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Verfolgung schwuler Männer in Tschetschenien hält an

Zuletzt wurde ein Mann in Moskau entführt und über Homosexuelle verhört

Tschetschenien
«Welcome to Chechnya» zeigt Verfolgte Tschetschenen auf der Flucht. (Bild: Public Square Films)

Das Russische LGBT Network berichtet, dass im Mai 2021 tschetschenisch sprechende Männer Ibragim Selimkhanov in Moskau entführt und gewaltsam in die tschetschenische Hauptstadt Grosny zurückgebracht haben, wo er von den Behörden über Homosexuelle in der Region verhört wurde. Nun konnte er entkommen, berichtet Human Rights Watch.

Human Rights Watch (HRW) verweist auf dieses jüngste Kapitel in Tschetscheniens unerbittlichen Attacken auf LGBTIQ und erinnert in einem Blogeintrag: In den Jahren 2017 und 2019 führten die tschetschenischen Behörden tödliche «Säuberungsaktionen» gegen Männer durch, die als schwul oder bisexuell eingestuft wurden (MANNSCHAFT berichtete). Der preisgekrönte Dokumentarfilm «Welcome to Chechnya» schildert die Aktionen im Detail und dokumentiert auch die Erfahrungen von lesbischen Frauen, deren grausame Torturen in der Regel von Familienmitgliedern weitergeführt werden.

Die Gefangenen wurden mit einem Elektroschock-Stock geschlagen und vergewaltigt. Alle Männer wurden kahl rasiert, man zwang sie, Frauenkleider zu tragen und einander mit Frauennamen anzusprechen, berichteten Opfer (MANNSCHAFT berichtete).

Regierungskritiker*innen und andere unerwünschte Personen müssen in Tschetschenien mit Vergeltungsmassnahmen durch einen rücksichtslosen Sicherheitsapparat rechnen, gegen den es kaum Möglichkeiten gibt, sich zu wehren. Die Behörden kontrollieren praktisch alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens, einschliesslich Politik, Religion, akademischer Diskurse und Familienangelegenheiten.


Als 2017 Berichte über die Säuberungen auftauchten, begannen schwule und bisexuelle Männer aus Tschetschenien zu fliehen, da sie die Gefahren kannten, denen sie ausgesetzt waren. «Magomed», eins der Opfer, sagte gegenüber HRW: «Mein Leben ist ruiniert. Ich kann nicht zurückkehren. Und hier ist es auch nicht sicher. Sie haben lange Arme, und sie können mich und die anderen überall in Russland finden, es ist nur eine Frage der Zeit.»

Die Drohungen verfolgten die Menschen auch im Ausland. Im September 2017, nur wenige Monate nach seiner Flucht aus Tschetschenien und seiner Ankunft in Kanada, wurde ein tschetschenischer schwuler Mann in Toronto bedroht. Die Polizei ging der Behauptung nach, zwei tschetschenische Männer hätten ihn über eine Dating-App angelockt und ihn dann wegen seiner sexuellen Orientierung beschimpft.

Im Februar 2021 nahm die russische Polizei Salekh Magamadov und Ismail Isaev fest, die aus Tschetschenien geflohen waren, und brachte sie nach Grosny zurück, wo sie nach wie vor in Haft sitzen und wegen der Veröffentlichung regierungsfeindlicher Botschaften in sozialen Medien angeklagt sind. Im März haben die tschetschenischen Behörden Familienangehörige der Männer festgenommen und bedroht, die Zugang zu einem Rechtsbeistand forderten.


Mehrere Menschenrechtsexperten der Vereinten Nationen und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte haben gefordert, den Männern Zugang zu medizinischer Versorgung und Anwälten zu gewähren. Ein Anwalt habe sich schliesslich Anfang dieses Monats mit ihnen getroffen und berichtete, dass die beiden in der Haft gefoltert worden waren.

Aktuell habe Selimkhanov noch Glück, so HRW. Die Behörden liessen ihn frei, damit er unter Aufsicht bei seiner Mutter leben konnte, und später konnte er ein zweites Mal aus Tschetschenien fliehen. Doch solange Moskau die rücksichtslose Kampagne toleriere und die Täter nicht zur Rechenschaft ziehe, werde niemand sicher sein, so die Menschenrechtsaktivist*innen.



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