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«Fetischparty» aufgelöst – Polizei soll Gäste beleidigt haben

Am Samstag fand PORN by Pornceptual in der Alten Münze Berlin statt

Foto: Polizei Berlin

Polizei und Bundespolizei haben am Samstagabend eine angebliche «Fetischparty» mit etwa 600 Gästen in Berlin aufgelöst. «Es waren einfach zu viele für zu wenig Platz», hiess es von der Polizei. Die Partymacher*innen erheben nun Vorwürfe an die Beamt*innen: Gäste seien als Freaks und Gesetzlose behandelt und gedemütigt worden.

Nachdem die Party aufgelöst wurde, erwartet die Veranstalter*innen nun ein Verfahren wegen Verstosses gegen die Infektionsschutzverordnung. Der Mindestabstand habe wegen der Vielzahl der Personen nicht eingehalten werden können, erklärte die Polizei. Die Veranstalterin habe die Party nach Aufforderung durch die Beamt*innen beendet, die Gäste wurden nach Hause geschickt.

In den sozialen Medien gab es viel Kritik an der Veranstaltung, auch aus der LGBTIQ-Community. «Bei allem was recht ist… ABER SO GEHT ES NUN MAL NICHT! Ihr seid eine Schande für unser Business», schimpfte etwa die Berliner Drag Queen und Partyveranstalterin Nina Queer bei Facebook. «Das ist Egoismus total! Unter so einen Scheiss leidet das Image unserer ganzen Branche. SHAME ON YOU. Zum Kotzen! Ich hoffe ihr bekommt ne Strafe über 25.000 Euro ihr Idioten!»

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Die Alte Münze erklärte am Sonntag in einer Stellungnahme, es habe «im Innenhof (3.500m2) eine Open Air Veranstaltung unter Einhaltung der aktuellen Hygieneverordnung des Landes Berlin stattgefunden». Seit über einem halben Jahr habe man auf dem Areal keine Indoor Tanzveranstaltungen mehr durchgeführt. (Auch der queere Club SchwuZ ist seit März geschlossen und wird wohl auch nicht vor kommendem Frühjahr wieder öffnen können – MANNSCHAFT+).

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Es sei kritisiert worden, dass der Mindestabstand trotz Maske auf der Open-Air-Veranstaltung nicht vollumfänglich eingehalten wurde, doch «dies geht aus der aktuellen Verordnung nicht hervor». Die Veranstaltung diene als Treffpunkt der Community und habe mit dem körperlichen Charakter einer Fetischparty keine Parallelen gehabt. «Wir bedauern, dass skandalierende Sprachbilder genutzt werden um Empörung zu erregen. Es ist zudem bedauerlich, dass eine Veranstaltung fernab der heteronormativen Gesellschaft genutzt wurde, um gezielt mit Halbwahrheiten das Erlaubte öffentlich zu kriminalisieren.»

Auf porncecptual.com, der Seite zur Party, heisst es: Der Vorfall habe erneut bewiesen, «dass unser Kampf gegen konservative Machtstrukturen noch lange nicht zu Ende ist, als wir uns mit der autoritären Kontrolle von über vierzig Polizisten auseinandersetzen mussten».

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Zu dem Vorwurf, man habe sich nicht an die geltenden Vorschriften gehalten, erklärten die Partymacher*innen: «Wir waren Gastgeber einer legalen Open-Air-Veranstaltung mit strengen Regeln, hatten es aber immer noch mit einer extrem konservativen Institution zu tun, die keine Ahnung hatte, was sicherere Räume bedeuten, und die uns als «ekelhaft und pervers» empfindet, wie ein Mitglied ihres Teams sagte».

Die Polizei Berlin erklärte dazu auf Anfrage der MANNSCHAFT: «Die Kommunikation der Polizei Berlin ist stets sachlich und basiert auf Respekt, Freundlich- und Höflichkeit. Dies ist auch am offiziellen Sprachgebrauch der Polizei Berlin zu erkennen. Sowohl die Statements des im Einsatz befindlichen Pressesprechers als auch die Twitter-Beiträge sind hierfür Beleg.»

Weiter erklären die Veranstalter*innen: «Wir nutzen unsere Plattformen als ein Instrument des Widerstands gegen nicht-konforme Minderheiten, die oft zensiert werden. Als Kollektiv arbeiten wir proaktiv daran, einen sichereren Raum zu schaffen, und glauben, dass der einzige Weg zur Veränderung über Kommunikation führt. In diesem Jahr haben wir uns für soziale Distanzierung eingesetzt und unsere Plattform genutzt, um einen positiveren Ansatz zur Isolation zu verbreiten. Während der Abriegelung haben wir unsere Anhänger dazu inspiriert, zu Hause kreativ zu bleiben und gleichzeitig die soziale Isolation zu respektieren.» Pornceptual sei «in seinem Wesen immer ein politisches/queeres Projekt gewesen – der Kampf für sexuelle Freiheit und die Infragestellung gesellschaftlicher Normen.»

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Obwohl man wisse, dass die Pandemie eine Herausforderung für alle sei, glaube man, dass der einzige Weg, sie zu überstehen, das Zusammenbleiben sei.

Alle notwendigen Sicherheitsmassnahmen wurden in in Betracht gezogen

Die Pandemie habe die Arbeit und die Gemeinschaft seit März massiv und kontinuierlich beeinträchtigt. Bei der Entscheidung, eine legale Open-Air-Veranstaltung auszurichten, habe man alle notwendigen Sicherheitsmassnahmen in Betracht gezogen und alle aktuellen Regeln gemäss der neuesten Berliner Infektionsschutzverordnung befolgt.

«Als das Amt für öffentliche Ordnung eintraf und uns aufforderte, die Veranstaltung zu beenden, arbeiteten wir zusammen und forderten alle Gäste auf, das Gelände wie angewiesen zu verlassen. In der Zwischenzeit drangen mehrere Polizisten in die Veranstaltung ein und hielten die Gäste an, um sie einzeln zu bestrafen. Unsere Gäste wurden als Freaks und Gesetzlose behandelt und von der Polizei gedemütigt. Das beweisen auch die Schlagzeilen in den Medien.» Man werde nicht aufhören, gegen diese Art von moralischer Beurteilung zu kämpfen.

Zum Ablauf der Party erklären die Veranstalter*innen, es habe die allgemeine Maskenpflicht gegolten, Desinfektionspender für alle Gäste seien bereit gestanden und man habe am Einlass die Temperatur gemessen. Zudem erlaube «die aktuelle Genehmigungslage Veranstaltungen im Freien mit bis zu 5.000 Personen». Diese und andere Regeln sind auf berlin.de nachzulesen.

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Man müsse gesamtgesellschaftlich moralisch diskutieren, «ob Veranstaltungen in dieser Form aktuell stattfinden sollten». Dieser Diskussion wolle man sich nicht verschliessen.

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