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«Verpiss dich, Schwuchtel!» – Homofeindliche Gewalt vor Gericht

Der Berliner Michael Flotho wurde beleidigt und geschlagen

homofeindliche gewalt
Kann inzwischen wieder lachen: Michael Flotho (Foto: privat)

Michael Flotho ist bekannt in Berlin und Brandenburg. Er gehörte bis 2008 dem Moderator*innenteam der Sendung «rbb aktuell» an. Im vergangenen Sommer wurde er Opfer eines homofeindlichen Angriffs. An diesem Donnerstag stand er dem Schläger vor Gericht gegenüber.

Es war am 27. August 2019 gegen 19.30, als Flotho mit Fahrrad und Hund am Lokal «Landsknecht» in Berlin-Wilmersdorf vorbei fuhr. Er sprach dort kurz mit einer Nachbarin, dann wollte er nach Hause, nur 50 Meter weiter. Auf Höhe der Eingangstür zum Lokal sprach ihn ein Mann an, den ihm die Nachbarin als «Manager» des Lokals vorgestellt hatte. Freundlich sagte er: «Kannst du mal mit deinem Hund reden, dass er nicht immer hier an die Pflanzenkübel pisst?» Flothe sagte ihm das zu. So weit, so friedlich.

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Nun kam der Wirt dazu, blieb auf dem Treppenabsatz stehen und brüllte Flotho an, in Berlin sei Leinenzwang, er solle seinen «Scheiss-Köter» an die Leine nehmen. Flotho entgegnete, dass sein Hund Hero nicht unter den Leinenzwang falle, er sei ein sogenannter Bestandshund. Daraufhin brüllte der Wirt: «Dann sehen wir uns vor Gericht und klären das.»

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Der «Landsknecht»-Wirt, der den Laden erst kürzlich übernommen hatte, soll laut Flotho gesagt haben, er mache das, damit nicht noch eine «arabische Butze» oder Schwulenkneipe dort einziehe.

Der Wirt ging an jenem Augustabend einige Schritte zurück ins Lokal, und Flotho hörte ihn etwas wie «Arschloch» rufen. Lachend sagte er zu dem Manager: «Hat der jetzt wirklich Arschloch gesagt?»

«Was ist denn das jetzt hier für ein Niveau?» rief er dem Wirt nach. Daraufhin drehte der sich wieder um und forderte den Manager auf, Flotho «eine zu verpassen».

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Homofeindliche Gewalt
Hat homofeindliche Gewalt erlebt: Michael Flotho (Foto: privat)

Der Manager, plötzlich wie ausgewechselt, schlug zu und traf den 65-Jährigen mit Wucht am linken Ohr und an der Wange. «Ich taumelte nach rechts und fühlte mich wie benommen», heisst es in den Aufzeichnungen, die Flotho für die Anzeige angefertigt hat. (Vergangene Woche wurden lesbische Aktivistinnen in Berlin beleidigt und bedroht – MANNSCHAFT berichtete).

Verpiss dich, du Schwuchtel!

Der Manager brüllte ihn an: «Verpiss dich, du Schwuchtel.» In seinen Augen habe Flotho den «puren Hass» gesehen. Er fuhr schnell nach Hause und verständigte die Polizei. Der LGBTIQ-Beauftragte des LKA, Sebastian Stipp, habe ihn direkt am nächsten Tag angerufen.

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Homofeindliche Gewalt führte zu Angstzuständen
Flotho ging zu seinem Hausarzt und liess sich untersuchen. Ihn quälten Panikattacken, Angstzustände und Schlaflosigkeit, etwa fünf Wochen lang. Er beschreibt ein «schallerndes» Gefühl im Ohr, das etwa 10 Tage lang blieb. «Ein Gefühl wie Watte im Ohr», das ihm Schwierigkeiten beim Hören bereitete. Ein Knalltrauma. Als er sich im November nochmal untersuchen liess, stellte sich glücklicherweise heraus, dass das Trommelfell nicht beschädigt worden war.

An diesem Donnerstag nun fand die Verhandlung am Berliner Amtsgericht in Tiergarten statt. Flotho verfolgte die Verhandlung  nicht im Saal – erst als Zeuge stiess er dazu. Er hatte sich einen Freund zur Begleitung mitgenommen, da ihm das LKA Begleitschutz empfohlen hatte. «Ich solle auf mich aufpassen, in den Tagen vor und nach dem Prozess», so Flotho gegenüber MANNSCHAFT.

Sebastian Stipp vom LKA hatte sich auch als Begleitung angeboten, hätte sogar seinen Urlaub dafür unterbrochen, erzählt Flotho. «Der hat sich wirklich vom ersten Tag an rührend um meinen Fall gekümmert – ihm muss ich ein ganz grosses Lob aussprechen.» (So viel homofeindliche Gewalt wie 2019 wurde in keinem Jahr zuvor in Berlin registriert – MANNSCHAFT berichtete).

Der Manager der Kneipe, der Flotho letzten Sommer «eine verpasst» hatte, hatte ihm im Vorfeld des Prozess als Täter-Opfer-Ausgleich 200 Euro angeboten. Aber darauf wollte sich Flotho nicht einlassen. Tagelang verhandelte sein Anwalt mit dem des Schlägers, doch ohne Erfolg.

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Michael Flotho und sein «gefährlicher» Hund (Foto: privat)

Vor Gericht nun behauptete der Schläger, Flotho sei an jenem Abend betrunken gewesen und habe Streit angefangen; auch versuchte er, den Hund als gefährlich und aggressiv darzustellen. «Eine absurde Lügengeschichte!», sagt der Journalist. Er sei damals gerade vom Sport gekommen.

Schliesslich wurde der Täter am Donnerstag zu 1000 Euro verurteilt, zahlbar in drei Monatsraten. Das Verfahren gegen den Wirt wurde abgetrennt und wird wohl nachgeholt. Er war zur Verhandlung nicht erschienen; er sei schwer krank, wie der Anwalt des angeklagten Schlägers mitteilte, so Flotho.

Am Telefon klingt er erleichtert. Die zehn Monate nach der Attacke waren für mich sehr hart, erzählt Flotho nach dem Urteil. «Es ist ja nur 50 Meter von meiner Wohnung passiert – ich hatte immer wieder Angst.»

Mit der neuen MANNSCHAFT durch den Sommer

Trotzdem hat er sich entschieden, gerichtlich gegen den homophoben Schläger vorzugehen und die Sache publik zu machen. Er höre immer wieder von Leuten, die aus den unterschiedlichsten Gründen angefeindet werden – ob aus Homophobie oder Antisemitismus. «Ich tue es für alle, die sich nicht so wehren können wie ich.»

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