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«Ich bin schwul und wäre in meinem Land zum Tode verurteilt worden»

Warum Xavier Bettel den Wahlkampf von Emmanuel Macron unterstützt

Xavier Bettel
Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel (Foto: John Thys/Pool AFP/AP/dpa)

Frankreichs Präsidentschaftswahlkampf geht auf die Zielgerade. Am Donnerstag wird der luxemburgische Premier Xavier Bettel Frankreichs Präsident Macron in Strassburg unterstützen.

Eine Woche vor dem Start der Präsidentschaftswahl in Frankreich haben die Kandidat*innen den Endspurt im Werben um die Wählergunst angetreten. Staatschef Emmanuel Macron stellte bei seinem grossen Wahlkampfauftritt am Samstag mehr soziale Gerechtigkeit und Kaufkrafthilfen in der aktuellen Krise in Aussicht. «Unser Projekt für 2022, das ist Solidarität und sozialer Fortschritt», sagte Macron vor Zehntausenden Anhänger*innen in Nanterre bei Paris. Die Kaufkraft ist zum alles überragenden Wahlkampfthema geworden, weitere wichtige Themen sind die Bildung, Gesundheitsversorgung und Migration.

Dass Xavier Bettel am Donnerstag zur Unterstützung von Emmanuel Macron nach Strassburg kommt, hat aber auch andere Gründe. In einem Interview mit der französischen Tageszeitung «Le Figaro» erklärte Bettel: Macron sei jemand, der die europäische Idee wirklich verteidigt.

Ich bin schwul, ich bin liberal, und ich wäre in meinem Land wohl mindestens dreimal zum Tode verurteilt worden.

«Es ist wichtig für mich zu zeigen, dass in diesem Präsidentschaftswahlkampf der europäische Geist existiert». Gerade vor dem Hintergrund, dass in einigen europäischen Ländern «diese Werte kritisiert oder zerpflückt werden. Wenn wir also einen Präsidenten haben, der an ein Friedensprojekt glaubt, möchte ich es verteidigen», so Bettel.


Er lobte «die vertrauensvolle, freundschaftliche, offene und aufrichtige Beziehungen» zu Macron und erklärte: «Ich selbst bin zu einem Viertel jüdisch, zu einem Viertel orthodox, zu einem Viertel katholisch, zu einem Viertel atheistisch». Dann fügte er mit dem Verweis auf vergangene Zeiten in Europa hinzu: «Ich bin schwul, ich bin liberal, und ich wäre in meinem Land wohl mindestens dreimal zum Tode verurteilt worden.» Das dürfe nicht vergessen werden, so Luxemburgs Premier weiter: «Es ist Europa zu verdanken, dass wir in Frieden leben können.»

In den Umfragen liegt Präsident Macron bislang klar vorne, seine Hauptherausforderin, die Rechte Marine Le Pen, hat zuletzt aber kräftig aufgeholt. Eine Umfrage für die Zeitung Le Journal du Dimanche sah Macron am Samstag bei 27 Prozent und Le Pen bei 22 Prozent. Le Pen hat ihre Kampagne mit Instinkt inzwischen auch auf das Kaufkraftthema fokussiert. «Hinter der Inflation der Preise stehen politische Entscheidungen», meinte sie am Sonntag. «Wenn ich Präsidentin werde, schaffe ich die Mehrwertsteuer für hundert wichtige Hygiene- und Ernährungsprodukte ab.»

Auch die konservative Kandidatin Valérie Pécresse sprach bei ihrem Auftritt am Sonntag in Paris über Kaufkraft. Um die steigenden Energiepreise zu reduzieren, schlug die Ex-Ministerin Benzinscheine vor, eine Reduzierung des Benzinpreises um 25 Cent pro Liter und für bestimmte Berufsbranchen eine Senkung der Mehrwertsteuer auf 5,5 Prozent. Viel Platz räumte sie dem im rechten Lager wichtigen Thema Migration ein. Man werde die Migranten auswählen und jene, die man nicht wolle, wieder in ihre Herkunftsländer zurückschicken.


Pécresse war zunächst als mögliche Hauptkonkurrentin von Macron gehandelt worden, verlor in den Umfragen aber schnell an Rückhalt bei dem Versuch, sowohl rechte Wählergruppen als auch jene in der Mitte anzusprechen. In jüngsten Umfragen wurden ihr nur noch 10 bis 13 Prozent der Wahlstimmen zugeschrieben.

Der rechtsextreme Kandidat Éric Zemmour hat in einem 2021 erschienenen Buch «La France n’a pas dit son dernier mot (Frankreich hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen)» geleugnet, dass die Nazis in Frankreich Lesben und Schwulen wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt hätten. Dafür wurde er von mehreren LGBTIQ-Verbänden wegen der Leugnung eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit angezeigt. «Die Deportation von Homosexuellen in Frankreich wegen ihrer ‚sexuellen Orientierung‘ – wie man heute sagt – ist eine Legende», hatte Zemmour behauptet. Tatsächlich aber, darauf wiesen die queeren Organisation hin, seien unter der deutschen Besatzer*innen mindestens 500 Männer wegen ihrer mutmasslichen Homosexualität festgenommen worden, etwa 200 hätten die Nazis deportiert.

Wenn die Französ*innen am Sonntag wählen gehen, steht am Abend voraussichtlich noch kein neues Staatsoberhaupt fest. Dann entscheidet die Stichwahl am 24. April. (mit dpa)



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