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Lil Nas X ist ein Geschenk des Himmels an die queere Community

Eine Lektion in schamlosem Knutschen

Lil Nas X
Foto: BET Awards

Lil Nas X küsste bei den diesjährigen BET Awards sehr leidenschaftlich einen seiner Tänzer, am Ende der Performance von «Montero (Call Me By Your Name)». Applaus gab es u.a. vom Kollegen Diddy für den «furchtlosen» Move. Und auch unsere Autorin spendet in ihrem Kommentar* Beifall.

Da knutschte also ein schwarzer Mann vor einem Millionenpublikum mit einem anderen schwarzen Mann. Vergangene Woche war das, an den BET Awards in Los Angeles. Einer der beiden Herren nennt sich Lil Nas X. Jahrgang 1999, seit zwei Jahren erfolgreicher Rapper – und schwul. Stolz schwul. Out and proud and in your face schwul.

Ich weiss nicht, womit wir Lil Nas X verdient haben, vielleicht haben wir ihn auch gar nicht verdient, vielleicht ist er einfach ein Geschenk des Himmels an die queere Community. Oder ein Geschenk der Hölle, je nachdem, wie man den Videoclip zu seinem sehr erfolgreichen Hit «Montero (Call Me By Your Name)» interpretieren will. Zur Erinnerung: Im Clip gibt er dem Teufel einen Lapdance und macht biblische Referenzen ultragay. Wikipedia hat ein ganzes Kapitel dazu.

Diesen Song also performte Lil Nas X an dieser Show, live und so gut wie oben ohne. Schreitet gegen Ende des Songs zu seinem Thron, kurz darauf folgen ihm zwei Tänzer, je ein Typ an jeder Seite. Lil Nas X legt je einen Arm um sie – und knutscht mit einem der beiden während der letzten Sekunden des Tracks.


Eigentlich können wir uns ja vorstellen, was die Homo-Feind*innen darauf sagen: Dass das eklig und unnatürlich ist. Kennen wir alle in- und auswendig. Dass manche anfroamerikanische Stimmen verlauten liessen, Homosexualität gehöre nicht zur schwarzen Kultur, beantwortete Lil Nas X gleich selbst damit, dass gleichgeschlechtliche Liebe schon immer Teil der afrikanischen Kultur war.

Eine beliebte Kritik, wenn Queers öffentlich sie selbst sind, folge auch hier. Und zwar diejenige, dass dieser Kuss schlecht sei für Kinder. Es braucht nichtmal Lil Nas X und eine Awardverleihung, um an dieses Argument zu gelangen; es ist hochverbreitet, zu behaupten, queere Liebe schade Kindern. Das Argument kommt dann, wenn queere Identitäten Platz an Schulen bekommen sollen; dann, wenn die Prides stattfinden; dann, wenn wir es mal wagen, unsere Liebsten in der Öffentlichkeit an der Hand zu nehmen oder gar – Schocker – zu küssen.

Was hat es auf sich mit der Behauptung, ein queerer Kuss würde Kinder schaden? Als Erstes muss gesagt werden: Es ist bestimmt nicht die Darstellung von Liebe oder gar Sexualität, die Kinder schadet. Sonst würde ja nicht jeder Disneyfilm, jedes Märchen, eigentlich so gut wie jede geschichte, wo ein Mann und eine Frau vorkommen, darin enden, dass sie sich küssen und zusammenfinden. Wenn Leute, die Homo-Küsse kritisieren, wirklich glauben würden, Küsse würden Kindern schaden, müssten sie einen riesigen Teil ihrer eigenen Kinder-Medien aus ihrem Wohnzimmer entfernen.


Das ist etwa so sinnvoll, als würden Kinder nach dem Gucken von «Der König der Löwen» zu Wildkatzen.

Darum gehts also schonmal nicht. Manche bringen an, die Darstellung von Queerness verleite Kinder dazu, queer zu werden. Guckt man also zu viel Lil Nas X, würde man schwul. Das ist etwa so sinnvoll, als würden Kinder nach dem Gucken von «Der König der Löwen» zu Wildkatzen. Wenn die Darstellung einer sexuellen Orientierung wirklich Kinder in ihrer eigenen Identität beeinflussen könnte, gäbe es wohl sehr viel weniger homo- und bisexuelle Menschen: Die meisten von uns sind nämlich, ohne gefragt zu werden, in unseren ersten 10-20 Lebensjahren fast ausschliesslich mit Hetero-Vorbildern aufgewachsen. Das hat uns nicht hetero gemacht. Es hat uns bloss beigebracht, was als normal gilt. Wenn Lil Nas X mit einem Typen knutscht, weitet das bestenfalls aus, was alles als normal gilt. Zum Beispiel Männer, die knutschen. (Spezifisch schwarze Männer, die knutschen. Die Repräsentation queerer POC ist besonders mies.)

Viele von uns Queers wachsen voller Scham auf
Warum denn gibt es Leute aus der LGBTIQ-Community, die Lil Nas X’s Auftritt ebenfalls uncool finden? Weil er schamlos ist. Lil Nas X hat mit «Montero» (das ist sein bürgerlicher Vorname) einen Brief an sein 14-jähriges Ich geschrieben, an sein ungeoutetes, ängstliches Teenage-Ich. Weil viele von uns Queers voller Scham aufwachsen, Scham über unser Begehren, unsere Anziehung, unser Verlieben. Das Gegenmittel zu dieser Scham, die in uns allen drin ist, lautet: Schamlosigkeit.

Und genau das ist es, was manchen Queers ein ungutes Gefühl gibt, wenn sie jemandem wie Lil Nas X zusehen: Uns überkommt die Scham, die uns eingeredet wurde. Unsere Coming-Outs reichen meistens nicht aus, um diese Scham loszuwerden – wie auch, wenn sie uns jahrzehntelang beigebracht wurden? So leben wir mit internalisierter, also verinnerlicher Scham über alles, was queer ist. Und ertappen uns dabei, wie wir uns manchmal schämen, wenn Mitmenschen zu queer, zu laut, zu out sind. Auf einer Bühne rumknutschen, anstatt unauffällig zu sein.

Die nonbinäre aktivistische Person Ty Deran sagt es treffend: «We don’t know how much space we can and deserve to take up until we see someone shamelessly claiming it.» Wir wissen gar nicht, wie viel Raum wir verdient haben und einnehmen können, bis es jemand ohne Scham einfach tut.

Lil Nas X tut genau dies.
Tun wir es ihm gleich!

Bei der BET-Award-Show kam es auch zu einem denkwürdigen Auftritt von Queen Latifah (MANNSCHAFT berichtete).

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar oder eine Glosse zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.


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