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Studie mit Erektionstest zeigt: Es gibt bisexuelle Männer!

Eine neue Studie hat untersucht, ob Bisexualität bei Männern ein Mythos ist oder real existiert – und dabei den Erregungsgrad beim Pornoschauen gemessen

bisexuelle Männer
(Symbolfoto: Scott Sanker / Unplash)

Das «B» für Bisexuell wird zwar in der Buchstabenreihe LGBTIQ von vielen ganz selbstverständlich benutzt, doch auch innerhalb der queeren Szene ist die Meinung weit verbreitet, dass Bi-Männer eigentlich nur «verkappte Schwule» seien, die sich nicht outen wollten. Eine neue Studie belegt nun, dass es «handfeste Beweise» gebe, dass bisexuelle Männer wirklich existieren.

Forscher*innen mehrerer US-amerikanischer und britischer Universitäten sowie des Amerikanischen Instituts für Bisexualität wollten den Vorurteilen zu Bi-Männern auf den Grund gehen. Sie schreiben in ihrer im August veröffentlichten Studie: «Sowohl unter Wissenschaftlern als auch unter Laien herrscht seit langem die Skepsis, dass es eine männliche bisexuelle Orientierung gibt. Skeptiker haben behauptet, dass Männer, die sich selbst als bisexuell identifizieren, in Wirklichkeit homosexuell oder heterosexuell sind.» (MANNSCHAFT berichtete über Fragen und Sorgen rund um Bisexualität.)

Noch 2005 veröffentlichte die Ärtze Zeitung einen Bericht, wonach Männer «nur im Kopf» bisexuell seien, weil sie bei Tests entweder auf männliche oder auf weibliche Reize reagieren, jedoch nie auf beide gleichzeitig.

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Die neue Studie ist eine sogenannte Meta-Studie, d. h. es wurden die Forschungsergebnisse von acht früheren Studien in den Vereinigten Staaten, in Grossbritannien und in Kanada verglichen. Dabei handelt es sich um Studien, bei denen 474 bis 588 cis Männer (je nach Analyse) untersucht worden waren. Die Probanden hatten dabei unterschiedliche sexuelle Orientierungen.

«Die Bisexualität meiner Hauptfigur wird nicht gross thematisiert»

Wie gingen die Wissenschaftler vor?
Den Männern wurden in den untersuchten Studien drei Arten von «Reizen» präsentiert in Form von zwei- bis drei-minütige Videoclips, die entweder etwas Neutrales zeigten (Aufnahmen von Landschaften etc.) oder sexuelle Akte: Schwulenpornos bzw. einen masturbierenden Mann oder Frauen in Form von Lesbenpornos bzw. sich selbst befriedigende Frauen.

Die Probanden durften sich die Clips in einem privaten Raum anschauen, dabei stand jedoch ihr Penis unter der ständigen Beobachtung eines Dehnungsmessgerätes. Zusätzlich zum beobachteten Erektionsgrad mussten die Männer selbst einstufen, wie erregt sie jeweils waren.

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Die Forscher verglichen anschliessend die selbst erklärte sexuelle Orientierung des Mannes (x-Achse) mit den Daten der Penismessung (Grafik links) und dem Selbstbericht der Probanden (Grafik rechts). Verwendet wurde dabei eins Skala zwischen 0 und 6. 0 bedeutet «ausschliesslich heterosexuell», 6 «ausschliesslich homosexuell». Werte zwischen 2 und 4 wurden als bisexuell interpretiert.

bisexuelle Männer
Die Testresultate als Grafik
(Foto: Proceedings of the National Academy of Sciences)

Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler ist eindeutig: Je «bisexueller» sich ein Mann selbst bezeichnete, desto eher gab es eine Erregung bei weiblichen und männlichen Pornos. Bemerkenswert war zudem, dass Männer, die sich selbst als «ausschliesslich heterosexuell» einschätzten, auch bei Schwulenpornos bzw. Männer-Solos eine messbare Erektion hatten, dies aber nach dem Videoschauen nicht bestätigen wollten.

Neue Posterboy der Bi-Community
Gleichzeitig bekommt die Bi-Community einen neuen und sehr prominenten Posterboy: William Shakespeare (1564-1616). Zwar haben viele Queers den britischen Star-Dramatiker («Romeo und Julia», «Ein Sommernachtstraum», «Hamlet» etc.) schon lange für sich reklamiert, meist mit dem Hinweis, es sei «eigentlich schwul» gewesen. Wobei als Beweis seine berühmten Sonette herangezogen wurden, in denen vielfach intimste Männerfreundschaft zelebriert werden und die Schönheit junger Männer besungen wird.

