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LGBTIQ-Organisation rät: In Isolation nicht outen!

Britische LGBTIQ-Sorgentelefone verzeichnen einen Anstieg der Anrufe von Personen, die sich mit missbräuchlichen Familienangehörigen und Partner*innen selbst isolieren

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Coming-out verschieben? Die Ansichten dazu gehen auseinander (Symbolbild: Pixabay)

Die LGBTIQ-Wohltätigkeitsorganisation Albert Kennedy Trust rät jungen Menschen vom Coming-out ab, sofern sie sich während der Corona-Pandemie in Isolation mit ihren Familien befinden. Auch das Aktionsbündnis gegen Homophobie rät zur Vorsicht.

Der Albert Kennedy Trust (AKT), eine britische Wohltätigkeitsorganisation, die sich um LGBTIQ-Obdachlose kümmert, hat jungen Menschen geraten, sehr genau nachzudenken, bevor sie sich jetzt outen. Hintergrund: LGBTIQ-Sorgentelefone verzeichnen einen Anstieg der Anrufe von Personen, die sich mit missbräuchlichen oder feindlich gesinnten Familienangehörigen und/oder Partner*innen selbst isolieren.

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«Wenn Sie ein junger Mensch sind und daran denken, sich zu outen – drücken Sie lieber solange die Pausentaste, bis Sie Unterstützung erhalten», sagte Tim Sigsworth, CEO von AKT, gegenüber Sky News.

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Er äusserte sich besorgt darüber, wie Familien auf das Coming-out ihres Kindes in dieser besonders belastenden Zeit reagieren könnten, und warnte vor den Gefahren, während der Pandemie obdachlos zu werden.

«Sie können in diesen völlig beispiellosen Zeiten nicht vorhersagen, wie Ihre Eltern reagieren werden. Die stehen wie Sie unter grossem Stress und reagieren möglicherweise nicht positiv.» Auf der Strasse zu landen, müsse im Moment der gefährlichste Ort für einen verletzlichen jungen Menschen sein, so Sigsworth weiter.

Die Gefahr sieht man auch in Deutschland. Hier belegte die Studie Coming-out – und dann…?!, dass Jugendliche bei ihrem Coming-out auch heute noch Ablehnung bis hin zur Ausgrenzung in ihrem familiären Umfeld erfahren, statt der notwendigen Unterstützung und Ermutigung, sagt LSVD-Bundessprecher Axel Hochrein gegenüber MANNSCHAFT.

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Verschiebung des Coming-out ist die schlechteste Lösung.

«Die aktuellen Massnahmen zur Bekämpfung der Corona-Krise führen durch die massiven Einschränkungen oft zu angespannten Situationen in Familien, häusliche Gewalt nimmt zu. In diesen Stresssituationen kann ein Coming-out zusätzlich schwierig werden, weil notwendige Freiräume nicht vorhanden sind. Eine Unterdrückung oder Verschiebung ist allerdings die schlechteste Lösung.»

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Deshalb hat der LSVD gefordert, dass Hilfe- und Beratungssysteme auch und besonders in der jetzigen Krisenzeit für lesbische, schwule, bisexuelle, trans und inter Jugendliche verfügbar, sensibilisiert und ansprechbar sein müssen (MANNSCHAFT berichtete). Ein gesellschaftliches Klima, in dem queere Jugendliche Ermutigung und Unterstützung auf dem Weg in ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben finden, bleibe weiter eine wichtige Aufgabe, so Hochrein.

Grundsätzlich sollten alle Menschen den Zeitpunkt ihres Coming-out selbstbestimmt frei wählen sollen, ohne Vorgaben von aussen, findet auch Sören Landmann. Der Vorstandsvorsitzende des Aktionsbündnisses gegen Homophobie ist zugleich auch der Beauftragte für die Chancengleichheit von Menschen vielfältiger sexueller und geschlechtlicher Identitäten der Stadt Mannheim.

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Sören Landmann (Foto: Stadt Mannheim; Foto: Ben van Skyhawk)

«Natürlich sollten sich alle Menschen auch schon vor Corona Gedanken machen, welche Reaktionen ein Coming-out auslösen kann – insbesondere in engen und wichtigen sozialen Beziehungen wie in der Kernfamilie oder am Arbeitsplatz», sagte Landmann auf MANNSCHAFT-Anfrage.

