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Mode, Kunst & Sex: Wegweisende neue LGBTIQ-Dokus bei Netflix

Seit kurzem kann man «The Rise & Fall of Abercrombie & Fitch» und «The Andy Warhol Diaries» streamen

The Rise & Fall of Abercrombie & Fitch
Die typischen Models von Abercrombie & Fitch (Foto: Netflix)

Wenn es darum geht, in Geschichtsbüchern oder Geschichtsmuseen LGBTIQ-Aspekte als selbstverständlichen Teil der Gesellschaftsgeschichte zu behandeln, dann gibt es noch viel zu tun! Das gilt auch für Dokumentarfilme. Umso bemerkenswerter sind die beiden neuen Dokus bei Netflix zu Andy Warhol und Abercrombie & Fitch.

Der Pop-Art-Star Andy Warhol muss sicherlich niemandem mehr vorgestellt werden. Seine Werke zählen zu den bekanntesten Bildkreationen des 20. Jahrhunderts, hängen in Museen weltweit und erzielen auf dem Kunstmarkt astronomische Preise (MANNSCHAFT berichtete).

Weitgehend bekannt dürfte den meisten Menschen auch sein, dass Warhol schwul war, gleichwohl seine berühmten «Sexbilder» lange nicht im Kontext von Retrospektiven gezeigt wurden – als würden erigierte Schwänze, an denen Männer lutschen oder die in Arschlöcher gleiten, einem «feingeistigen» Publikum nicht zumutbar seien.

«The Andy Warhol Diaries»
Die sechsteilige Doku «The Andy Warhol Diaries» (Foto: Netflix)

Doch auch das hat sich im neuen Millennium geändert, und die silberfarbene «Sex Parts»-Serie ist heute kein Geheimtipp mehr. Über Warhol ist unendlich viel publiziert worden, über die sexy Stars aus seiner Factory ebenfalls. Sein eigenes Liebesleben trat dabei jedoch meist in den Hintergrund, fast so, als sei er nur Beobachter gewesen und habe nie selbst partizipiert am wilden Treiben. Manche mein(t)en sogar, Warhol sei «asexuell» gewesen.


Mythos Asexualität
Diesen Mythos – bei dem man fragen kann, ob er der Homophobie der konservativen kommerziellen Kunstwelt geschuldet sei – widerlegt die neue Doku «The Andy Warhol Diaries» mit insgesamt sechs Folgen.

Dass die Serie von Ryan Murphy produziert wurde, der sich immer wieder für die Aufarbeitung von Gay History bemüht hat, um einer jüngeren (LGBTIQ-)Generation zu zeigen, dass «unsere» Geschichte schon lange vor Social Media und dem heutigen Queer-Aktivismus begonnen hat, merkt man sofort. (MANNSCHAFT berichtete, dass Ryan Murphy auf dem Hollywood Walk of Fame mit einem Stern geehrt wurde.)

Denn Murphy und Regisseur Andrew Rossi (der auch das Drehbuch geschrieben hat), basieren ihre Doku auf den Tagebüchern Warhols, die dieser zwischen 1976 und 1987 verfasste, also bis fünf Tage vor seinem Tod. Sie wurden bereits 1989 veröffentlicht, sind also keine wirkliche «Entdeckung», aber sie werden von vielen Menschen, die sich mit LGBTIQ-Geschichte beschäftigen, gern übersehen.


Sie enthalten nicht nur ein detailliertes Zeitbild und spiegeln das glamouröse Leben einer schwulen Celebrity vor und nach Beginn der AIDS-Epidemie. Auf über 20.000 Seiten erfährt man auch viele Intimissima zu Warhols beiden grossen Liebesbeziehungen: zu Jed Johnson und zu Jon Gould.

Jed Johnson
Jed Johnson (r.) und Andy Warhol (Foto: Netflix)

In einer Zeit, als es noch keine Handys mit Kamera gab, haben Warhol und seine Entourage fast nonstop Bilder und Filme von sich produziert. Die machen die aufwändig produzierte Doku ungemein lebendig.

Zeitzeugen und gebrochene Herzen
Es wurden auch keine Kosten gespart: Wenn in irgendeinem Zeitzeugeninterview ein Hollywoodstreifen erwähnt wird, ein Filmstar oder eine erfolgreiche TV-Serie (wie zum Beispiel «The Love Boat», wo Warhol in einer Folge mitspielte), dann sorgt Produzent Murphy dafür, dass man die erwähnten Personen und Produkte sieht. Jeder, der schon mal versucht hat, für eine Doku oder Ausstellung solche Filmausschnitte zu bekommen, weiss, was für ein Vermögen das kostet. Offensichtlich war es Murphy und Rossi wichtig, denjenigen, die noch nie von Liz Taylor & Co. gehört haben, klarzumachen, um wen es geht. Das ist vielleicht pedantisch, aber didaktisch wichtig.

