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Rollstuhlfahrer (81) im Gefängnis wegen Sex mit Männern im Pflegeheim

Ein pensionierter Marine aus Pennsylvania wurde der Polizei gemeldet, verhaftet und sass während der Corona-Pandemie fast zwei Jahre hinter Gittern

Rollstuhl
Ein Mann im Rollstuhl (Symbolfoto: Pixabay)

Ein inzwischen 81-jähriger US-Marineveteran im Rollstuhl und mit Parkinson musste 22 Monate im Gefängnis verbringen, weil Mitarbeiter*innen seines Pflegeheims in Pennsylvania ihn angezeigt hatten wegen Sex mit anderen männlichen Heimbewohnern.

Der Anwalt von Ex-Marine Leroy Martin sagt, der Sex mit den Männern sei einvernehmlich gewesen und sein Mandant sei auf dem Höhepunkt der Corona-Krise ins Gefängnis gesperrt worden, nur weil er schwul ist. Das berichtet The Philadelphia Inquirer und zitiert Anwalt J. Conor Corcoran mit den Worten: «Sie (die Mitarbeiter*innen des Heims, Anm.) waren wild entschlossen, Herrn Martin fälschlicherweise als auf Sexualkontakte Lauernden darzustellen, mit einer rosafarbenen Zahnbürste als Beweismaterial.»

Der Fall wirft ein krasses Schlaglicht auf LGBTIQ-Senior*innen und ihre schwierige Situation in Pflegeeinrichtungen. Wie offen können sie dort ihre Sexualität ausleben? Wie viel Verständnis und Unterstützung wird ihnen vom Pflegepersonal entgegengebracht? Wie viel Anteil nimmt die LGBTIQ-Community an Älteren, wie stark ist sie um Inklusion bemüht oder zeigt Interesse in der Berichterstattung? (MANNSCHAFT berichtete, wie Alters- und Pflegeinstitutionen kaum auf ältere LGBTIQ vorbereitet sind.)

Anwalt Corcoran behauptet, dass die Mitarbeiter*innen anders reagiert hätten, wenn Leroy Martin heterosexuell gewesen wäre. Da es aber um Sex zwischen Männern gegangen sei, hätten sie sofort die Polizei gerufen.


Oralsex mit anderen Heimbewohnern
Es geht um mindestens zwei Fälle in einer Pflegeeinrichtung in Shippensburg, Pennsylvania. Dort entdeckten die Pflegekräfte Martin in seinem Rollstuhl, wie er an einem 43-jährigen Heimbewohner Oralsex ausführte. Sie meldeten den Fall an ihre Vorgesetzten, die die Polizei einschalteten, weil es sich bei dem 43-Jährigen um jemanden handelt, der eine Gehirnverletzung hat.

Nur weil ich seit 21 Jahren mit keiner Frau zusammen war …

Der jüngere Sexpartner sagte der Polizei, er Martin habe erlaubt, ihn oral zu befriedigen. Fügte jedoch hinzu: «Nur weil ich seit 21 Jahren mit keiner Frau zusammen war …»

Der zweite Mann war ein älterer Herr, der inzwischen verstorben ist. Vor seinem Tod teilte er der Polizei mit, dass er aufgewacht sei, als Martin an ihm Oralsex ausführte: «Ich mag Frauen, ich mag keine Männer», sagte der Mann bei seiner Vernehmung. Laut Inquirer habe er Martin zwar gebeten aufzuhören, aber nicht gewollt, dass er verhaftet werde.


Laut der Gegenklage, die der Ex-Marine nun via Anwalt einreichte, soll dieser zweite Mann nur deshalb mit der Polizei gesprochen haben, weil die Pflegekräfte ihn dazu gedrängt hätten. In der Gegenklage wird zwar vermerkt, dass der zweite Mann nicht gewollt habe, dass Martin ihn sexuell befriedige. Als Grund dafür wird jedoch «Scham» angeführt.

Laut Corcona seien beide Männer in der Lage gewesen einzuwilligen, ob sie Sex haben wollten oder nicht. Und keiner der beiden hätte eine Beschwerde eingereicht im Pflegeheim, bevor Martin verhaftet wurde, heisst es. (MANNSCHAFT berichtete darüber, dass bei der Pflege älterer LGBTIQ mehr Sensibilisierung nötig ist.)

