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«Mangel an Männern»: Abzocke bei neuem Dating-Portal mit Fake-Profilen?

Die Plattform für Schwule ist mit fragwürdigen Geschäftspraktiken und Fake-Profilen in die Schlagzeilen gekommen

Online Dating
Ein Mann am Telefon (Symbolfoto: Jonas Leupe)

Die neue Plattform Planet-Randy will «scharf, geil und lüstern» sein. Und sie verspricht «Gays», dass sie so manches anders mache «als viele Mitbewerber».

Schwule User würden dort «Gleichgesinnte» aus der Szene in den Millionenstädten und den «kleineren Grossstädten» in ganz Deutschland treffen können. Zur Kontaktaufnahme und zum Chatten.

Auf der Homepage wird verkündet, dass es schon 120.719 Mitglieder gäbe (Stand: 8. November 2021). Alles «geprüfte Kontakte». Als Hintergrund sieht man einen blauäugigen Mann mit schwarzem Stoppelbart. Umrahmt von Hellblau und gefolgt von «neuen Gesichtern aus deiner Nähe». So sieht das Ganze dann aus:

Planet Randy
«Immer und überall flirten» verspricht das neue Portal Planet-Randy (Foto: Screenshot / planet-randy.com)

In der Selbstbeschreibung der Plattform, mit Sitz auf Palma de Mallorca, heisst es: «Planet-Randy konnte schon wenige Monate nach seiner Gründung die Marke von 100.000 Mitgliedern überspringen. Das Angebot ist günstig, effektiv und transparent. Allerdings ist es nicht komplett kostenfrei.»


Die Kosten entstehen, weil man fürs Chatten zahlen muss in Form von sogenannten «Randys», der Online-Währung des Portals. Ein 46-jähriger Schweizer User gab auf diese Weise innerhalb von nur drei Tagen fast 500 Franken aus, berichtet 20 minuten in einem Artikel unter der Überschrift «Fake-Benutzer zocken Mann auf Dating-Portal ab – ganz legal».

«Ganz klar betrügerisch»
Es geht um den «Leser R. N.», der sich an die Zeitung gewandt hat mit seiner Geschichte. Er habe Männern «viele persönliche Nachrichten geschrieben» und entsprechend bezahlt. Aber: «Sobald ich nach einem Treffen fragte, wurde ich stets abgeblockt.»

Laut 20 minuten sei ihm irgendwann aufgefallen, dass die Männer immer mit ähnlichen Floskeln antworteten, sobald er nach einem Telefonat oder Treffen fragte: «Sie sagten, dafür sei es noch zu früh und dass wir erst weiter schreiben müssen – sogar wenn wir bereits tagelang gechattet haben.»


Das machte R. N. stutzig, denn von anderen Dating-Portalen kannte er solch zurückhaltendes Verhalten von Männern nicht. Zudem fragte er sich, wie es sich «diese Jungs Anfang 20» leisten konnten, so viele Randys zu kaufen, um derart ausführlich mit ihm zu chatten.

Sie sagten, für ein Telefonat oder Treffen sei es noch zu früh und dass wir erst weiter schreiben müssen

Daraus entstand der Verdacht, dass es sich um Fake-Profile handeln könnte. R. N. hörte auf, Männern zu schreiben. Stattdessen sagte er 20 minuten: «Ich fühle mich hintergangen – so etwas ist für mich ganz klar betrügerisch.»

Planet Randy
«Finde jetzt deinen Flirtpartner» fordert Planet-Randy User auf

Ist es das? Zwar verspricht das Portal, dass Mitarbeiter*innen Profile regelmässig prüfen würden, damit man sicher sein könne, dass man hier «echte Männer» anspreche. Aber in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) steht dann etwas sehr anderes: «Es gibt immer mal wieder einen Mangel an Männern, was dazu führt, dass keine geeigneten Flirtpartner anwesend sind. Um diesen Mangel auszugleichen, setzen wir Controller ein, welche unter anonymen Scheinaccounts Dialoge führen.» (MANNSCHAFT berichtete über eine neue Dating-App für Lesben.)