Die Kombination von Warhols «Stimme», den Passagen aus seinen Tagebüchern, in denen er von Johnson und Gould spricht, plus den Fotos und Filmaufnahmen, auf denen man die Männer sieht, vermittelt den Eindruck, man sei als Zuschauer*in ganz dicht dran. Und erlebe den Schmerz der gebrochenen Herzen hautnah mit.

Dabei sorgen Murphy/Rossi immer wieder dafür, dass scheinbar kleine Details nicht übersehen werden. Zum Beispiel der Moment, wo Jon Gould wegen seiner AIDS-Erkrankung in New York ins Krankenhaus kommt. Warhol besucht ihn jeden Tag, obwohl er Krankenhäuser hasst. Er macht sich grösste Sorgen um den Mann, der seit Jahren sein Partner ist, den er begehrt und den er lange überreden musste, bei sich einzuziehen. Aber als Gould aus dem Krankenhaus entlassen wird, gibt Warhol seiner Hauspersonal Anweisung, fortan Goulds Wäsche getrennt zu waschen … aus Angst vor einer HIV-Infektion?

«The Andy Warhol Diaries»
Jon Gould zusammen mit Andy Warhol (Foto: Netflix)

Gould zieht kurz darauf bei Warhol aus und geht nach Los Angeles, wo er 1986 stirbt.

Immer wieder fragen Murphy und Rossi auch, wie genau die Beziehungen von Warhol ausgesehen haben könnten – ob er seine attraktiven Partner nur «bewundert» habe oder ob es auch eine körperliche Beziehung gewesen sei. Dazu werden viele Freunde, Verwandte und Bekannte der Männer interviewt, u. a. auch Johnsons Zwillingsbruder.

Dass heute derart offen und unaufgeregt über solche Themen in einer Doku gesprochen wird – auch von Familienangehörigen – kann man als enormen Fortschritt betrachten. Und für alle, die denken, schon alles von Warhol gesehen zu haben, kommen einige echte Schätze aus den Archiven der Warhol Foundation zum Vorschein, die noch nie öffentlich ausgestellt wurden (heisst es in der Doku): dazu gehört eine Serie von grossformatigen Bildern von afro-amerikanischen Dragqueens.

Rassismusvorwürfe
Hier gehen Murphy/Rossi sehr nuanciert auf Rassismusvorwürfe gegen Warhol ein, weil er in seinen Tagebüchern vereinzelt das N-Wort benutzt. Die Doku verschweigt das nicht, kontextualisiert es jedoch und vergleicht es mit dem Sprachgebrauch in den USA in den 70er- und 80er-Jahren. Dadurch wird kein «Rassismus» entschuldigt, aber er wird nicht als Totschlagargument gegen alles verwendet, was mit Warhol zu tun hat. Denn solche Cancel-Forderungen gibt es durchaus, auch sie werden angesprochen. (MANNSCHAFT berichtete über das Phänomen Cancel Culture in der LGBTIQ-Community.)

Davon profitiert auch die ausführliche Beschäftigung mit Warhols Protegé Basquiat, wo ebenfalls detailliert gefragt wird, wie genau die Beziehung aussah – es wird u. a. erzählt, dass Basquiat sich als junger Mann Geld als Escort verdiente.

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Kurzum, das ist eine fast sechsstündige Doku, die in vielerlei Hinsicht vorbildlich ist. Und definitiv ein «Must-see» ist, für alle, die sich für LGBTIQ-Geschichte in um 1980 und rund um AIDS interessieren.

«White Hot: The Rise & Fall of Abercrombie & Fitch»
Ganz anders geht Alison Klayman an die Sache heran in ihrer Doku «White Hot: The Rise & Fall of Abercrombie & Fitch». Ihr Film beschreibt den meteoritenhaften Aufstieg des Modelabels in den 1990er-Jahren unter dem damals neuen CEO Mike Jeffries.

Der formte die alt(backen)e Marke um, mithilfe von homoerotischen Fotokampagnen, die Bruce Weber schoss: mit weissen College-Jungs, die ihre Sixpacks und Torsos vor der Kamera zeigten. Vergleichbare modelartige Verkäufer*innen sah man auch in den Geschäften, sie gehörten zum hypersexualisierten «Image» der Marke und standen für eine «Sexyness», die damals viele Kund*innen ansprach.

The Rise & Fall of Abercrombie & Fitch
Eine Frau mit Einkaufstüten von A&F in der Doku «The Rise & Fall of Abercrombie & Fitch» (Foto: Netflix)

Besonders schwule Männer fühlten sich magisch davon angezogen und glaubten, mit einem A&F-T-Shirt am Leib ebenfalls diese Aura auszustrahlen, die Jeffries als Firmenkennzeichen etabliert hatte. Peter Rehberg hat diese Tragik in seinem Roman «Boymen» beschrieben, wo’s um einen hedonistischen 40-jährigen Schwulen mit Bauansatz geht, der glaubt, mit einem hautengen A&F-Shirt in einer Bar noch genauso zu wirken wie mit 20.

