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Zur Kiew Pride schwenkt die «Mutter der Nation» die Regenbogenfahne

Aktivist*innen funktionierten anlässlich des wegen Corona ausgefallenen Pride-Marsches ein prominentes Sowjetdenkmal zum LGBTIQ-Freiheitssymbol um – mit einem optischen Trick

Kiew Pride
Die monumentale «Mutter der Nation»-Statue in Kiew mit der Regenbogenfahne (Foto: Kiew Pride / Screenshot)

In Kiew wurde eine kommunistische Monumentalstatue aus der Sowjet-Ära zur perfekten Fotogelegenheit umfunktioniert: als gigantische Mutter-der-Nation mit Regenbogenfahne. Die Aktion war ein Ersatz für den ausgefallenen Gay-Pride-Marsch 2020. Nicht alle waren davon begeistert.

Auch in der Hauptstadt der Ukraine fiel der diesjährige Pride-Marsch im Juni wegen Corona aus. Das brachte die LGBTIQ-Aktivist*innen der Kiew Pride dazu, über eine Alternative zum Strassenprotest nachzudenken, woraus die Idee einer Aktion geboren wurde, die für alle in der Stadt gut sichtbar sein würde.

Die Aktivist*innen mieteten eine Drohne, um eine Regenbogenfahne bis zur Spitze des umstrittenen «Mutter-Heimat»-Denkmals zu fliegen. Dabei handelt es sich um eine überdimensionierte Statue am Ufer des Flusses Dnepr, eine Statue, die eine symbolische Mutter mit Schwert und Schutzschild darstellt. Sie wurde 1981 als Propagandaprojekt der damaligen Sowjetunion aufgestellt und vom Parteichef Leonid Breschnew eingeweigt, bevor die UdSSR zehn Jahre später auseinanderfiel. Offiziell ist es eine Statue zum Gedenken an den Sieg der sowjetischen Streitkräfte im Großen Vaterländischen Krieg.

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«Mutti wird verstehen und unterstützen»
Mit der Drohne manövrierten die Aktivist*nnen eine mit einem Gewicht beschwerte Fahne bis zur Höhe des Schwertes, wodurch aus bestimmten Winkeln der Eindruck entstand, als würde die «Mutter» die Regenbogenflagge schwingen.

«So vieles hat sich in der Ukraine zum Guten gewendet»

Die Kiew-Pride-Organisator*innen filmten ihre Aktion, montierten die Bilder geschickt zusammen und teilten sie dann auf ihrer Facebook-Seite unter dem Hashtag #momwillunderstandandsupport, also «Mutti wird verstehen und unterstützen». Der Hashtag wurde ergänzt mit dem Satz: «Mutter [ist] für Gleichheit für alle!»

Ein*e Unterstützer*in schrieb: «Die Botschaft ist wunderschön – die Mutter wird uns beschützen.» Andere ereiferten sich besonders im Westen, dass das Ganze Fake News seien und mit Photoshop bzw. ähnlichen technischen Hilfsmitteln so zusammenmontiert worden sei, dass der Eindruck eines spektakuläre Fahnenschwenks erweckt würde, während es sich «nur» um eine optische Täuschung handle.

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Gleichzeitig wurden die Social-Media-Plattformen der Gruppe mit homophoben Kommentaren überflutet, die anlässlich des Stunts betonten, dass alle LGBTIQ ihrer Meinung nach «entartet» seien und verhaftet werden sollten, wegen der «Diffamierung» des Denkmals.

Symbol der Unterdrückung wird zum Zeichen für Menschenrechte
Daraus entspann sich eine Diskussion, bei der jemand argumentierte: «Wie kann ein Symbol für ein System, das Millionen Menschen unterdrückt und ermordet hat, weniger widerlich sein, als eine Fahne, unter deren Banner Menschen für ihre Rechte kämpfen?»

Kiew Pride
Das «Mutter-Heimat»-Denkmal ohne Regenbogenfahne, wie man es normalerweise sieht (Foto: Eugene / Unsplash)

Um zur Statue zu gelangen, musste die Drohne zuerst über Kiew hinwegfliegen. Die Aktivist*innen forderten deshalb ihre Unterstürtzer*innen am vergangenen Sonntag auf: «Vergesst nicht, den ganzen Tag nach oben zu schauen! Wir werden euch entzücken mit einer Botschaft an einem unverhofften Ort.»

In einem zweiten Video sieht man, wie die Fahne bei strahlend blauem Himmel über der Stadt flattert, wie von Geisterhand gezogen. Ebenfalls auffallend: Die fast vollständig ausbleibenden Reaktionen der Menschen im Bild. So als würden Regenbogenfahnen täglich vorbeifliegen.

Die Firma «Dronarium Ukraine» habe die Drohne zur Verfügung gestellt und für die Protestaktion auch gesteuert, hiess es. Sie habe klargestellt, dass der Flug «sicher und in vollständiger Übereinstimmung mit den Flugvorgaben für Drohnen» durchgeführt worden sei. Ihre Piloten hätten «hunderte von Stunden» Flugerfahrung mit Drohnen, die Fahnen trügen.

