«Lilies Not For Me» erzählt erschütterndes Kapitel LGBTIQ-Geschichte

Soeben auf DVD erschienen

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Louis Hofmann in «Lilies Not For Me» (Bild: Salzgeber)

Im England der 1920er soll Homosexualität in einer Nervenklinik wegtherapiert werden. Davon handelt der Film «Lilies Not For Me», der nie im Kino lief, aber nun als DVD erscheint.

Unbeholfen und miteinander fremdelnd sitzen der junge Schriftsteller Owen (Fionn O‘Shea) und die Krankenschwester Dorothy (Erin Kellyman) bei Brot und Käse gegenüber, irgendwie fehlen ihnen die richtigen Worte. Doch es ist kein romantisches Date, mit dem «Lilies Not For Me» beginnt, das Regiedebüt von Will Seefried. Viel mehr ist das Gespräch Teil des Versuchs einer aufgezwungenen «Heilung», mit dem Owen – kombiniert mit Injektionen – im England der 1920er in einer Nervenklinik seine Homosexualität wegtherapiert werden soll.

Es ist seine eigene Geschichte, die Owen schliesslich der zusehends Empathie entwickelnden jungen Pflegekraft anvertraut, und sie nimmt den Löwenanteil ein unter den zwei Erzählebenen des Films. In den Rückblenden lebt er zurückgezogen in einem idyllischen Cottage auf dem Lande, der erste Roman ist bereits erschienen. Ein Besuch seines aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrten Schulfreundes Philip (Robert Aramayo) lässt sein Herz höherschlagen, denn dass ihre verbotenen Gefühle füreinander nicht nur platonischer Art waren, hatten beide schon früher geahnt.

Dass sie ihre Leidenschaft nun auch ausleben, bleibt allerdings ein kurzer Moment des Glücks. Denn eigentlich ist Philip, inzwischen Arzt, gekommen, um Owen davon zu berichten, dass die Medizin endlich einen Weg der «Heilung» – und will den riskanten Eingriff direkt im Eigenversuch vornehmen. Owen, der sich anders als sein Freund nicht als krank empfindet, erklärt sich bereit zu helfen, selbst wenn für die Operation die selbstverständlich nicht freiwillige Organspende eines Fremden nötig ist. Als dann der charmante, einst in jenem Cottage aufgewachsene Charles (Louis Hofmann) auftaucht und nach seinem Vater sucht, verliebt sich Owen. Doch ihr Moment der Idylle nimmt ein tragisches Ende – und führt in letzter Konsequenz dazu, dass der Schriftsteller in der Anstalt landet.

Ob die Ereignisse in der ländlichen Abgeschiedenheit tatsächlich wahrhaftige Erinnerungen oder doch eher die von Owen für einen neuen Roman ausgeschmückte Version sind, lässt «Lilies Not For Me» bis zum Schluss auf reizvolle Weise offen. Letzteres würde manche Unglaubwürdigkeit erklären, die der Geschichte innewohnen. Die Spontanität, mit der hier eine nicht unerhebliche Heim-Operation vorgenommen wird, verwundert jedenfalls ebenso sehr wie die Tatsache, dass Charles das ursprüngliche Anliegen seines Besuchs allzu schnell aus den Augen zu verlieren scheint.

Die überzeugenden Leistungen seines Ensembles sind das grösste Pfund, mit dem Seefried wuchern kann, und auch Kameramann Cory Fraiman-Lott legt sich ins Zeug. Nur die Balance zwischen sonnendurchfluteter, fast zur Utopie ästhetisierter Romanze und den in kühles Graublau getauchten Qualen eines Medizin-Dramas gelingt in «Lilies Not For Me» (der Titel ist einem Gedicht von Digby Mackworth Dolben entliehen) nicht immer. Was bleibt, ist ein Film, der berührend und bieder gleichermassen ist, und ein erschütterndes Kapitel LGBTIQ-Geschichte beleuchtet, wurden doch die Thesen des Österreichers Eugen Steinachs zur «Homo-Heilung» durch Testikel-Transplantationen erst nach zahllosen Eingriffen in den 1910er und -20er Jahren widerlegt.

Europarats-Gremium fordert: «Konversionstherapien» verbieten! Dazu gehören oft spirituelle und religiöse Rituale sowie körperlicher und sexueller Missbrauch (MANNSCHAFT berichtete).

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