François Ozon: Fassbinder war eine Art grosser Bruder
«Peter von Kant» erzählt eine schwule statt eine lesbische Story
Der französische Regisseur François Ozon schreibt dem deutschen Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) grossen Einfluss auf sein Werk zu. «Er war für mich wie eine Art grosser Bruder», sagte Ozon (54, «Swimming Pool») am Donnerstag auf der Berlinale. Er habe alle seine Filme gesehen.
Am Abend sollte das Festival mit Ozons «Peter von Kant» eröffnet werden. Die Titelrolle, einen Filmregisseur, spielt Denis Ménochet, Khalil Gharbia ist sein Lover Amir. Ausserdem gehören Isabelle Adjani und Hanna Schygulla zur Besetzung, sie waren aber in Berlin nicht dabei.
Ozon bezieht sich auf Fassbinders «Die bitteren Tränen der Petra von Kant» aus dem Jahr 1972. Im Original geht es um eine Modeschöpferin, die ihre Sekretärin abschätzig behandelt und sich in ein weibliches Model verliebt – Hanna Schygulla war bereits darin zu sehen. «Ich mag sie sehr», sagte Ozon. Ihr leichter deutscher Akzent erinnert die Franzosen demnach an Romy Schneider früher.
Der Film zeigt viel Retrooptik. Flauschige Teppiche, barocke Bilder und koksende Leute, deren Beziehungen irgendwann eskalieren. «Ich glaub‘, der Mensch ist so gemacht, dass er den anderen Menschen braucht. Doch hat er nicht gelernt, wie man zusammen ist.» Diese Passage aus dem Original taucht auch in der Neuauflage auf.
Perspektivwechsel von einer lesbischen auf eine schwule Story Ozon ändert aber einen entscheidenden Punkt: Während «Die bitteren Tränen der Petra von Kant» von einer tyrannischen Modedesignerin erzählt, die sich in ein weibliches Model verliebt, besetzt Ozon die Geschichte mit Männern. Aber warum eigentlich?
Der Perspektivwechsel – von einer lesbischen auf eine schwule Story – bringt keinen Gewinn an erzählerischem Gewicht. Bei Fassbinder hat der Fokus auf eine Frauenliebe auch zum Nachdenken über Geschlechterrollen geführt. Bei Ozon lässt sich nichts dergleichen entdecken. Dazu bleibt der Film zu sehr im Privaten.
Einige Szenen lassen die Lesart zu, dass der Film als Satire auf die Verlogenheit des menschlichen Miteinanders im Showgeschäft deutbar sein könnte. Doch wird das, wenn überhaupt angestrebt, zu kraftlos und weinerlich erzählt. Oder will sich Ozon von seinem großen Vorbild Fassbinder lossagen? Warum sonst macht er aus ihm eine lächerliche Figur?
Schygulla erklärte in der Berliner Zeitung ihr Fehlen mit den Worten, der Festivalleiter habe ihr versichert, dass alles unter höchsten Sicherheitsmassnahmen stattfinde. «Aber auch wenn die Leute die Dreifachimpfung haben, können sie übertragen. Für jemanden wie mich ist das nichts.»
Sie sei wegen Covid schon so lange nicht mehr in Berlin gewesen, sagte die 78-Jährige laut der Zeitung bei einem Telefonat aus Paris. «Ich hab das jetzt sehr ernst genommen, denn ich habe einige Freunde und Bekannte durch die Krankheit verloren.»
Ich hab zum Fassbinder gesagt: Lass mich in Zukunft aus solchen Rollen heraus!
Zum Fassbinder-Film sagte Schygulla: «Ich hab mich damals auch nicht mit der Rolle identifiziert. Ich hab zum Fassbinder gesagt: Lass mich in Zukunft aus solchen Rollen heraus. Da war er so beleidigt. Ich fand die Rolle furchtbar. Als Charakterstudie sehr flach. Ich mochte mich in dem Film selber auch nicht. Ich mochte den ganzen Film nicht.» Aber er sei sehr, sehr erfolgreich gewesen. Das habe ihr natürlich zu denken gegeben. Den Ozon-Film möge sie auch nicht lieber. «Aber er ist gut gemacht.»
Erst letztes Jahr lief Ozons «Sommer 85» im Kino – ein Film über die Liebe zwischen zwei Jungs (MANNSCHAFT berichtete).
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