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«Auch so eine Schwuchtel?» – Homophober Übergriff in St. Moritz

Ein Modedesigner wurde in einer Hotelbar als «Schwuchtel» zusammengeschlagen, die Direktion des 4-Sterne-Hotels hält es für «gewagt» daraus eine homophobe Tat abzuleiten

Homophober Übergriff St Moritz
Der Vorfall ereigenete sich kurz vor 1 Uhr morgens in einer Hotelbar in St. Moritz (Foto: Sepp Rutz / Unsplash)

Im internationalen Luxusskiort St. Moritz kam es zu einem wenig «noblen» Zwischenfall, als ein Gast aus Zürich nach Mitternacht auf die Toilette der «Stübli»-Bar im 4-Sterne-Superior-Hotel Schweizerhof gehen wollte. Dort wurde er von einem unbekannten Mann gepackt und gefragt, ob er «auch so eine Schwuchtel» sei wie sein Kollege. Danach eskalierte die Situation.

Der Züricher Benjamin Patrick Hämmig ist Gründer und Besitzer der Modemarke Ben David, die auch einen eigenen Online-Shop betreibt und «Dienstleistungen von Fotografie und Beratung für Mode Unternehmen und Einzelpersonen» anbietet, wie es auf der Seite des Schweizer «Business Monitor» heisst. Der 31-jährige war Ende Februar in St. Moritz und verbrachte dort, nach eigener Angabe, am 23.2. einen ganz normalen Abend. Bis er kurz vor 1 Uhr morgens von der Toilette zurückkam. Und er mit der Schwuchtelfrage konfrontiert wurde.

Homophober Übergriff St Moritz
Das 4-Sterne-Superior-Hotel Schweizerhof in St. Moritz, wie es sich selbst auf Instagram präsentiert (Foto: Instagram / schweizerhofstmoritz)

«Ich antwortete mit Ja, weil ich offen zu meiner Homosexualität stehe», erzählte Hämmig später dem Nachrichtenportal 20 Minuten. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, habe ihm der Unbekannte demnach mit der Faust ins Gesicht geschlagen, das blutüberströmt gewesen sei.

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«Ich musste sofort in die Klinik», so Hämming, «wo ich mit vier Stichen genäht wurde und ein Verdacht auf Hirnerschütterung diagnostiziert wurde.» Er leitete an 20 Minuten ein entsprechendes Selfie von sich weiter, das veröffentlicht wurde und das anschliessend mehrere andere Zeitungen ebenfalls publik machten.

Homophober Übergriff St Moritz
Das Selfie von Ben Hämming, das von der Zeitung 20 Minuten veröffentlicht wurde (Foto: 20 Minuten)

Nach Aussage des Angegriffenen sei keiner der weiteren Bar- bzw. Hotelgäste eingeschritten, um den Aggressor zu stoppen. Oder um die Polizei zu rufen.

Sonst tolerant und offen
Nicht nur Hämming, auch sein gesamtes Umfeld sei schockiert über den Vorfall, berichtet 20 Minuten: «Ich bin nun viele Jahre im Ausgang unterwegs, aber so etwas habe ich wirklich noch nie erlebt. Ich habe sowohl St. Moritz wie auch Zürich immer als sehr offen und tolerant kennengelernt, bin auch öfters in Hetero-Clubs und hatte nie Probleme.»

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Beim Hotel Schweizerhof hat man Kenntnis von dem Vorfall, wie die Hoteldirektion mitteilte. Die Sicherheitskräfte hätten einen Gast mit aufgeschlagenen Augenbrauen angetroffen und erste Hilfe geleistet, hiess es. Mit der fast lapidar wirkenden Ergänzung bzw. herunterspielenden Entschuldigung: «Es kommt leider immer wieder einmal vor, dass sich Gäste zu fortgeschrittener Stunde in unglückliche Händel verstricken.»

Homophober Übergriff St Moritz
Blick in den Speisesaal des Hotels Schweizerhof (Foto: Instagram / schweizerhofstmoritz)

Unglückliche Händel? «Dass einer unserer Gäste verletzt wurde, tut uns ausserordentlich leid», kommentierte das Hotel des Vorfall und meinte, es gelinge meist, solche «Händel» zu schlichten, bevor es zu Handgreiflichkeiten käme, weswegen Verletzungen «glücklicherweise höchst selten» seien.

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Im Hotel seien «alle Gäste ungeachtet ihrer sexuellen Ausrichtung willkommen» und würden «gleichermassen herzlich bedient», hiess es von Seiten der Hoteldirektion. Gleichzeitig relativiert sie jedoch Hämmings Vorwurf, dass die Auseinandersetzung eine homophobe Motivation gehabt habe: «Aus einem für uns alltäglichen Problem, dem Kontrollverlust Einzelner unter Alkoholeinfluss, eine homophobe Tat abzuleiten, ist sehr gewagt.»

Solidarität und Empathie
Man könnte auch sagen, dass ein solches Statement im Zusammenhang mit einer mitternächtlichen «Schwuchtel»-Attacke sehr gewagt ist. MANNSCHAFT hat das Hotel Schweizerhof um eine Stellungnahme gebeten. Eine Antwort steht noch aus.

Von der mangelnden Solidarität und Empathie überrascht, entschied sich der Modedesigner jetzt, den Fall öffentlich zu machen. «Es darf einfach nicht sein, dass man wegen seiner Sexualität angegriffen und verletzt wird – auch die Vorfälle in Zürich haben gezeigt, dass das ein aktuelles Problem ist in unserer Gesellschaft und dass man die auf keinen Fall verharmlosen darf.» (MANNSCHAFT berichtete über die jüngsten Vorfälle in Zürich.)

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Der 31-Jährige hoffe nun, dass der Täter gefasst werden könne. Eine Anzeige gegen unbekannt habe er bei der Polizei erstattet.

Die Kantonspolizei Graubünden bestätigt das: «Die Ermittlungen laufen.»

Über die Aktion «20.000 Regenbogenfahnen für eine Schweiz ohne Hass» im Zusammenhang mit der Volksabstimmung im Februar 2020 zum Diskriminierungsverbot von Lesben, Schwulen und Bisexuellen hatte MANNSCHAFT berichtet, ebenso über die homophoben Übergriffe, die sich in Zürich noch am Tag der Abstimmung selbst ereigneten, eine Abstimmung, die mit einem deutlichen «Ja» zum Schutz vor Hass ausging. Ein Schutz, der auch in St. Moritz gilt.

Kevin Clarke

Geschrieben von

Dr. Kevin Clarke hat in Berlin und Mailand Musikwissenschaft sowie Literaturgeschichte studiert. Er spezialisierte sich früh auf LGBTIQ-Themen im Kulturbereich. 2007 veröffentlichte er das Buch «Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer», ab 2010 kuratierte er im Schwulen Museum verschiedene Ausstellungen, u. a. «Porn That Way» und «Superqueeroes». Von ihm gibt es mehrere international erfolgreiche Bücher, z. B. «Beards: An Unshaved History» und eine Biografie von Charles Leslie («The Art of Looking»). Clarke lebt mit seiner Familie in Berlin. Er unterrichtet an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

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