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Corona oder: Weil wir von der HIV-Epidemie gelernt haben

Das RKI in Berlin leistet angenehm kühl seine Aufklärungsarbeit – und das ist auch gut so

Robert-Koch-Institut
Prof. Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut (Foto: RKI/Screenshot)

Er ist seit Wochen zu einem graumelierten TV-Popstar herangewachsen, so wie etwa Christian Drosten, Leiter der Virologie der Berliner Charité mit seinen Podcasts: Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut (RKI) ist so eine Art Beruhigungsonkel der Nation, und er kann das sein, weil seine Auskünfte zur Corona-Krise beinah gleichmütig auf einem Ton timbriert sind, ruhig und sachlich, als läse er eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Ihm ist es u. a. zu verdanken, dass Alarmist*innen und Apokalyptiker *innen hierzulande keine Chance haben, schreibt Jan Feddersen in seinem Samstagskommentar*.

Er ist der Chef vom Robert-Koch-Institut in Berlin, der obersten Seucheninstitution Deutschland, kurz: des RKI. Dieses stand schon einmal beinah Tag für Tag im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das liegt allerdings schon 35 Jahre zurück. Jüngere werden sich nicht erinnern können, Ältere sehr wohl.

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Das RKI stand damals im Mittelpunkt der Aidskrise, es hat mit Auskünften und in Bulletins ebenso hartnäckig wie heute gegen Aberglauben und Fakenews argumentiert und lediglich gesicherte Tatsachen sprechen lassen. Und es damals sehr um uns, um schwule Männer hauptsächlich, die Rede ist vom HI-Virus, um Aids, eine Infektionserkrankung, die das menschliche Immunsystems zusammenbrechen liess. (Führende LGBTIQ-Gesundheitsorganisationen und Medizinexpert*innen sagen: Es gibt keine erhöhte Gefahr für HIV-Infizierte – MANNSCHAFT berichtete.)

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Der Erreger – von einem Übeltäter zu sprechen, empfiehlt sich nicht, ein Virus ist kein menschliches Subjekt – kam in massenhafter Weise in den frühen achtziger Jahre in die Welt. Fast unbemerkt blieb es in der öffentlichen Wahrnehmung, bis in den USA, zuerst in unseren Medien, Berichte über rätselhafte Tode in der schwulen Community erschienen. In Deutschland war es der Spiegel, der im Mai 1982 einen ersten Text zum Thema veröffentlichte – da war schon von dem explizit die Rede, was seitens reaktionärer und homophober Kreise schliesslich «Schwulenkrebs» genannt wurde.

Das war eine hetzerische Vokabel auch deshalb, weil die Zeiten damals noch nicht so liberal waren, der Paragraph 175, juristisches Relikt aus urältesten Zeiten, existierte noch, schwule Männer hatten gerade erst begonnen, sich zu artikulieren. Es wurde so getan – und der eigentlich sich liberal verstehende Spiegel war das publizistische Flaggschiff im Kampf gegen das Virus und die Schwulen. Deren promiske Lebensweise trage dazu bei, den Virus in die Gesellschaft zu schleudern. Davon liessen sich die RKI-Leute nicht beirren, sie ahnten, wie die Schwulenbewegung jener Jahre, dass der Zusammenbruch des Körperimmunsystems eines Menschen nicht an Moralischem lag, sondern andere, körperliche Gründe haben müsse.

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Die Robert-Koch-Leute hatten indes in der Regierung – anders als Lothar Wieler heute in Gesundheitsminister Jens Spahn – keine Resonanz gefunden. (nachzulesen auf der RKI-Seite) Die Regierung Helmut Kohls gab Politikern wie Peter Gauweiler von der CSU den Vorzug, ein Mann, der in Sachen HIV das Wegsperren empfahl und andere drakonische Massnahmen (in der «Lindenstraße» nannte man ihn deswegen einen Faschisten – MANNSCHAFT berichtete). Erst als Rita Süßmuth, wie Helmut Kohl Mitglied der CDU, Gesundheitsministerin wurde, das war Mitte der achtziger Jahre, änderte sich für das wissenschaftlich orientierte RKI alles: Die Politiken der Gauweilers konnte zurückgedrängt werden. Und zwar zugunsten einer Forschungs- und Gesundheitspolitik, die auf Aufklärung und wissenschaftliche Durchdringung setzte.

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Es hatte sich nämlich herausgestellt – was in den USA unter Präsident Ronald Reagan noch lange nicht Regierungspolitik werden sollte –, dass es ein Virus ist, der zu Aids führt. Dass er bei Blut-zu-Blut-Kontakten (manchmal mikromillimetergross allenfalls) ansteckend ist – und dass man sich schützen könne. So kam das Kondom zu neuer Würde als Schutzinstrument (was auch immer man von diesem Instrument gehalten hat oder noch hält): Aids war nicht mehr schwul (also homophob gesinnt), sondern eine durch öffentliche Aufklärung in Schach zu haltende Infektionserkrankung.

Daran wollte ich erinnern, weil das RKI in Berlin so angenehm kühl seine Aufklärungsarbeit leistet. Die Früchte des damaligen Kampfs um Coolness ernten wir heute, da die Corona-Pandemie unzweifelhaft niemanden verschont und alle infizieren kann (wie auch dies bei HIV der Fall ist, nur dass barebackende Sexualitäten tatsächlich überdurchschnittlich oft unseren schwulen Kreisen gelebt wurden). Scheingutgesinnte Politscharlatane, als der ein Politiker wie Peter Gauweiler wahrgenommen werden musste, haben keine Chance, Alarmisten und Apokalyptiker auch nicht. Ein Virologe wie Alexander S. Kekulé, Chef der Virologie an der Universität Halle, gehört zu dieser Sorte: Immer scharf darauf zuzuspitzen, schnell bei der Hand, um grellste Gefahren auszumalen – und am liebsten mit Massnahmen drohend, die auf Zwang setzen: Leute wie Christian Drosten (und die meisten seiner Kolleg*innen) setzen auf die Kompliziertheit der Dinge und dass sie erläutert werden sollten.

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Die HIV-Epidemie hat uns gelehrt, dass man Angst haben darf, diese aber nicht in der eigenen sexuellen Orientierung liegt, sondern in der faktisch oft schwächenden bis tödlichen Kraft eines Virus fundiert ist. Das Leben geht weiter – aber eben nicht mit einschüchternden Polizeistaatsmassnahmen, sondern mit Vernunft. Beruhigend, das!

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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