wenn man etwas Traumatisches erlebt hat. Kannst du das näher erklären? Ich glaube, vielen Menschen fehlt das Wissen, um mit grossen und schweren Emotionen umzugehen. Also versuchen sie, diese Gefühle zu ignorieren oder loszuwerden. Selten lassen sich Leute auf diese Gefühle ein, wobei wir das alle sollten. Ich musste schmerzlich lernen, dass ich meine Emotionen nicht kontrollieren kann, sondern mich mit ihnen auseinandersetzen muss. Wenn man Freund*innen oder vielleicht auch einen Therapeuten hat, mit denen man diesen Prozess teilen kann, ist das sehr hilfreich. Und es verbindet! Du fühlst dich nicht mehr isoliert. Aber natürlich kann es für ein Gegenüber auch überfordernd sein, wenn du dich öffnest, und du kommst dir wie ein Alien vor, wenn dir jemand spiegelt, dass das, was du gerade erlebst, seltsam ist. Ich habe in den letzten fünf Jahren verschiedene Therapien gemacht.
Waren das gute Erfahrungen? Oh mein Gott, absolut! Jede einzelne hat eine entscheidende Rolle gespielt. Zunächst hatte ich direkt nach einer Trennung eine Therapeutin, als ich eine Weile in London lebte. Irgendwann musste ich jedoch feststellen, dass wir beide nicht zueinander passten. Ausserdem hatte sie nur eine Zulassung für Beratungen und Coachings, was ich später herausfand. Trotzdem hat sie mir im ersten Schockmoment nach der Trennung geholfen. Anschliessend fand ich eine sehr kompetente Therapeutin, bei der ich eine Weile in Behandlung war. Sie empfahl mir dann einen Kollegen, der EMDR* anbot. Das war eine unglaubliche Erfahrung! Der Behandler danach war eine Katastrophe, weswegen ich nicht weiter über ihn reden möchte.
Danke für deine Offenheit. Therapie ist für viele noch immer ein sehr tabuisiertes Thema, das definitiv mehr Aufmerksamkeit braucht.
*Anmerkung: Bei EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) erinnert sich die betroffene Person an eine belastende Situation, während sie gleichzeitig bilateral stimuliert wird, d. h., ihre Aufmerksamkeit wird abwechselnd nach links und rechts gelenkt (z. B. durch Augenbewegungen, Töne oder Berührungen). Diese Stimulation soll helfen, die emotionalen Erinnerungen an ein Trauma im Gehirn neu zu verarbeiten, sodass sie weniger belastend werden.
Unterstütze LGBTIQ-Journalismus
Unsere Inhalte sind für dich gemacht, aber wir sind auf deinen Support angewiesen. Mit einem Abo erhältst du Zugang zu allen Artikeln – und hilfst uns dabei, weiterhin unabhängige Berichterstattung zu liefern. Werde jetzt Teil der MANNSCHAFT!