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Zum «Schutz» religiöser Gruppen – Museum versteckt LGBTIQ

Über den «Verrat» berichtete die Canadian Broadcasting Corporation, nachdem eine Social-Media-Kampagne das Museum in Winnipeg wegen Rassismusvorwürfen in die Schlagzeilen gebracht hatte

Kanadisches Museum für Menschenrechte
Das Canadian Museum for Human Rights in Winnipeg (Foto: Aaron Cohen/CMHR-MCDP)

Mitarbeitende des Kanadischen Museums für Menschenrechte in der Provinzhauptstadt Winnipeg haben sich öffentlich beschwert, dass sie von der Verwaltung in Einzelfällen angehalten wurden, bei Führungen LGBTIQ-Inhalte zu «verstecken», beispielsweise vor «bestimmten religiösen Schulgruppen». Das hat nun personelle Konsequenzen.

Das «Canadian Museum for Human Rights» wurde 2014 eröffnet und ist das einzige kanadische Staatsmuseum ausserhalb von Ottawa. Es geht auf eine Initiative von Izzy Asper zurück, dem Gründer von CanWest Global Communications, einem der grössten Medienkonzerne des Landes. Er wollte in dem Museum über Menschenrechte in Form von Ausstellungen informieren und weitere Forschung zum Thema fördern. Seine Initiative startete Asper am 17. April 2003, dem Jahrestag der Unterzeichnung der kanadischen Charta der Rechte und Freiheiten. (MANNSCHAFT berichtete über Kanadas Feierlichkeiten anlässlich der Entkriminalisierung von Homosexualität vor 50 Jahren.)

Natürlich ist die 2005 in Kanada eingeführte Ehe für alle eines von vielen Ausstellungsthemen. Laut Berichten der Canadian Broadcasting Corporation (CBC) wurden Mitarbeiter*innen in der Vergangenheit angewiesen, solche Bereiche bei bestimmten Gruppenführungen gezielt zu umgehen.

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Gabriela Aguero, eine ehemalige Museumsführerin, die das Bildungsprogramm selbst mitentwickelt hatte, berichtete CBC News: «Als ich mich deswegen beschwerte, sagte das Management: ‹Na ja, das ist nun mal das, was wir von dir fordern, und wir müssen unsererseits das würdigen, was die Schule von uns gefordert hat, schliesslich bezahlen sie für die Führung.›»

Kanadisches Museum für Menschenrechte
Blick auf die verschiedenen Themenbereiche und Ausstellungstafeln im Kanadischen Museum für Menschenrechte (Foto: Jessica Sigurdson/CMHR-MCDP)

Schulklassen, Diplomaten und Geldgeber
Aguero beurteilte diesen Vorgang als «entsetzlich» und berichtete von ihrer «Trauer», ihren LGBTIQ-Kolleg*innen die entsprechenden Anordnungen weitergeben zu müssen. «Es war ein bedrückendes Schuldgefühl und sehr schmerzhaft», so Aguereo.

Es war ein bedrückendes Schuldgefühl und sehr schmerzhaft

Die Museumsverwaltung bestätigte inzwischen, dass es zwischen Januar 2015 und bis Mitte 2017 eine Hauspolitik gegeben habe, wonach Schulen und Klassen gestattet war, aufs Weglassen von LGBTIQ-Inhalten bei Führungen zu bestehen.

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Mehr noch: Spezielle Besucher*innen, wie beispielsweise Diplomaten aus bestimmten Ländern oder mögliche Geldgeber, wurden dem CBC-Bericht zufolge ebenfalls vor LGBTIQ-Inhalten «geschützt».

«Der zweite Blick: Spielarten der Liebe» – Revolution im Museum

Umsetzen mussten diesen Schutz dann u. a. LGBTIQ-Mitarbeiter*innen selbst. Konkret sollte sich ein Mitarbeitender vor eine Sektion stellen, wo man Fotos von gleichgeschlechtlichen Paaren sehen konnte, die in Form einer Hochzeitstorte angeordnet waren.

Änderung der Hauspolitik
Als die interne Empörung dazu immer grösser wurde, änderte das Museum 2017 diese Hauspolitik. Die Sprecherin des Museums teilte CBC mit, dass solche Sonderwünsche bei Führungen seither nicht mehr möglich seien.

Dass diese ältere Geschichte ausgerechnet jetzt ans Licht kommt und für Schlagzeilen sorgt – also drei Jahre nach Ende der entsprechenden Führungspraxis – hängt damit zusammen, dass das Museum aktuell in der Kritik steht, nachdem ehemalige Mitarbeiter*innen sich letzte Woche dazu geäussert hatten, im Haus unangemessen rassistisch behandelt worden zu sein. Daraufhin begannen Schwarze, Indigene und andere People of Color, ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit dem Museum in sozialen Medien zu teilen.

Museumsdirektor John Young versprach daraufhin, dass man sich bemühen werde, «Missstände und blinde Flecken zu identifizieren», um das Arbeitsleben der Mitarbeitenden zu verbessern.

Gemäss unseres Auftrags und unserer Mission muss dieses Museum ein Vorbild sein für die höchsten Standards an Diversität und Inklusion, sowohl nach innen als auch nach aussen

Laut Pressesprecherin sei das Museum «extrem besorgt» wegen dieser öffentlich geteilten Geschichten von derzeitigen und ehemaligen Mitarbeiter*innen zu struktureller Diskriminierung, Rassismus und Homophobie im Haus. «Gemäss unseres Auftrags und unserer Mission muss dieses Museum ein Vorbild sein für die höchsten Standards an Diversität und Inklusion, sowohl nach innen als auch nach aussen.»

Rücktritte und Entschuldigungen
Die Rechtsanwältin Laurelle Harris wird laut CBC nun den vielfachen Rassismus- und Diskriminierungsbeschwerden nachgehen. Am Donnerstagabend gab Direktor John Young bekannt, dass er sich nicht um eine Verlängerung seines Vertrags bemühen werde, wenn seine Amtszeit im August ende. Dies habe er dem Museumspersonal in einer internen Email mitgeteilt, aus der CBC News zitiert.

Am Freitag veröffentlichte das Exekutivteam des Museums eine formale Entschuldigung und sprach davon, dass diese Praxis ein «Verrat» der Kernwerte des Museums gewesen sei: «Dass wir das Vertrauen gebrochen haben, das von der LGBTIQ-Community in uns gesetzt wurde, von unseren Besucher*innen, Mitarbeiter*innen, unseren Mitglieder*innen und Spender*innen, für den Schmerz und die Verletzungen, die dieser Verrat verursacht hat, dafür entschuldigen wir uns», hiess es.

Rassismus-Vorwurf gegen Schwules Museum – was ist da dran?

Der zuständige Kultusminister Steven Guilbeault äusserte, dass er diese offensichtlichen Fälle von Selbstzensur in Bezug auf LGBTIQ-Lebenswelten im Museum «sehr ernst» nehme. Der ehemalige Bürgermeister von Winnipeg, Glen Murray, teilte mit, er habe seinen Posten im Direktorium der Freunde des Kanadischen Museums für Menschenrechte aufgegeben: «Das habe ich getan, weil hier das Ziel des Museums verraten wurden, das Ziel, an dem wir alle so hart gearbeitet hatten – Geschichten zu zeigen, wie Hass überwunden wurde», schrieb Murray auf Twitter.

Damit ist die Social-Media-Kampagne unter dem Hashtag #cmhrstoplying in die nächste Empörungsrunde gegangen.

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