Ohne Parkinson-Medikamente im Gefängnis
«Das Pflegeheim hat gelogen, als es gegenüber der Polizei behauptete, die Männer mit denen Herr Martin Sex hatte, seien nicht in der Lage gewesen, ihre Einwilligung zu geben», so Corcona.

Martin wurde im Oktober 2019 verhaftet und beschuldigt, «unfreiwilligen abweichenden sexuellen Verkehr» («involuntary deviant sexual intercourse») gehabt sowie «unsittliche Nötigung» («indecent assault») verübt zu haben.

Er sei ohne seine Parkinson-Medikamente ins Gefängnis gekommen, heisst es. Danach habe es vier Monate gedauert, bis eine Anklageschrift zustande gekommen sei, ferner seien 13 Treffen vor Verhandlungsbeginn nötig gewesen, der sich wegen Corona immer wieder verzögerte. Es wurde eine Kaution von 20.000 Dollar festgesetzt. Bis es zum Verfahren kam, blieb Leroy Martin 22 Monate im Gefängnis. Und das, obwohl in den Gefängnissen von Pennsylvania die Corona-Infektionsrate extrem hoch war, sowohl bei Gefangenen, als auch beim Aufsichtspersonal.

«Es gab einige echte Engel im Cumberland County Jail, die sich um ihn kümmerten», sagt Leroy Martins Anwalt dem Philadelphia Inquirer.

Eine Form von Schikane
Nach fast zwei Jahren hat die Bezirksstaatsanwaltschaft die Anklage gegen Martin im September 2021 fallengelassen. Martin behaupte nun in seiner Gegenklage, die Staatsanwälte hätten schon ein Jahr früher darüber nachgedacht, die Anklage fallen zu lassen. Sie hätten das aber nicht getan, weil sie gewusst hätten, dass sämtliche Pflegeheime in der Umgebung ihn mit diesen Anschuldigungen nie aufnehmen würden. Was auf eine Form von absichtlicher Schikane hinausläuft. (MANNSCHAFT berichtete über die Pläne der neuen Bundesregierung in Deutschland, stärker gegen Homophobie und Diskriminierung wegen sexueller Orientierung vorzugehen.)

Inzwischen habe Leroy Martin einen neuen Pflegeheimplatz gefunden, meldet der Philadelphia Inquirer. Und zitiert eine Studie der Universität von Michigan, wonach 40 Prozent alle 65- bis 80-Jährigen sexuell aktiv sind. Laut Anwalt Corcoran zähle sein Mandant zu diesen 40 Prozent.

Die Homosexualität meines Klägers wurde skandalös, unerhört und widerrechtlich wie eine Straftat behandelt

Der jetzt eingereichten Gegenklage zufolge sei Martin unberechtigterweise festgenommen worden, habe seelische Belastungen erlitten und sei fahrlässig behandelt worden. In Pennsylvania gibt es kein Antidiskriminierungsgesetz, das vor Diskriminierung auf Basis von sexueller Orientierung schützt; darauf weist das LGBTIQ-Nachrichtenportal The Advocate in seine Berichterstattung zum Fall hin. Weswegen Martin das Pflegeheim deswegen nicht verklagen kann. Dennoch sagt Leroy Martins Anwalt: «Die Homosexualität meines Klägers wurde skandalös, unerhört und widerrechtlich wie eine Straftat behandelt.» Der Fall könnte somit zu einem Präzedenzfall in Pennsylvania werden.

Der Ex-Marine Leroy Martin klagt Medienberichten zufolge auf eine unbekannte Schadenssumme. In den Berichten wird Anwalt Corcoran nochmals zitiert mit den Worten: «Wenn es sich hier um eine Adam-und-Eva-Geschichte gehandelt hätte, statt um Adam und Steve, wäre die Polizei nie eingeschaltet worden.» (MANNSCHAFT berichtete über den Film «Falling» von Viggo Mortensen, wo der homophobe Vater zum Pfegefall wird, um den sich der schwule Sohn kümmert.)

 


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