«Die Möglichkeit, dass es eine negative Reaktion geben könnte, sollte jetzt nicht unbedingt ein Grund sein, sich nicht zu outen. Oftmals wird die Wahrscheinlichkeit einer schlechten Reaktion auch zu hoch eingeschätzt. Dennoch wissen manche Menschen sehr sicher, dass etwa ihre Sorgeberechtigten oder auch Geschwister oder Haushaltsangehörige sehr problematisch reagieren werden und ihnen vielleicht sogar ernste Gefahren wie Zwangsheirat oder Ehrenmord drohen könnten.»

Hier sollte ein Coming-out gut vorbereitet werden, es sollte auch Schutzmassnahmen geben, auf die die Person im schlimmsten Fall zurückgreifen kann, so Landmann. «Frauenhäuser wären solche Einrichtungen. Leider gibt es in Deutschland und fast allen anderen Ländern weltweit keine Notunterkünfte für Männer, die erwachsen sind, aber dennoch im Haushalt der Eltern leben.» Das sei grundsätzlich eine grosse Versorgungslücke. Und jetzt im Lockdown sei es natürlich noch einmal schwerer unterzukommen bzw. ist es teilweise sogar verboten, sich draussen aufzuhalten.

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«Deswegen könnte es in den Fällen, wo man sich nicht sicher ist, wie die Bezugspersonen reagieren und sowieso gerade durch die Ausgangsbeschränkungen die Reaktionen mancher Menschen etwas emotionaler ausfallen, sinnvoll erscheinen, ein Coming-out zu verschieben, um negativen Reaktionen nicht schutzlos rund um die Uhr ausgeliefert zu sein.» Auch könnte es schwierig sein, dringend benötigten Support durch Verwandte oder Freund*innen zu bekommen, die die Person stützen oder auch die Bezugspersonen stabilisieren oder beruhigen.

Alle sollten genau abwägen, ob ihre eigene Sicherheit gewährleistet ist und sich im Zweifel etwa bei LGBTIQ-Beauftragten oder auch anderen queeren NGOs vorab erkundigen, welche Hilfestellung in der aktuellen Situation geleistet werden kann, sagt Landmann.

«Und es fehlen grundsätzlich Notunterkünfte für bestimmte Zielgruppen, und bestehende Notunterkünfte müssten noch mehr für queere Anliegen sensibilisiert werden. Das sage ich schon seit Jahren, aber es passiert sehr wenig.»

Auch in Grossbritannien fehlen Notunterkünfte. «Wir hatten zu Beginn der Krise eine junge Frau, die in einem Hostel wohnte, dann aber Symptome zeigte, und das Hostel bat sie, zu gehen», sagte Sigsworth von AKT. Sie hatte jedoch keine anderer Bleibe und auch keine Familie; ihre Angehörigen hätten sie abgelehnt. Zudem hatte sie keine Arbeit, und so blieb ihr keine andere Option als die Strasse.

LGBTIQ-Jugendliche sind selbst in guten Zeiten einem besonderen Risiko der Obdachlosigkeit ausgesetzt. Sie machen ein Viertel der jungen Obdachlosen in Grossbritannien aus – wobei die Ablehnung der Familie der Hauptgrund für ihr Schicksal ist.

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Untersuchungen von AKT im letzten Jahr haben ergeben, dass sich jeder Vierte britische Erwachsenen schämen würde, ein queeres Kind zu haben. Mehr als jeder Zehnte möchte nicht, dass sein Kind eine*n gleichgeschlechtlichen Partner*in nach Hause bringt.

Mit der Pandemie habe sich die Situation für viele nun erheblich verschlechtert: Im vergangenen Monat habe die in Grossbritannien ansässige Stiftung die höchste Anzahl wöchentlicher Anrufe bei ihrer Hotline bekommen, gemessen seit Jahresbeginn. Mehr als doppelt so viele seien es im gleichen Zeitraum des Vorjahres gewesen.

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