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«Priscilla» und «Pflaumensturz» – so geht queerer Slang

Beispiele aus England, Deutschland, Indonesien und Brasilien

Queerer Slang
Symbolbild (Bild: Unsplash/ Stavrialena Gontzou)

Vom «warmen Bruder» bis zum indonesischen «Bancong» – die Sprachexpert*innen von der Sprachlern-App Babbel geben Einblick in die Soziolekte der queeren Community.

Um sich innerhalb der Community zu unterhalten und sich gleichzeitig gegenüber Aussenstehenden nicht zu outen, haben Queers schon früh angefangen, eigene Geheimsprachen zu nutzen. Während  die Slangs in einigen Ländern noch immer als Selbstschutz fungieren, sind sie in toleranteren Ländern bereits im Mainstream angekommen und verändern die Sprache positiv.

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LGBTIQ-Slang in Deutschland
Bis auf einige Szenebegriffe, wie zum Beispiel «Pflaumensturz», «Sahneschnittchen» oder «warmer Bruder», habe sich eine umfassende Geheimsprache in Deutschland bislang nicht durchsetzen können. Einige dieser geheimen Begriffe der LGBTIQ-Community blieben beispielsweise durch die Comics von Ralf König erhalten. Königs «Der bewegte Mann» etwa sorgte in den 1990er-Jahren für viel positives Aufsehen, wurde verfilmt und erfreute sich (nicht nur innerhalb der Szene) grosser Popularität.

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Die Bezeichnung «warmer Bruder» steht stellvertretend für den homosexuellen Mann. «Sahneschnittchen» werde heute auch in der Mainstream-Sprachkultur verwendet als Bezeichnung für eine attraktive Person. Ein «Pflaumensturz» ist hingegen ein Gemütszustand: Als Synonym für einen Nervenzusammenbruch, wird es bei freudiger Erregung oder extremer Empörung benutzt.

Polari – Wie spricht man queer in England?
Eine der bekanntesten LGBTIQ-Geheimsprachen (auch «Argot» genannt) ist Polari. In der britischen Schwulen- und Lesbenszene wurde Polari Anfang des 20. Jahrhunderts populär und war bis in die späten 1960er-Jahre ein fester Bestandteil der Mainstream- und Sprachkultur. Das System ist gleichermassen undurchsichtig wie einfach: Man ersetzt einen Begriff durch ein anderes Wort. So steht beispielsweise «dolly» für «hübsch» oder «eek» für «Gesicht».

Durch die Legalisierung von Homosexualität konnte man sich offen bekennen – eine Geheimsprache war für viele nicht länger nötig. Zwar verlor der Soziolekt in den 1970er- Jahren zunehmend an Popularität, erlebt jedoch mittlerweile ein Revival in der Generation Y. Doch der eigentliche sprachliche Sinn und Zweck hat sich gewandelt: Millennials nutzen den spitzfindigen Slang mit scharfem Tonfall als Anti-Haltung und als Ausdruck ihrer Abgrenzung gegenüber einer genormten und überwiegend heterosexuellen Gesellschaft.

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Pajubá/ Bajubá – Die queere Sprache der Brasilianer*innen
England ist nicht das einzige Land, in dem sich ein queerer Slang etabliert hat. Die brasilianische Community spricht Pajubá/Bajubá – eine Szenesprache, die je nach Region leicht variieren kann. Beeinflusst wird dieser Sprach-Code durch das Portugiesische und die westafrikanischen Dialekte der Yoruba-Kultur. Eine entscheidende Besonderheit ist die zentrale Rolle der Frau: Inspiriert von Seifenopern, berühmten Sängerinnen und Schauspielerinnen, bedient sich Pajubá/ Bajubá häufig weiblicher Vornamen.

«Dar a Elsa» (wörtl.: Elsa etwas geben) heisst «stehlen», «Irene» steht stellvertretend für eine alte Person. Die Liste ist lang und kann mittlerweile im slang-eigenen Wörterbuch «Aurélia» nachgelesen werden. Genau wie Polari ist auch Pajubá/ Bajubá in der Mainstream-Kultur angekommen: Die wachsende Verbreitung in den Massenmedien und in der Forschung haben dazu geführt, dass queere Begriffe immer mehr in der Alltagssprache vieler Brasilianer*innen benutzt werden.

Bahasa gay in Indonesien – Hundert Sprachen, ein LGBTIQ-Slang
Die offizielle Amtssprache in Indonesien ist Bahasa-Indonesisch. In den vielen verschiedenen Regionen des Inselstaates werden jedoch weitaus mehr Sprachen gesprochen, von individuellen Dialekten ganz zu schweigen. Da ist es erstaunlich, dass es in einer so sprachenreichen Region lediglich einen queeren Slang gibt: Bahasa gay. Andere Bezeichnungen sind bahasa banci, bahasa bengcong oder bahasa binan.

Eine gängige Methode neue Slang-Begriffe zu erschaffen, ist es, die Silbe -ong an das Ende eines Wortes zu hängen. Aus «banci» (wörtl.: Transfrau) wird «bancong». Selbiges gilt für -in, welches zwischen zwei Silben eingesetzt wird: Aus «banci» wird «binancin» (vereinfacht: binan – Slang: bahasa binan). Falls man nicht mehr durchblickt: Geheimsprachen sind ja dazu da, Unbeteiligte außen vor zu lassen.

gayle & isiNgqumo in Südafrika – Zwischen Toleranz und Apartheid
Rassentrennung spielt in der Geschichte Südafrikas eine zentrale Rolle. Politisch organisierte Apartheid ist längst abgeschafft und beeinflusst dennoch bis heute den afrikanischen Sprachgebrauch. Offiziell spricht man in Südfrika elf Sprachen, queere Slangs gibt es zwei. Gayle spricht vor allem die weisse LGBTIQ-Community und basiert auf den Sprachen Englisch und Afrikaans. Elemente aus Polari und Pajubá/Bajubá finden sich in diesem Soziolekt wieder und auch hier spielt die Frau beim Sprechen eine tragende Rolle: «Monica» heisst «Geld», «Priscilla» steht für «Polizist», «Jessica» heisst «Schmuck». Gewisse Ähnlichkeiten zu den englischen Wörtern «money», «policeman» und «jewelery» liegen, bei näherem Hingucken, auf der Hand.

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Die POC (Person of Color) Queer-Community spricht isiNgqumo, was so viel heisst wie «Entscheidungen». Dieser LGBTIQ-Code basiert auf einer Gruppe der Bantu-Sprachen und ist im Vergleich zu gayle kaum erforscht. Das zeigt, dass soziale Spannungen aus der Zeit der Apartheid bis heute andauern.

Lubunca – Eine Minderheitensprache in der türkischen Leitkultur
Die spezielle Szenesprache Lubunca basiert auf den Sprachen Griechisch, Kurdisch und Bulgarisch – Sprachen, die in der Türkei in der Minderheit sind. Ein Grossteil des Wortschatzes kommt aus der Sprache der Roma. Dass sowohl die queere Community als auch das Roma-Volk in der Türkei starke Marginalisierung erfahren haben, schweisst sie in der Sprache zusammen. Lubunca ist jedoch mittlerweile im sprachlichen Mainstream angekommen und aus der Marginalisierung herausgetreten.

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