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Umfrage: Oben-ohne-Baden für Frauen polarisiert Deutschland

Zwischen Nippelfreiheit und Scham

Frauen demonstrieren bei einer Demonstration in Berlin (Foto: dpa)
Foto: dpa

Deutschland gilt als FKK-Geburtsland (MANNSCHAFT berichtete). Doch trotz der gemischten Saunen hierzulande gibt es auch ein Unwohlsein am Nacktsein. Und Oben-ohne-Baden für Frauen polarisiert plötzlich.

Keine Brustwarze ist frei, bis alle Brustwarzen frei sind – so lautet der Leitspruch einer kleinen Bewegung, die ein Oben-ohne-Recht für Frauen an Orten erkämpfen will, an denen sich auch Männer mit nacktem Oberkörper zeigen. Die Debatte polarisiert, willkommen im Sommer 2022. Dabei dachten viele, dass Frauen «oben ohne» schon längst kein Aufreger mehr sind. Worum geht es also?

Zum Verständnis geht der Blick nach Göttingen: Dort ist seit Mai, zumindest am Wochenende, auch Frauen das Baden «oben ohne» im Schwimmbad erlaubt (MANNSCHAFT berichtete). Spätestens seitdem eine solche Regelung auch in anderen Städten debattiert wird, tobt es im Internet.

Frauen oben-ohne? Na und! (Foto: dpa)
Frauen oben-ohne? Na und! (Foto: dpa)

Vom üblichen «Haben wir sonst keine Probleme?» bis hin zum nostalgischen «Wie schön waren die 70er und 80er, da hat man’s einfach gemacht, auch für die nahtlose Bräune» ist alles dabei – inklusive der Sorge um pubertierende oder überforderte Hetero-Jungs, die mit ihren Hormonen und Körperreaktionen klarkommen müssten.


Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur förderte jetzt zutage, dass mehr als ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland den Ansatz gut findet, Frauen das Oberteiltragen nicht unbedingt vorzuschreiben.

37 Prozent finden es demnach positiv, wenn etwa im Freibad der klare Dresscode – Frauen müssen Bikini oder Badeanzug tragen, Höschen reicht nicht – aufgehoben wird. Im Osten sind es mehr als im Westen (44 gegen 35 Prozent). Jedoch finden bundesweit 28 Prozent das Oben-ohne-Baden von Frauen «nicht gut» (Ost: 23; West: 35). Der Rest ist unentschieden («teils/teils») oder machte keine Angabe.

Für viele wohl keine Überraschung: In erster Linie finden Männer die möglicherweise häufigere Aussicht auf entblösste Busen gut – Willkommen im heterosexuellen Geschlechterklischee.


Auf die Frage «Erste Bäder erlauben nackte weibliche Oberkörper zu bestimmten Zeiten – wie finden Sie das?» antworteten 46 Prozent der männlichen Befragten mit «sehr gut» oder «eher gut», bei den Frauen waren es dagegen nur 28 Prozent.

Deutschland gilt als FKK-Geburtsland (Foto: dpa)
Deutschland gilt als FKK-Geburtsland (Foto: dpa)

Schaut man in die Altersgruppen, so ist bei den männlichen Befragten die Zustimmung überdurchschnittlich hoch bei den 25- bis 34-Jährigen, den 45- bis 54-Jährigen und den Männern, die älter als 55 sind. Auffällig: Junge Männer (18 bis 24) antworteten weit unter dem Durchschnitt zu 32 Prozent positiv, während gleichaltrige Frauen recht positiv eingestellt sind (41 Prozent).

«Ich bin natürlich dafür, Frauen die Freiheit über ihren Körper zuzusprechen», sagt die Psychologin Ada Borkenhagen, die derzeit an einem Buch mit dem Titel «Bin ich schön genug? Schönheitswahn und Body Modification» arbeitet. Doch sehe sie nackte Brüste in öffentlichen Bädern auch kritisch, sagt die Professorin von der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uni Magdeburg. «In unserer Gesellschaft ist die weibliche Brust nach wie vor ein anderes sexuelles Zeichen als die männliche Brust. Das kann man nicht rasch verändern, wenn einfach so getan wird, dass das doch dasselbe sei.»

Forderungen nach einer «Nippelfreiheit für alle» passten zum Trend, alle Geschlechtsunterschiede einebnen zu wollen. «Doch beim Oben-ohne-Baden könnten vor allem junge Mädchen unter Druck geraten, ihre Brust zeigen zu sollen, auch wenn sie das vielleicht eigentlich doch nicht wollen.»

Psychologin Borkenhagen findet den alten Nacktbadeansatz sinnvoller. «Frauen plötzlich nackte Brüste im Schwimmbad zu erlauben, ist etwas Anderes, als wenn in einem FKK-Bereich ein grundsätzliches Kleidungsverbot herrscht und wirklich alle gleich behandelt werden. Am FKK-Strand oder in den gemischten Saunen Deutschlands gibt es vor lauter Nacktheit sowieso meist eine Kultur des Drüberhinwegschauens. Da existiert ein echter Gleichheitsgrundsatz, der die verschiedenen Aufmerksamkeitszeichen der Geschlechter offenlegt – bei Frauen eher obenrum, bei Männern untenrum.»

Der Medizinhistoriker Heiko Stoff von der Medizinischen Hochschule Hannover hält die gesamte Debatte übers Oben-ohne-Baden für Frauen, so erfreulich der egalitäre Grundgedanke auch sei, trotz allem für ein Nischenthema. Er sieht das Internet vielmehr als Antreiber einer gewissen neuen Art von Scham. In den Selbstdarstellungen etwa bei Instagram dominiere heute stets eine Idealisierung des Körpers mit straffer Haut. «Die Realität ihres unbearbeiteten und ‚undefinierten‘ Körpers macht dann vielen Angst, und sie zeigen sich nicht so gerne.»

Im Freibad oder am Strand empfänden viele einen Druck, sich dem angeblichen Ideal anzunähern. «Schnell fühlt man sich als Versagerin oder Versager, der oder dem es nicht gelungen ist, den idealen Körper zu formen.» Das schaffe Stress und nehme die Freude an der Nacktheit. Es gebe dann eine Konkurrenz, die ansonsten die Kleidung überdecke.

 

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In der Tat: Die Yougov-Umfrage für die Deutsche Presse-Agentur zeigte denn auch, dass lediglich 18 Prozent der Erwachsenen gern FKK-Orte besuchen, also zum Beispiel Saunen, Thermen oder Strände, an denen alle ganz nackt sein müssen. Im Osten (rund 23 Prozent) sind mehr Menschen okay damit als im Westen (17 Prozent).

Auf die Frage «Würden Sie sich selbst in Bezug auf Nacktheit als schamhaft bezeichnen?» antworteten 57 Prozent der Frauen mit «Ja». Bei den Männern waren es dagegen nur 40 Prozent. Besonders überdurchschnittlich schamhaft in der Selbsteinschätzung waren hier übrigens junge Frauen bis Mitte zwanzig.

Besonders «schamlos» (nur 32 Prozent sagen, sie seien schamhaft) sind ältere Herren ab 55 Jahren. Ausserdem sind auch Ostdeutsche (47 Prozent) weniger «verklemmt», wenn man es so wertend ausdrücken will, als Westdeutsche (42 Prozent).


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