Wappen eines toten Kolosses
Gleichzeitig habe die Firma betont, dass sie sich der Diskriminierung der LGBTIQ-Community widersetze und schwere Bedenken gegen das umstrittene Sowjetmonument habe. Laut Firma trage die Statue «das Wappen eines toten Kolosses» (gemeint sind Hammer und Sichel) auf einem Denkmal «im Zentrum einer Hauptstadt in Europa».

Die Aktion fand am Sonntag statt, als in Kiew die virtuelle Ersatz-Pride zelebriert wurde, bei der Teilnehmende u. a. eine Google-Map mit Regenbögen und positiven LGBTIQ-Botschaften verzieren konnten.

«Als wir tanzten» – Liebe im Georgischen Nationalballett

Die Organisator*innen der Kiew Pride rieten ihren Unterstützer*innen ansonsten, aus Sicherheitsgründen zuhause zu feiern und Menschenansammlungen fern zu bleiben. Die Ukraine hatte zuletzt einen starken Anstieg an Neuansteckungen gemeldet. Insgesamt gibt es den Behörden zufolge inzwischen mehr als 32.000 Corona-Infektionen im Land, mehr als 900 Menschen seien daran bisher gestorben. Erst vor wenigen Tagen wurde die ukrainische First Lady in eine Klinik eingeliefert, weil sie sich mit dem Coronavirus infiziert hatte und bei ihr eine Lungenentzündung ausgebrochen war.

Präsident Selenskyj plädiert für mehr Toleranz
In den letzten Jahren war es bei der Pride in Kiew wiederholt zu schweren Übergriffen durch Nationalisten gekommen, auch wenn sich insgesamt in der Ukraine vieles zum Guten gewendet hat. (MANNSCHAFT berichtete über die Veränderungen.)

Wolodymyr Selenskyj
Der neue ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, erst Schauspieler und Komiker, jetzt Staatschef (Foto: www.president.gov.ua)

Auch der neue Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, hat sich mehrfach hinter die LGBTIQ-Community gestellt und für mehr Toleranz in seinem Land geworben. Dennoch ist die rechtliche und gesellschaftliche Lage vieler LGBTIQ in der früheren Sozialistischen Sowjetrepublik, wo 75 Prozent der Bevölkerung den orthodoxen Kirchen angehören, weiterhin schwierig. (MANNSCHAFT berichtete über Wolodymyr Selenskyj aussergewöhnliches LGBTIQ-Plädoyer während einer Pressekonferenz 2019.)

«Blasphemie»: Pride am Jahrestag des Kriegsbeginns
Der Aktivist Viktor Pylypenko, Vorsitzender der Union Ukrainischer LGBTIQ-Militärs und Veteranen, sagt zu MANNSCHAFT: «Die Regenbogenfahne am Mutter-Heimat-Denkmal ist für mich definitiv die interessantes Aktion der diesjährigen Online-Pride. Sie hat die architektonische Brutalität der Sowjet-Ära auf den Kopf gestellt. Viele LGBTIQ in Kiew – und nicht nur sie – nennen die Statue nicht ‹Mutter-Heimat›, sonder schlicht ‹Der Transformer›. Mit der Aktion hat sich die Kiew Pride die Statue angeeignet und seine menschenverachtende Botschaft uminterpretiert – in dem Sinn war das Ganze ein voller Erfolg.»

Kiew Pride
Viktor Pylypenko, Vorsitzender der Union Ukrainischer LGBTIQ-Militärs und Veteranen (Foto: Privat)

Pylypenko weist darauf hin, dass es immer noch viele Menschen in der Ukraine gebe, die starke Gefühle für das kommunistische Ex-Regime hegten und dessen homophobe Ansichten weiterhin teilten, Ansichten, die sich im Zweiten Weltkrieg unter Stalin festsetzten, entgegen der ursprünglich wegweisend-liberalen LGBTIQ-Gesetzgebung in der jungen UdSSR.

«Viele Politiker, die zu Wahlkampfzwecken mit homo- und transphoben Gefühlen spielen, versuchen die Kiew Pride als ‹Schande› anzuprangern, weil am 22. Juni 1941 die Nazis Russland angriffen, womit das Land in den Zweiten Weltkrieg einstieg», sagt Pylypenko. «Ausgerechnet das Umfeld dieses Datums für ein Pride-Event auszuwählen, betrachten viele als Affront. Weswegen sie gleich ‹Blasphemie› schrien, als nun die Regenbogenfahnenaktion an diesem Kriegsdenkmal stattfand.»

Solche Empörung sei allerdings «vollkommen lächerlich», meint Pylypenko, denn die Sowjets hätten 1939 gemeinsam mit dem Dritten Reich Polen zerteilt und dabei auch die Ukraine als Teil des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakts aufgesplittet, was u. a. Umsiedlungen zur Folge hatte. «Niemand kann also behaupten, dieses Datum oder der Zweite Weltkrieg an sich sei für Ukrainer ein besonders positives Ereignis gewesen, für das sie den Sowjets dankbar sein müssten.»

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