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«Es ist demütigend»: Mysteriöse Outing-Kampagne in Armenien

Mitten in der Corona-Pandemie kämpfen trans Menschen in der Ex-Sowjetrepublik nicht nur ums Überleben, sie sind auch von Anti-LGBTIQ-Aktionen in einer tief religiösen und konservativen Gesellschaft bedroht

Armenien
An der sogenannten Samtenen Revolution 2018 beteiligten sich auch Soldaten, Arm in Arm mit Vertretern der konservativen Staatskirche. Es folgte eine Öffnung des Landes zum Westen, aber ehemalige Militärs und Kirchenvertreter agieren noch immer massiv gegen LGBTIQ (Foto: Pandukht / Wikipedia)

Am 23. April 2020 kontaktierten die beiden Trans Frauen E. P. und A. Gh. die armenische Organisation für Transrechte «Right Side». Sie berichteten, dass eine auffällige Zahl von Menschen Fotos und Informationen aus ihren Pässen auf Facebook und Instagram gepostet hatte. Was war da passiert, wer hatte das veranlasst? Das Politologe und MANNSCHAFT-Experte für LGBTIQ-Politik in Osteuropa, Rémy Bonny, ist dem Fall nachgegangen.

Die besorgten Trans Frauen waren selbst Diskriminierung und Hassreden in den sozialen Medien ausgesetzt: «Sie erhielten zahlreiche Bedrohungen, wurden verspottet und in Kommentaren beleidigt», sagt Lilit Martirosyan, Direktorin der Nichtregierungsorganisation Right Side.

«Right Side erstattete Anzeige bei der Generalstaatsanwaltschaft der Demokratischen Republik Armenien wegen des illegalen Sammelns, Aufbewahrens, Nutzens und Verbreitens von Informationen zum Privat- und Familienleben, was gegen Artikel 144 des Armenischen Strafgesetzbuches verstösst.» (MANNSCHAFT berichtete über die Situation von queeren Menschen in Armenien.)

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Auf Basis dieser Anzeige wurde ein Verfahren eröffnet, im Speziellen gegen den bekannten Anti-Regierungsaktivisten Narek Mali wegen widerrechtlichem Verbreiten von persönlichen Daten zur Transfrau E. P.

«Narek Malian war früher Berater des Polizeichefs der Republik Armenien. Jetzt ist er hauptsächlich Anti-LGBTI und Anti-Frauenrechtsaktivist», sagt Emil Avetisyan von Right Side zu MANNSCHAFT-Experte Rémy Bonny.

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Der Anti-Regierungs- und Anti-LGBTIQ-Aktivist Narek Malian im Januar 2020, nachdem er von der Polizei wieder entlassen wurde; er war wegen illegalem Waffenbesitz festgenommen worden (Foto: azatutyun.am / Screenshot)

Das Vergehen, um das es in diesem Fall geht, kann mit einer Geldbusse belegt werden, die dem 200- bis 500-fachen Mindestlohn entspricht – oder mit Gefängnis von ein bis zwei Monaten. So sieht es das armenische Strafgesetzbuch vor.

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Covid-19: Ein Risiko für trans Menschen und ihre Gesundheit
Zur aktuellen Lage sagt Emil Avetisyan von Right Side zu MANNSCHAFT: «Wir haben mehrere Mitglieder der Trans Community kontaktiert und einzeln befragt, welche Auswirkungen Covid-19 auf ihr Leben hat. Die Antworten stimmen sehr traurig. Denn niemand der Befragten besitzt selbst ein Haus, sie können sich Mieten, Essen, Dienstleistungen usw. nicht leisten.»

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Blick auf die armenische Hauptstadt Jerewan (Foto: Sergey Isakhanyan / Unsplash)

«Trans Menschen, die gerade in einer Hormonersatztherapie (HET) sind, können auch ihre Medikamente nicht bezahlen. Das kann Auswirkungen auf ihre zukünftige Gesundheit haben», so Avetisyan.

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«Viele von ihnen sind verzweifelt und wissen nicht, ob sie die aktuelle Quarantäne überleben werden oder nicht. Man merkt, wie unsichtbar und nicht beachtet die Situation von trans Menschen in Armenien ist. Es ist demütigend», klagt Avetisyan.

Post-sowjetischer Konservativismus
Der Politologe Rémy Bonny meint: «Armenien ist eines der konservativsten Länder im Europäischen Rat. Es befindet sich geografisch zwischen dem post-kommunistischen Russland, der Türkei und dem transphoben Iran.»

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«Seit der sogenannten Samtenen Revolution 2018 orientiert sich das Land mehr und mehr in Richtung Westen. Aber Russland tut alles, was in seiner Macht steht, um einen Kulturkampf gegen Armenien zu führen. Man sollte den Einfluss des Kreml auf die Politik in der Hauptstadt Jerewan nicht unterschätzen», so Bonny weiter.

«Die einflussreichste trans- und homophobe Macht in Armenien ist die Kirche. Die Bevölkerung ist immer noch zutiefst religiös. Und die einzige Botschaft, die sie von der Kirche bekommt ist, wie ‹schlecht› LGBTIQ-Menschen für das Land seien. LGBTIQ werden in Armenien zum Schweigen gezwungen, durch die Religion und durch die Gesellschaft», lautet Bonnys Fazit. Entsprechend schwer ist es, an ihrer Situation etwas zu verändern.

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