Hinter den Fake-Profilen verbergen sich Studenten
Wer sind diese Controller? Dahinter würden sich meist «Studenten» verbergen, heisst es ganz offiziell: «Diese können sich mit den Einnahmen etwas zum Studium dazuverdienen.» Einen Hinweis darauf erhält man, wenn man sich registriert – im letzten Anmeldeschritt in Form von einer kleinen Box. (MANNSCHAFT berichtete über Studierende und andere junge Menschen, die sich mit OnlyFans finanzieren.)

Als R. N. begriff, was ihm widerfahren war, wandte er sich an die Öffentlichkeit. Und 20 minuten ging der Sache nach, um zu prüfen, ob hier wirklich ein krimineller Fall vorliege. Die Antwort lautet: nein.

«Ein illegales Vorgehen ist hier leider nicht direkt auszumachen», sagt Cécile Thomi, Sprecherin beim Verband für Konsumentenschutz, zu 20 minuten. Es würde nämlich auf das Geschäftsmodell mit den Fake-Teilnehmenden aufmerksam gemacht, auch wenn dies erst am Schluss des Registrierungsvorganges passiere. Auch wenn es mühsam ist, empfiehlt Thomi, sich vor der Registrierung bei solchen Portalen die AGB genau durchzulesen.

Was kann R. N. jetzt tun, ausser sein Profil löschen? «Portale dieser Art setzen darauf, dass die betroffenen Nutzer nicht den Rechtsweg beschreiten», erklärt Anwalt und IT-Experte Martin Steiger gegenüber 20 minuten. «Da die Anbieter meist im Ausland sitzen, ist ein Strafverfahren schwierig oder unmöglich.»

Da die Anbieter meist im Ausland sitzen, ist ein Strafverfahren schwierig oder unmöglich

Der Geschäftsführer von Planet-Randy ist, laut Impressum, ein gewisser Aleksandar Stankovic. Er hat sich bislang nicht zu dem Vorfall geäussert, trotz Anfrage aus der 20 minuten-Redaktion.

Im sexuellen Niemandsland aufgeschlagen
Anwalt Steiger meint, dass es sich für 500 Franken auch nicht lohne, rechtlich vorzugehen – es sei denn, man habe eine Rechtsschutzversicherung. «Es gibt aber gute rechtliche Gründe, zumindest das bezahlte Geld zurückzuverlangen», betont Steiger. «So gelten in der Schweiz für die Partnerschaftsvermittlung strenge Formvorschriften, welche Online-Portale normalerweise nicht einhalten. Es entsteht deshalb häufig gar nie eine Zahlungsverpflichtung.»

Im Fazit zum Planet-Randy-Bericht weist 20 minuten darauf hin, vorm Ausgeben von Geld bei Dating-Portalen via Google-Suche nach Hinweisen Ausschau zu halten, ob ein Portal Fake-Profile verwende. Wenn man jedoch eine entsprechende Suche zu Planet-Randy unternimmt, landet man als Erstes bei der Seite Trustpilot, wo die Plattform von 30 Personen zu 90 Prozent als «Hervorragend» bewertet wurde.

Ein gewisser Fred Hansen schreibt: «Die Seite ist bedienerfreundlich aufgebaut und ich nutze den Service beinahe täglich. 5 Sterne Gay Cam Chat!!» Ein weiterer (!) Fred mit Nachnamen Stupp schreibt: «Die Männer sind klasse und sind für neues offen. Hier habe ich sehr viel Spass und kann meine Fantasien ausleben. Ein sehr guter Live Chat.»

So positiv wird R. N. die Sache sicher nicht beurteilen.

«In jedem Fall wirst Du dank Planet-Randy nicht im sexuellen Niemandsland aufschlagen, ganz gleich, wohin in Deutschland die Reise geht», verspricht die Plattform. R. N. scheint aber genau in solch einem Niemandsland aufgeschlagen zu sein. Und zumindest taucht nun bei der Google-Suche auch ein kritischer Bericht auf, der als Warnung für andere dienen kann. (MANNSCHAFT berichtete über verschiedene Betrugsmodelle beim Onlinedating.)



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