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Müssen wir jetzt alle Zwinkern lernen?

Mund-Nasen-Schutz – schön und gut. Aber wie soll man damit vernünftig flirten?

Zwinkern
Einfach mal zwinkern? (Foto: Unsplash)

In Österreich und Deutschland gilt Maskenpflicht – in Bussen, Bahnen und beim Einkaufen. Für die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) hat SBB-Chef Vincent Ducrot jetzt laut SRF erklärt, wenn beim Reisen die Abstandsregeln nicht eingehalten werden könnten, werde dringend das Tragen einer Schutzmaske empfohlen. Auch US-Airlines wie Delta Air und United führen jetzt eine Maskenpflicht für ihre Passagiere ein. Unser Autor* trägt brav seinen Mund-Nasen-Schutz, meint aber in seinem (nicht ganz ernst gemeinten) Samstagskommentar, dass ein wesentlicher Teil der zwischenmännlichen Kommunikation auf der Strecke bleibt. Ist Zwinkern die Lösung?

Jetzt haben wir sie also, die Maskenpflicht. Ob so ein Mund-Nasen-Schutz vor dem Virus hilft oder nicht, ist nach wie vor nicht wissenschaftlich bestätigt. Ich trage ihn dennoch, nicht zuletzt aus  Respekt vor anderen. Wobei die Maske aber ganz gewiss nicht hilft, ist bei der non-verbalen Kommunikation. Jedenfalls, wenn sie sich im unteren Teil des Gesicht vollzieht. Hängen die Mundwinkel herab, zeigen sie freundlich lächelnd gen Himmel und sind die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst?

Ob Maskenpflicht oder nicht – überall wird fleissig genäht!

Konnte man früher, in U-Bahn oder S-Bahn sitzend, dem Gegenüber bei Interesse ein Lächeln schenken und gar einen Flirt starten, geht das heute nicht mehr so ohne Weiteres.

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Ich habe es diese Woche in der Berliner U-Bahn bemerkt. Gut eineinhalb Meter von mir entfernt stand ein attraktiver Mann, wir waren beide maskiert, und er sah mich an, schaute mir direkt in die Augen. Ich konnte aber den Rest seines Gesichts nicht sehen, und so wirkte sein Blick mehr wie ein Starren. Was nicht weniger schmeichelhaft sein muss, aber als flirty empfand ich es nicht gerade.

Es gibt etliche Möglichkeiten, einander sein Interesse zu signalisieren. Schliesslich kann man dem anderen auch mal zunicken, den Kopf etwas schief legen, die Augenbrauen heben – oder auch nur eine. Frauen liessen früher ihr Taschentuch zu Boden segeln, auf dass es der Mann aufhebe – so kam man ins Gespräch. Man könnte ja einfach den Mundschutz fallen lassen, dann kann man sich auch endlich anlächeln …

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Aber im Ernst: Hätte er zwinkern sollen? Oder ich? Diese Art des Flirtens fand ich immer irgendwie altväterlich, auch ein wenig plump, sexy wirkte es auf mich jedenfalls nicht. Die US-Expertin für Körpersprache Patti Wood scheint mir da Recht zu geben. Sie stellt in ihrem Buch SNAP: Making the Most of First Impressions, Body Language, and Charisma fest: Zwinkern sei «eine Möglichkeit, um den langanhaltenden und potenziell bedrohlich wirkenden Blickkontakt zu entspannen» – schon immer bestens erprobt durch den Weihnachtsmann. Dass er Kindern zuzwinkert, solle beruhigend wirken und signalisieren: Ich bin zwar durch den Kamin ins Haus gekommen, aber hey: Ich bin harmlos!

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Mit meiner Zwinker-Skepsis bin ich nicht allein. Die Online-Partnervermittlung Parship hat im vergangenen Jahr 4.600 Partnersuchende gefragt, wie man beim Flirten bei ihnen ans Ziel kommt. Lächeln steht auf Platz 1: 32 Prozent freuen sich über ein freundliches Gesicht. Jede*r Fünfte steht auf einen verführerischen Blick, direkt in die Augen. Danach erst folgt ein «freches Zuzwinkern», das macht 18 Prozent der Befragten schwach.

Besser im Kurs – und in vollen U-Bahnen problemlos zu bewerkstelligen – steht die zufällige Berührung. 22 Prozent der Männer macht es an, wenn etwa sie scheinbar unbeabsichtigt von einer Hand am Arm gestreift werden.

Hier sind aber auch nationale Unterschiede zu beachten (nicht dass man angesichts der Reisebeschränkungen momentan in die Gelegenheit käme, das auszuprobieren). Bereits im Herbst 2017 hatte das Meinungsforschungsinstitut YouGov insgesamt 8490 Frauen und Männer in Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen befragt, wo für sie Flirten aufhört und wann es unangenehm wird. Für Französ*innen offenbar recht früh: Fast jeder Vierte (23%) sagte, Zwinkern könnte sexuell belästigend sein. In Deutschland fanden das gerade mal 6 %, hier waren sich Männer und Frauen ziemlich einig.

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Hat der Mann in der U-Bahn neulich möglicherweise gelächelt, und es hat sich unter der Maske einfach nicht vermittelt? Die Forschung verweist auf den Augenringmuskel, der uns beim Lächeln die Augen zusammenkneifen lässt und unsere Lachfältchen in den Augenwinkeln zum Vorschein bringt. Man spricht hier vom sogenannten Duchenne-Lächeln – benannt nach dem Neurologen Guillaume Duchenne, der 1862 als Erster diesen Muskel untersuchte.

Schön und gut. Ich habe es zu Haus vor dem Spiegel mal ausprobiert: Trage ich eine Maske und lächle breit, werden meine Augen dadurch schmaler. Dasselbe gilt allerdings auch, wenn ich die Nase rümpfe. Hilft also vielleicht doch nur eins. Zwinkern.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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