Grünen-Abgeordnete Langsch: «Ich bin mehr als nur trans»
Vor kurzem arbeitete sie noch in einer Organisation, die sich für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt einsetzt
Jünger und vielfältiger ist Schleswig-Holsteins Landtag durch die Wahl am 8. Mai geworden. Erstmals sitzt eine trans Frau im Parlament an der Kieler Förde: die Grünen-Abgeordnete Anna Langsch.
Von André Klohn, dpa
Wenn Anna Langsch nach einem langen Arbeitstag runterkommen will, dann baut sie. Rein virtuell in einem PC-Spiel. «Da kann man wirklich klimaneutrale Städte bauen», sagt Langsch. Im Landtag in Kiel hat die Grünen-Politikerin jetzt die Möglichkeit, an der Klimapolitik eines ganzen Bundeslandes mitzuwirken. Bei der Landtagswahl am 8. Mai gewann Langsch überraschend das Direktmandat im Wahlkreis Kiel-West. Sie ist die erste trans Abgeordnete in der Geschichte des Schleswig-Holsteinischen Landtags.
«Ich bin aber mehr als nur trans», sagt die 39-Jährige. Aus ihrer persönlichen Geschichte macht sie keinen Hehl, geht offen damit um. «Denn es gehört zu meiner politischen Geschichte und war auch ein Teil meiner Kandidatur.» Das sei wichtig für Menschen, die sie gewählt hätten. Für die wolle sie sich im Landtag einsetzen. «Ich kann nicht sagen, jetzt bin ich Abgeordnete und rede da nicht mehr drüber.»
Langsch ist Späteinsteigerin, kommt aus keiner Nachwuchsorganisation. Ihr Interesse für die Politik weckte das Ende der Ära von Kanzler Helmut Kohl (CDU) 1998. Bis zu ihrem Parteieintritt sollte es aber 20 weitere Jahre dauern. Bis vor wenigen Monaten arbeitete sie in einer landesweit tätigen Organisation, die sich für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt einsetzt. «In die Politik kam ich über meine Arbeit», sagt Langsch. Dort lernte sie den heutigen Grünen-Europaabgeordneten Rasmus Andresen kennen. Als der den Landtag verliess, gab sich Langsch einen Ruck und engagierte sich ab 2018 parteipolitisch.
Grünen-Landeschef Steffen Regis lobt Langsch als «starke Persönlichkeit», die nicht nur mit grosser Überzeugung für Queer-Rechte eintrete, sondern dabei auch sehr überzeugend sei. «Mit ihrer grossen Willensstärke und als verlässliche Teamspielerin bereichert sie unser Grünes Team im Landtag.»
Für die Grünen verhandelt Langsch derzeit im Bereich Soziales über die geplante schwarz-grüne Koalition unter Führung von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) mit. Die Union im Norden sei zwar nicht mit der in südlichen Bundesländern vergleichbar, sagt Langsch. Dennoch lösten manche Schlagworte bei der Union Widerstände aus. Ein Koalitionsvertrag werde halt «nie die reine Lehre, es muss auch keine Liebesheirat mit der CDU sein».
Im Landtag will Langsch dazu beitragen, mehr Akzeptanz für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu schaffen. «Trans erzeugt grosse Sichtbarkeit, das will ich nutzen, denn beim Thema geschlechtlicher Vielfalt sind wir 30 Jahre hinter der schwul-lesbischen Bewegung.»
Langsch sei bis zu ihrem Coming-out im Jahr 2014 jahrelang für ihre langen Haare gehänselt worden. «Einen Tag nachdem ich mich als trans-weiblich geoutet habe, bekam ich auf einmal Komplimente für dieselben Haare.» Die Menschen setzten dann «eine andere Brille auf, mit der sie dich lesen».
Ebenso wichtig sind der Norddeutschen der Umweltschutz und die Verkehrswende. «Wer Strassen sät, wird Autos ernten», sagt Langsch. Ihren VW-Bus hat sie bereits vor 20 Jahren verkauft, ist seitdem mit dem Rennrad unterwegs. Auch gerne längere Strecken. «100 Kilometer sind machbar, das habe ich schon geschafft.» Joggen sei ihr zu langweilig, beim Radfahren entspanne sie besser. Oder bei als anspruchsvoll geltenden Rollenspielen wie der «Dark Souls»-Videospiel-Reihe. «Dafür muss man frustresistent sein», sagt Langsch. Wie in der Politik zuweilen.
Am 10. September 1980, wurde das «Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetz – TSG)» verabschiedet. Zeit für eine Reform, sagen nicht nur die Grünen (MANNSCHAFT berichtete).
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