In Zürich ermordet und geächtet: Neues Buch über schwulen Komponisten

Robert Oboussier lebte seine Homosexualität zeitlebens im Geheimen aus.
Robert Oboussier lebte seine Homosexualität zeitlebens im Geheimen aus. (Bild: Zentralbibilothek Zürich via schwulengeschichte.ch)

1957 wurde der gefeierte Komponist Robert Oboussier brutal ermordet. Anlässlich seines 125. Geburtstags widmet sich ein neues Buch erstmals ausführlich seinem Leben und Wirken.

Was Stigmatisierung alles bewirken kann: Zu seinen Lebzeiten war der Schweizer Komponist Robert Oboussier international bekannt. Seine nach dem Tod ans Licht gekommene Homosexualität sorgte 1957 für einen grossen Skandal und führte dazu, dass der Schweizer Komponist schnell in Vergessenheit geriet. Das neue Buch «Robert Oboussier. Beiträge zu einem verschwiegenen Opus» zeichnet sein Leben, sein Werk und die Umstände nach, die zu seinem Verschwinden aus dem kulturellen Gedächtnis führten.

Oboussier wurde 1900 in Antwerpen geboren und studierte Musik in Deutschland und der Schweiz. Ab den 1920er-Jahren wurden seine Werke international aufgeführt. Er arbeitete als Komponist, Musikkritiker und Musikredakteur und stand in engem Austausch mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit. 1939 emigrierte er als erklärter Gegner des Nationalsozialismus nach Zürich, wo er zentrale Funktionen im Schweizer Musikleben übernahm.

Am 4. Juni 1957 wurde eines seiner Werke an den Internationalen Weltmusiktagen in Zürich aufgeführt. Fünf Tage später wurde Oboussier in seiner Wohnung ermordet. Er lebte seine sexuelle Orientierung nicht offen, bewegte sich jedoch in schwulen Kreisen und knüpfte Kontakte im damals bekannten Treffpunkt Arboretum. In der Tatnacht führte er den 18-jährigen Walter in seine Wohnung. Dieser gab später gegenüber der Polizei an, Oboussier habe von ihm «widerliche Handlungen» verlangt. Am Morgen habe er die Situation nicht mehr ertragen und den Komponisten mit einem Gewichtstein tödlich verletzt.

Nachdem bekannt wurde, dass sich die Tat im «homosexuellen Milieu» ereignet hatte, rückte Oboussiers sexuelle Orientierung in den Fokus der Berichterstattung. Der Mord markierte einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung des Komponisten. Oboussier wurde zunehmend stigmatisiert, sein Werk kaum mehr aufgeführt – obwohl Homosexualität zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz bereits legal war.

Das Buch untersucht diese Mechanismen und ordnet Oboussiers Schicksal historisch ein, unter anderem mit einem Beitrag des LGBTIQ-Aktivisten Ernst Ostertag. Herausgeber Ramon Bischoff schreibt: «Die Diskrepanz zwischen seiner Prominenz und seinem Verschwinden aus dem öffentlichen Bewusstsein schon wenige Monate nach seinem Tod ist erschütternd und kaum nachvollziehbar.»

Ab sofort bei Edition Clandestin erhältlich: «Robert Oboussier: Beiträge zu einem verschwiegenen Opus»
Ab sofort erhältlich: «Robert Oboussier: Beiträge zu einem verschwiegenen Opus». (Bild: Edition Clandestin)

Erstmals veröffentlicht die Publikation ein vollständiges Werkverzeichnis. Begleitet wird sie von der ersten CD mit Musik von Robert Oboussier. Das Projekt versteht sich als späte Würdigung eines Komponisten, dessen Leben und Werk durch Mord und Homophobie nachhaltig verdrängt wurden.

Mehr: Erstmals in der Schweiz: Eigenes Alterswohnen für LGBTIQ (MANNSCHAFT berichtete)

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