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Wirbel um Anti-LGBTIQ-Kommentar: Distanzierung bleibt aus

Vier Erkenntnisse aus dem Fall Bohnenblust

Sandro Bohnenblust
Symbolbild: Mauricio Mascaro, Pexels

Am 4. Juli postete das Facebook-Konto von Supermarket-Geschäftsleiter Sandro Bohnenblust einen LGBTIQ-feindlichen Kommentar. Eine Klärung des Vorfalls ist auch zehn Tage später nicht in Sichtweite, wohl aber die eine oder andere Erkenntnis.

Die Ausgangslage: Der Club Supermarket in Zürich ist seit über 20 Jahren ein beliebter Treffpunkt für die House- und Technoszene, auch für die LGBTIQ-Community. Am 4. Juli setzte das Facebook-Konto von Geschäftsleiter Sandro Bohnenblust folgenden Kommentar auf Facebook ab: ««LBTQ bedeutet sexuelles Chaos und Verderben der Familienstruktur. Seit 250 Jahren führen solch degenerierte Moralvorstellungen statistisch zu höherer Armut, mehr übertragbaren Krankheiten, Zerstörung von sozialer Stabilität, Kinder mit niederem Selbstwertgefühl .. usw! Welche Ideologie steckt dahinter?»

Es dauerte nicht lange, bis sich Screenshots in den Sozialen Medien verbreiteten und ein regelrechter Shitstorm seinen Lauf nahm. Mitglieder der LGBTIQ-Community drückten ihre Entrüstung auf, kündigten an, den Club fortan zu boykottieren. Die Boulevardzeitung Blick griff noch am selben Tag die Geschichte auf und holte Bohnenblust ans Telefon. Dieser beteuerte seine Unschuld, das Facebook-Konto sei gehackt worden.

bohnenblust
Der Kommentar wurde vom Facebook-Konto von Sandro Bohnenblust veröffentlicht. (Bild: Screenshot/Facebook.com/baumann.bastian)

Die Erklärung scheint bei vielen aus der LGBTIQ-Community nicht so richtig zu greifen, wie aus den sozialen Medien zu entnehmen ist. Auch heute, zehn Tag nach dem mittlerweile gelöschten Kommentar, ist die Skepsis innerhalb der Zürcher Ausgeh-Community gross. Eine Petition fordert eine lückenlose Aufklärung des Falls bis zum 15. Juli und zählt inzwischen knapp 1850 Unterschriften.


Eine Überprüfung von Bohnenblusts Behauptungen eines Hackerangriffs dürfte schwierig sein, wenn nicht unmöglich. Eine Anfrage von MANNSCHAFT an Facebook blieb bis heute unbeantwortet. Eine lückenlose Klärung des Sachverhalts scheint unwahrscheinlich, für Bohnenblust gilt die Unschuldsvermutung. Es bleiben die folgenden Erkenntnisse:

1. Ein klares Bekenntnis zur LGBTIQ-Community fehlt
Bohnenblust streitet ab, den LGBTIQ-feindlichen Kommentar auf Facebook verfasst zu haben. Was jedoch fehlt, ist eine klare Distanzierung zum hetzerischen Inhalt des Posts. Ein klares Bekenntnis zur queeren Community oder wenigstens eine Wertschätzung von LGBTIQ-Clubgästen hätten Bohnenblusts Aussagen mehr Glaubwürdigkeit geschenkt. Die Anfrage von MANNSCHAFT vom 7. Juli an den Club Supermarket mit der Frage, ob ein solches Statement geplant sei, blieb unbeantwortet. Auch nach der zweiten E-Mail vom 13. Juli gab es für MANNSCHAFT keine Stellungnahme. Gegenüber den Mainstreammedien, in diesem Fall 20 Minuten, sagt Bohnenblust lediglich: «Wir beschäftigen etwa auch Personen aus der LGBTIQ-Community.»

2. Der Sachverhalt bleibt unklar
Als Bohnenblust am 4. Juli auf Facebook den hetzerischen Kommentar dementiert, weisen User*innen daraufhin, dass seine Schreibweise zwei Gemeinsamkeiten mit der Schreibweise des angeblichen Hackers, der angeblichen Hackerin aufweisen. So schreibt Bohnenblust ebenfalls «LBTQ» statt LGBTIQ oder LGBT und verwendet statt den standardmässigen drei Auslassungspunkten nur zwei. User*innen forderten Bohnenblust auf, Belege für die Meldung des gehackten Kontos an Facebook zu posten. Darauf kommentierte er nur: «Telefongespräch!» Gegenüber dem Tages-Anzeiger dementierte Bohnenblust, mit Facebook telefoniert zu haben.


3. Es ist nicht die einzige Kontroverse um den Club Supermarket
Ein Bekenntnis zu queeren Clubgästen gab es zwar nicht vom Supermarket, sondern von der Bar & Club Kommission Zürich (BCK), eine Interessensgemeinschaft von Kulturbetrieben, die im Zürcher Nachtleben tätig sind. «Ohne LGBTIQ-Community würde Zürich nicht tanzen», heisst es auf Facebook. Und: «Solch menschenfeindliche und diskriminierende Aussagen sind nicht tolerierbar.»

Nur: Der Supermarket Club ist seit dem 12. Juni nicht mehr Mitglied in der BCK. Grund für den Austritt sind Meinungsverschiedenheiten zum Covid-Zertifikat. Dieses ermöglicht geimpften, genesenen und negativ getesteten Personen ein Zutritt zu Clubs ohne Einschränkungen. In den Sozialen Medien sprach sich Bohnenblust mehrmals gegen Clubeintritte mit Zertifikat aus. Der Club Supermarket umgeht die Zertifikatspflicht so gut es geht mit Partys tagsüber und im Freien. Bohnenblust engagierte sich für das Covid-Referendum und sammelte Unterschriften. Gegenüber dem Tages-Anzeiger sagte er: «Mich stört die Politisierung der Clublandschaft. Politik interessiert mich nämlich nicht.» Ferner sei es sein Einsatz für das Covid-Referendum, der zu Hackerangriffen nicht nur auf sein Facebook-Konto, sondern auch auf die Website des Supermarkets geführt habe.

4. Langjährige Partner wenden sich ab
Nach Bekanntwerden des hetzerischen Kommentars auf Facebook postete Bohnenblust ein Statement auf seinem Facebookprofil, das eine Freundin für ihn geschrieben hatte. Dieses entfernte er jedoch umgehend wieder. «Es hat den Shitstorm schlimmer gemacht», sagt er gegenüber dem Tages-Anzeiger. Alex Flach, langjähriger Promoter des Supermarket, beendete gemäss der Zeitung seine Zusammenarbeit mit dem Club. «Das Statement ist das Widrigste, das ich je in meiner Bubble gelesen habe.»

Bohnenblust sagt jedoch, dass die Trennung schon vor Monaten erfolgt sei. Auch mehrere DJs sagten ihre Auftritte im Supermarkt ab. Diskriminierung sei nicht der Weg des Dialogs und lasse einer konstruktiven Diskussion keinen Raum, so eine der Begründungen. Es gibt jedoch auch DJs, die zu Bohnenblust stehen. «Die Aussage, jemand habe in seinem Namen Posts veröffentlicht, klang für mich glaubwürdig», so DJ Andaloop gegenüber dem Tages-Anzeiger.

Eine klare Auflösung des Fall Bohnenblusts scheint auch zehn Tage nach der Veröffentlichung des LGBTIQ-feindlichen Kommentars nicht in Sicht. Was für die queere Community bleibt sind offene Fragen, Ungereimtheiten und ein fahler Nachgeschmack.


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