Peter Rehberg
Peter Rehbergs Roman «Boymen» (Foto: Männerschwarm Verlag)

Der deutsche Queer-Theoretiker Rehberg kommt in der Doku leider nicht zu Wort (er arbeitet heute als Archiv- und Sammlungsleiter im Schwulen Museum Berlin), dafür etliche der ehemaligen Muskelmänner aus den Werbekampagnen. Sie schildern, wie sie von Modelscouts angesprochen wurden, wie das beim Fotoshooting mit Weber war – und wie sie sofort nachhause geschickt wurden, wenn sie nicht bereit waren, mit dem Fotografen in näheren Kontakt zu treten.

#MeToo und Fotograf Bruce Weber
Die #MeToo-Debatte gegen Weber läuft seit Jahren, es gab bislang allerdings keine rechtskräftige Verurteilung. Weber selbst streitet entsprechende Vorwürfe grundsätzlich ab und meint, solche körperliche Nähe sei schon immer Teil seiner Arbeit als Fotograf gewesen, er habe nur versucht «den menschlichen Geist in seinen Bilder einzufangen». Und das werde, über seine Bilder, auch in Erinnerung bleiben, meinte Weber in einem Instagram-Statement von 2018.

 

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Gegen Jeffries gab es schon früher Proteste von Mitarbeitenden der Läden: Denn nicht-weisse Personen wurden vom CEO vor der Öffentlichkeit versteckt, sie durften nicht an der Kasse stehen, auf Kampagnen zu sehen sein, wurden ausgeschlossen. Das sei Rassismus in Reinform, meinten viele. (MANNSCHAFT berichtete über einen #MeToo-Skandal in den Niederlanden, wo ein schwuler Modedesigner minderjährige Models und Männer zum Sex genötigt haben soll.)

Es kam 2003 zu Klagen wegen der Einstellungspolitik von A&F. Und das ist in der Doku der Hauptfokus von Regisseurin Klayman. Anders als Murphy/Rossi in der Warhol-Doku wird hier nur vereinzelt versucht, diese Betonung des strahlend «weissen» Studenten mit durchtrainiertem Körper in Bezug zu setzen zu dem, was in den 1990er-Jahren während der AIDS-Krise auch anderswo passierte, etwa bei Calvin Klein, vor allem aber in der Welt der schwulen Pornografie bei Labels wie Falcon.

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Klayman hält bei den «schwulen» Momenten der Geschichte nicht so inne, wie Murphy/Rossi das tun. Was schade ist, denn man merkt in den Interviews deutlich, dass es da noch mehr zu erzählen gäbe. Aber es geht hier fast ausschliesslich darum zu zeigen, wie diskriminierend A&B war. Bemerkenswerterweise erfährt man am Ende von den neuen Chefs der Firma, dass A&F heute für Diversität stehe und man sich bewusst bemüht, Models mit verschiedenen ethnischen Hintergründen zu zeigen sowie mit unterschiedlichsten Körperformen.

Das wird über gezeigte Fotokampagnen verglichen mit anderen Modelabels wie Gap oder Old Navy. Faszinierend dabei ist, dass das, was A&F einst so erfolgreich machte und zu solch einem ikonischen Label für schwule Männer – weg ist. Die Marke ist heute eine von vielen. Dieser Aspekt wird in der Doku nicht angesprochen, vielleicht weil das eine komplizierte Diskussion wäre.

Falcon und Pornopionier Chuck Holmes
Die Doku «Seed Money: The Chuck Holmes Story» zum Pornostudio Falcon und Gründer Holmes gibt es übrigens, sie ist nur noch nicht bei Netflix angekommen. Sie wäre eine perfekte Ergänzung zu «White Hot», weil Holmes beim Porno der 90er-Jahre genau das tat, was Jeffries in der Modewelt tat. (MANNSCHAFT berichtete über Proteste bzgl. der Ausgrenzung von schwarzen Männern in der schwulen Pornobranche im Kontext der Black-Lives-Matter-Bewegung.)

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Beide waren damit sensationell erfolgreich mit einem bestimmten «Look», der bei populären Pornolabels wie Bel Ami bis heute schwule Kunden anlockt. Womit Netflix vielleicht gleich das nächste Doku-Projekt hat …

Auch wenn George Duroy als Bel-Ami-Gründer vermutlich genauso unwillig sein wird, Auskunft zu geben wie Mike Jeffries, der seine Teilnehme an «White Hot» verweigerte. Damit fehlt der Doku – auch im Vergleich zu Warhols rekreierter Stimme – ein Zentrum. Und jene Reflektion von schwuler Begierde, die bei A&F wichtig wäre.


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