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Teil 2 – Für Grindr lassen wir die Hüllen fallen

Das Internet vergisst nie
Darüber hat sich Severin, 33, aus Zürich bisher noch keine Gedanken gemacht: «Ich glaube, dass man in der Schweiz im Gegensatz zu anderen Ländern nicht auf Schwulenjagd geht. Klar kann eine Gefahr bestehen, aber darüber mache ich mir noch keine Gedanken». Er verschicke ohnehin nur selten Nacktbilder, «weil ich mir nackt selber nicht wirklich gefalle». Und er stört sich daran, dass statt Gesichtsbilder häufig nur Nacktbilder verschickt werden.

Doch abgesehen von homophoben Staaten, Datendiebstählen und Hackerangriffen lauert die Hauptgefahr in der Tatsache, dass das Internet nichts vergisst. Das eigene Datendossier wird nicht gelöscht, selbst wenn man die App entfernt oder die Löschung seiner Daten direkt bei Grindr beantragt. «Wenn wir personenbezogene Daten löschen, werden sie aus unserer aktiven Datenbank entfernt», schreibt Grindr in einer Stellungnahme. «Unter bestimmten Umständen können sie aber in bestimmten Archiven verbleiben, wo es nicht praktikabel oder möglich ist, sie zu löschen. Darüber hinaus können wir persönliche Daten und die Nutzungsgeschichte (einschliesslich Nachrichten oder Fotos) bei Bedarf aufbewahren, um unseren gesetzlichen Verpflichtungen nachzukommen, Streitigkeiten beizulegen und/oder unsere Vereinbarungen durchzusetzen.»



Abgesehen von homophoben Staaten, Datendiebstählen und Hackerangriffen lauert die Hauptgefahr in der Tatsache, dass das Internet nichts vergisst.

Umso sorgfältiger müssten die Menschen schon jetzt mit ihren Daten umgehen und sich überlegen, was sie dem guten Onlinegedächtnis anvertrauen, das nie vergisst. Doch hierzulande scheint vielen die Bedeutung ihrer Netzpräsenz noch nicht bewusst zu sein.

25 % mehr Geschlechtskrankheiten
Das Interesse an den veränderten Verhaltensweisen beschränkt sich nicht nur auf den Datenschutz. Auch die Gesundheitsbehörden investieren viel Geld in die Erforschung unseres Nutzungsverhaltens. So erhielt die Columbia University eine halbe Million Dollar vom amerikanischen «National Institute of Health» für eine Befragung unter Grindr-Nutzern. Das übergeordnete Studienziel war es, zu verstehen, wie sich «das sexuelle Risikoverhalten bei Männern, die Sex mit Männern haben, durch die Art der GPS-fähigen Smartphone-Apps verändert», hiess es in der Projektbeschreibung.

Insgesamt werden sich Smartphonenutzer gemäss Erhebung 23 % wahrscheinlicher mit Gonorrhö und 35 % wahrscheinlicher mit Chlamydien infizieren, als wenn sie keine Dating-Apps verwenden würden.


Technologische Fortschritte, die die Effizienz des Treffens anonymer Sexualpartner verbessern, könnten also den unbeabsichtigten Effekt haben, Netzwerke von Individuen zu schaffen, in denen die Wahrscheinlichkeit sexuell übertragbarer Infektionen bei den Nutzern höher ist als bei anderen, weniger effizienten Methoden der sozialen Vernetzung. Das Studienteam kommt zum Schluss, dass «die Technologie Sex on Demand neu definiert». Präventionsprogramme müssten lernen, die gleiche Technologie effektiv zu nutzen und mit den sich ändernden aktuellen Risikofaktoren für sexuell übertragbare Infektionen und HIV-Übertragung Schritt zu halten».

Hierzulande scheint vielen die Bedeutung ihrer Netzpräsenz noch nicht bewusst zu sein.

Dessen ist sich auch Andreas Lehner von der Aids-Hilfe Schweiz bewusst: «Ja, der schnelle Sex bahnt sich heute meist übers Smartphone an.» Aufgrund von Restriktionen der App-Entwickler sei die Prävention aber schwierig. «Wir kommen trotzdem irgendwie an die Nutzer ran.» Auch schaltet die Aids-Hilfe Schweiz Werbung für ihre Präventionskampagnen auf Grindr und Co. Und der Experte rät zu Selbstverantwortung: «Wer mehr Sex hat, hat mehr potenzielle Risiken, die er eingehen kann. Und sollte sich einmal jährlich testen lassen auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten». Und zum Glück «begegnen die regionalen Aids-­Hilfe-Mitarbeitende den App-Nutzern auch im realen Leben», so Lehner.

Der Kunde ist König!
Am Ende entscheidet der Grindr-Nutzer, wie er die App nutzen und sich dabei schützen will. Es ist wichtig und richtig, bei App-Entwicklern auf die Sicherheit von persönlichen Nachrichten und Fotos zu pochen. Für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der virtuellen Identität muss man die App nicht unbedingt löschen oder auf Dickpics verzichten, sondern sich über das eigene Handeln im Internet mit seinen möglichen Konsequenzen im Klaren sein. Das kann zum Beispiel durch das Lesen der monotonen Datenschutztexte oder Nutzungsbedingungen erfolgen. Oder aber man fragt sich, ob man private Informationen nicht lieber während eines persönlichen Kennenlernens unter vier Augen teilt statt alle Angaben des Profils auszufüllen.

Foto: Patrick Mettraux, Model: Manu

Die Frage nach den Umgang mit dem eigenen Schwanzpic unter den 1000 Freunden des Autors und den 10 000 Mannschafts-­Fans auf Facebook hat ein äusserst kleines Echo ergeben. Anscheinend will niemand «öffentlich» dazu stehen, dass er sich online ab und zu gerne nackt zeigt. Schliesslich käme niemand auf die Idee, seine Schwanzgrösse inklusive Bild in der Öffentlichkeit preiszugeben und auf Facebook darüber zu plaudern.

Auf Grindr scheinen wir uns und unser Bedürfnis nach Privatshäre mit anderen Massstäben zu messen – wohl aus Angst, die Katze im Sack zu kaufen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Fotos nicht nur unsere Privatsphäre töten können, sondern auch unseren Entdeckergeist. Vielleicht wäre es an der Zeit, sich einfach mal wieder überraschen zu lassen.

*Die Namen der Männer in diesem Text wurden frei gewählt. Die Namen sind der Redaktion bekannt.


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