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Mehr «Eurovision» statt Ersatzprogramme bitte!

Typisch europäisch: Jeder kocht am liebsten sein eigenes Süppchen

Eurovision
Conchita Wurst moderiert (Foto: Screenshot/ProSieben)

Wegen Corona entfällt dieses Jahr der Eurovision Song Contest. Stattdessen gibt’s «Europe Shine a Light» als Ersatzprogramm aus Hilversum und parallel dazu Stefan Raabs «Free ESC» aus Köln. Die ARD macht etwas dazwischen und veranstaltet «das deutsche Finale» des ESC. Typisch europäisch: Jeder kocht am liebsten sein eigenes Süppchen. Ein Samstagkommentar* von Predrag Jurisic zur ESC-Idee und zu den Ersatzprogrammen.

Was hat das ESC-Herz geblutet, als am 18. März der Eurovision Song Contest wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde (MANNSCHAFT berichtete). Die Enttäuschung der Fans war gross. Prompt ploppten Ersatzprogramme auf. Die ARD mit der Alternative «Eurovision Song Contest 2020 – das deutsche Finale». Und Stefan Raab und ProSieben mit dem Free Eurovision Song Contest. Beide Formate haben das, was dem Original dieses Jahr fehlen wird: einen Wettbewerb mit Voting. Doch wo bleibt dabei die völkerverbindende «Eurovision»?

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Ob beim ESC-Ersatzprogramm das Licht angeht, seht ihr, wenn ihr vor der Kiste steht: Ab 21 Uhr zeigen die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Ersatzshow von EBU, der Europäischen Rundfunkunion, die uns jedes Jahr mit ihrer ESC-Fanfare einen Trommelfellwirbel verursacht: «Tä-tää-tä-tä-rää-tä-rää-rä.» Die Fanfare wird uns vermutlich auch dieses Jahr entgegenträllern. Aber nicht aus Rotterdam, das ursprünglich als ESC-Austragungsort geplant war, sondern aus Hilversum, dem Austragungsort des ESC 1958.

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Die abgespeckte ESC-Version «Europe Shine A Light» zeigt in ihrem etwas mehr als zweistündigen Programm alle 41 Songs, die am ESC 2020 hätten teilnehmen dürfen. Auch wird es Schaltungen zu Stars vergangener Song Contests geben, die ehemalige Siegertitel interpretieren. Oder das Medley, bei dem ausgewählte Acts das Programmlied und zugleich den Siegertitel aus dem Jahr 1997 «Love Shine A Light» singen werden. Amüsant könnte der Fanbeitrag dieses Jahr sein: Die Show zeigt die besten Home-Videos des ESC-Hits «What’s Another Year» von Johnny Logan aus dem Jahr 1980.

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Doch das, was den ESC ausmacht, das Mitfiebern beim Punkteverteilen, bei dem sich alle kurzzeitig als fachkundige Juror*innen hervortun, fällt aus «versicherungstechnischen Gründen» weg: Die Versicherung zahlt zwar wegen des Corona-Ausfalls, nicht aber, wenn der ESC-Ersatz zu nah ans Original herankommt – also mit Voting, Siegerehrung und Siegersong. Immerhin bleibt sich das Original seiner Vision treu und macht ein Programm für alle Europäer*innen.

Ersatz- und Rahmenprogramme
Ob die eingeschränkte ESC-Version die Kraft hat zu überzeugen, wird sich zeigen. Zumindest gibt es dazu einen Vorspann aus der Hamburger Elbphilharmonie mit der wunderbar wohltuenden und ironisch-irritierenden Barbara Schöneberger: In der ARD-Show «Eurovision Song Contest 2020 – das deutsche Finale» präsentiert die Königin des Kalauers die zehn ESC-Teilnehmenden, die sich im Halbfinale des «World Wide Wohnzimmer» für das Finale qualifiziert haben.

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Eine Interpretin sticht dabei besonders hervor: Samira Efendi aus Aserbaidschan, die in ihrem Lied «Cleopatra» mit einer besonderen Textzeile überrascht: «Straight or gay or in between».

Dies wird besonders die LGBTIQ-Community in ihrem Heimatland freuen und zeigt auf, der ESC-Spirit ist trotz Corona noch vorhanden. Wer also auf einen Mini-ESC samt Voting sowie auf spritzige Sprüche und hemdsärmelige Hemmungslosigkeiten steht, lässt sich das deutsche Finale mit Barbara Schöneberger nicht entgehen. Und das gibt’s bereits ab 20.15 Uhr.

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Dramen, Siege und Emotionen zeigt das Schweizer Warm-up-Format «Die Schweiz am ESC» ab 20.10 Uhr auf SRF 1. Ein Blick in die ESC-Geschichte, aber auch ein Porträt über den diesjährigen Schweizer Kandidaten Gjon Muharremaj aka Gjon’s Tears soll auf «Europe Shine A Light» einstimmen. Weniger dramatisch leitet ORF 1 den Song Contest Abend ein und zeigt dabei die österreichischen ESC-Erfolgsgeschichten – unter anderem auch die beiden Song Contest Gewinner Udo Jürgens (1966) und Conchita Wurst (2014).

Wo ein ESC, da auch ein Free Willy …
… äh, Stefan Raab: Der ESC-Rebell war schon immer für eine Überraschung gut, wenn es um neue TV- und Unterhaltungsformate ging. So wird der neugegründete Free ESC als Reaktion auf die ESC-Absage infolge der Corona-Pandemie auf ProSieben bestimmt die eine oder andere neue Inspiration bringen. 15 Länder nehmen daran teil, wobei für Deutschland noch nicht bekannt ist, wer mitsingen wird. Spekuliert wird, ob nicht der Gastgeber selbst, Stefan Raab, für Deutschland antritt. Seinem Kommentar zufolge trete für Deutschland eine echte Legende an.

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Auf jeden Fall will Stefan Raab den Free ESC als Konkurrenzanlass zum Eurovision Song Contest etablieren. Einen Vorsprung für 2020 hat er: Ein Voting wird den Siegertitel küren. Zudem hat er bekannte Interpret*innen wie Kelvin Jones, Mike Singer oder Nico Santos sowie Stefanie Heinzmann, Sarah Lombardi oder Vanessa Mai an seiner Seite. Die nötige Portion an Glamour bringen Conchita Wurst und Steven Gätjen mit, die die Show moderieren (MANNSCHAFT berichtete).

Welches ESC-Programm im Corona-Jahr beim Publikum am besten ankommen wird, ist schwer zu sagen. Solange genügend Partygebäck, Prosecco oder Bier mit am Start sind, wird es mit Sicherheit ein unterhaltsamer Abend. Und wer sich nicht entscheiden kann, hat immer noch die Replay-Funktion.

Allerdings stellt sich die Frage, ob all die Ersatzprogramme notwendig sind: Wird die ursprüngliche Idee der «Eurovision» dadurch nicht verraten? Die völkerverbindende Idee in Form eines Musikwettbewerbs, der alle Europäer*innen einen soll? Mit den Ersatzprogrammen ist es beinahe wie mit der Politik unter den EU-Ländern: Jeder kocht am liebsten sein eigenes Süppchen. Klar, wegen Corona findet dieses Jahr kein Wettbewerb statt. Darum auch die Alternativen, um mehr Spannung ins Programm zu bringen. Hier hat die EBU definitiv verschlafen, wie das manchmal auch die EU macht. Und trotzdem: Die ursprüngliche ESC-Idee darf dabei nicht vergessen gehen. Mehr «Eurovision» statt Ersatzprogramme wäre künftig wieder erwünscht.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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