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William Shakespeare als Street Art in England, mit einem Strassenmusiker davor (Foto: Jessica Pamp)

Diesen Männerbeziehungen steht in den Sonetten die sogenannte «Dark Lady» gegenüber, die ebenfalls angehimmelt wird. Wen Shakespeare genau meinte – wer also die reale Vorlage für die mysteriöse «Dark Lady» oder die verherrlichten Männer war – darum ranken sich seit Jahrhunderten Mythen und Legenden. Und speziell im Viktorianischen Zeitalter hat man versucht, jeden Anflug von Homoerotik wegzuinterpretieren – schliesslich handelt es sich bei Shakespeare um die nationale Ikone schlechthin.

Zur Erinnerung: Als das British Museum in London im neuen Millennium plante «A Little Gay History» als LGBTIQ-Katalog seiner Bestände herauszubringen und darin auch Shakespeare enthalten sein sollte, gab es massive Proteste von wichtigen Sponsoren (u. a. auf dem asiatischen Raum), die das rundweg ablehnten. Herausgeber R. B. Parkinson setzte sich jedoch durch und das Buch erschien 2013 mit Hinweis auf Shakespeare (von dem diverse Blattseiten im British Museum zu sehen sind).

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Das vom British Museum herausgegebene Buch «A Little Gay History: Desire and Diversity Across the World» erschien erstmals 2013 und wird bis heute in Museum verkauft (Foto: British Museum)

Im September erscheint nun bei Cambridge University Press eine Neuausgabe der Sonette, herausgegeben von den bedeutenden Shakespeare-Forschern Sir Stanley Wells und Dr. Paul Edmondson. Normalerweise geht es bei solchen Ausgaben um 154 Gedichte, die seit 1609 bereits unzählige Male veröffentlicht wurden. Die neue Ausgabe enthält jedoch 182 Sonette, inklusive jene, die Shakespeare im Kontext seiner Theaterstücken schrieb. Und sie sind alle erstmals in chronologischer Reihenfolge abgedruckt, was bisher noch nie geschah.

«Wir haben die Geschichte entfernt, die wie ein Schatten die Sonette seit Ewigkeiten verfolgt, nämlich die vom ‹Fair Youth› und der ‹Dark Lady›, weil beide nie existierten», sagte Edmondson in einem BBC-Interview. «Das sind Erfindungen des 18. Jahrhunderts.»

Bisexuell? «Würde es gern ausprobieren, kann aber nicht»

Edmondson erinnert daran, dass die Sonette ursprünglich am Ende von Shakespeares Leben veröffentlicht wurden und stellt die Behauptung auf, der Dichter selbst habe das gar nicht gewollt, sondern hätte sie lieber «geheim» gehalten. Eine interessante These, die sich natürlich nicht belegen lässt, da wir keine Selbstzeugnisse von Shakespeare zum Thema haben. Was jedoch viele Interpretationsmöglichkeiten eröffnet, die lange bewusst unterdrückt wurden, weil eine Heterosexualität als Normalzustand angenommen wurden im Fall, dass keine anderen «Beweise» vorliegen. (Mit dieser Denkpraxis hatte bereits R. B. Parkinson gründlich aufgeräumt.)

«Die Sprache der Sexualität in einigen der Gedichte, die definitiv an einen männlichen Empfänger gerichtet sind, lässt keinen Zweifel zu, dass Shakespeare bisexuell war», sagt Edmonson laut einem Bericht der Zeitung The Telegraph. «Einige der Sonette sind an eine Frau gerichtet, andere an einen Mann. In diesem Kontext den Begriff ‹bisexuell› zu benutzen, ist eine ziemlich originelle Sache.» [«quite an original thing to be doing»]

In diesem Kontext den Begriff ‹bisexuell› zu benutzen, ist eine ziemlich originelle Sache

Laut Herausgeber Sir Stanley gebe es «zwei bisexuelle Mini-Sequenzen» in den Sonetten 40-42 und 133-134, die detailliert von einem Liebesdreieck zwischen dem Lyrischen Ich und einem männlichen und einer weiblichen Liebhaber*in handeln. In der ersten Sequenz nimmt der männliche Liebhaber dem Lyrischen Ich die Geliebte weg, aber der Dichter bewundert dennoch die Schönheit beider – trotz des Verrats. Das ergebe, laut Wells, die Basis für ein sich entfaltendes längeres «Bi-Drama».

Tel Aviv macht Bisexualität zum Pride-Motto

Laut them.us rücke Shakespeare nun auf in die Liga der prominenten Menschen aus Popkultur und Mode, die man sonst mit «Bi-Kultur» assoziiere. Da im Vorwort der neuen Ausgabe zu lesen sei, dass «der Barde definitiv bisexuell» gewesen sei, hätte die Bi-Community demnach einen neuen «Posterboy» und herausragenden Repräsentanten der allzuoft übersehenen, ignorierten oder gar lächerlich gemachten «Bi-Kultur».

Wie und ob die britische Tourismusbranche darauf reagieren wird, bleibt abzuwarten. Ebenfalls, was für Auswirkungen das auf Lehrpläne und den Schul- bzw. Universitätsbetrieb haben wird, wo Shakespeares Dramen fest verankert sind. Von Hollywood ganz zu schweigen.

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