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Wils macht Musik gegen die Einsamkeit

Der Singer-Songwriter aus Singapur wagte letztes Jahr das mediale Coming-out

wils musik
Sänger Wils wagte 2019 das mediale Coming-out. (Bild: zvg)

Verlust, Leere und Hoffnungslosigkeit: Nach seinem Coming-out beschäftigt sich die Musik des Singapurer Singer-Songwriters Wils mit den Schattenseiten des Regenbogens.

Wils zählt als erster offen schwuler Singer-Songwriter Singapurs. Das mediale Coming-out verpackte er 2019 in den Videoclip zum Song «Open Up Babe». In seinem neuen Album «Don’t Leave Too Soon» geht es nun um die Schattenseiten des Regenbogens. Das letzte Jahr sei sehr schwierig gewesen, so der Sänger. «Während ich meine neugefundene Freiheit zelebrierte, fiel das Leben von Menschen in meinem Umfeld auseinander.» Wils‘ Musik dreht sich um Verlust, Leere und Hoffnungslosigkeit, aber auch um Mut und die Kraft, die man für einen Abschied aufbringen muss.

Erstmals herzliche Gratulation zu deinem Coming-out.
Vielen Dank! Ich bin jetzt viel glücklicher, da ich so sein kann, wie ich bin. Ich muss mich nicht länger verstecken. Das machte mir Angst und war anstrengend. Endlich kann ich ehrlich mit den Menschen sein, die ich liebe.

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Was gab dir den Anstoss dazu?
Ich war einfach nicht mehr glücklich. Immer musste ich mich daran erinnern, meine Sexualität zu kaschieren. Das nahm mir jegliche Freude im Leben.

In Singapur gilt Homosexualität immer noch als Verbrechen.
Obwohl mich das eine Weile beschäftigt hat, entschied ich mich trotzdem für ein öffentliches Coming-out. Es gibt so viele Menschen, die Angst vor Diskriminierung haben. Wenn meine Offenheit andere Menschen dazu bringt, sich wohler in ihrer Haut zu fühlen, so war das eine richtige Entscheidung.

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Trägt dein Coming-out zur Verbesserung des Images von Homosexualität in Singapur bei?
Vielmehr wünsche ich mir, dass diejenigen, die sich für ihre Sexualität schämen, sich nicht mehr alleine fühlen und zu sich selbst stehen können. Hoffentlich erhalten wir dadurch mehr Vernetzungsmöglichkeiten – Orte, an denen sich Männer und Frauen sicher fühlen können.
Da in Singapur viele Homosexuelle in der Unsichtbarkeit leben, empfand ich lange grosse Scham. Das führte dazu, dass ich mich immer mehr von anderen Menschen distanzierte, um meine Familie von gesellschaftlichen Zwängen zu schützen. Es hat lange gedauert, bis ich mich selbst akzeptieren konnte.

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Viele Musiker würden jetzt ein Album über ihre neu gefundene Freiheit schreiben. Du aber hast über die Herausforderungen deiner Freund*innen geschrieben. Warum?
Ich möchte sie wissen lassen, dass sie nicht allein sind. Wir tendieren dazu, Dinge zu verschweigen, die uns beschäftigen oder schmerzen. Es ist schwer, darüber zu sprechen. Aber Verwundbarkeit bringt Authentizität. Und das verbindet uns mit den Personen, die man liebt, und ich habe das Gefühl, dass das wirklich etwas ist, was wir alle für uns selbst tun könnten. Lass uns die Dinge beim Namen nennen, die uns verletzen, und sie mit denen teilen, die wir lieben. So müssen wir das nicht alleine durchstehen.

 

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Der Song «Have to Let You Go» handelt von einem Freund, der sich das Leben genommen hat.
Er war erfolgreich, witzig, intelligent und ein ausgezeichneter Tänzer mit einem tollen Körper. Als ich das erste Mal in die USA kam und praktisch niemanden kannte, war er einer der Wenigen, die mich unter die Fittiche nahmen. Als ich in den Bars alleine rumstand, stellte er mich all seinen Freund*innen vor. Er wollte nie, dass sich jemand ausgeschlossen fühlte.
Seine Eltern konnten seine Homosexualität nie akzeptieren. Egal, wie viel er erreichte, es bedeutete ihm nichts, weil er das Gefühl hatte, dass er seine Erfolge nicht mit denjenigen teilen konnte, die er am meisten liebte. Er fühlte sich nicht als Sohn, den sie sich gewünscht hatten.

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Gab es irgendwelche Anzeichen, die seine Familie und Freund*innen übersahen?
Seit seinem Tod habe ich erfahren, dass viele Menschen, die ihr Leben nehmen, es über eine längere Zeit geplant hatten. Ich wusste damals nicht, dass mein Freund bereits einen Selbstmordversuch hinter sich hatte. Manchmal sind es diejenigen, die am meisten lachen, die den grössten Schmerz verspüren.

Hattest du die Gelegenheit, dich von ihm zu verabschieden?
Wir hatten eine fantastische Nacht auf der Tanzfläche eine Woche bevor er ging. Ich glaube gerne, dass das seine Art war, sich von mir zu verabschieden.

In «Hurting» geht es um einen Freund, der seinen Ehemann durch eine Krankheit verloren hat.
Er und sein Mann waren zwölf Jahre zusammen, davon waren sechs Jahre vom Darmkrebs geprägt. Auch mein Freund litt lange unter der Gewissheit, dass der Mann, den er liebt, ihn verlassen wird. Das zeigt uns, wie schwer es ist, sich von jemandem zu verabschieden.

Ein Grund, weshalb du dein Album «Don’t Leave Too Soon» genannt hast?
Der Titel dreht sich um unsere Verbundenheit mit Dingen, die wir lieben, und letztendlich aus unserem Leben verschwinden. Also müssen wir jeden Moment mit ihnen schätzen. Der Titel soll uns auch daran erinnern, dass es wichtig ist, im Augenblick zu leben und uns aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Eine tolle Platte, Wils!
Danke! Es fliesst immer viel Arbeit in ein Album, die einen körperlich und emotional belasten kann. Für mich ist es jeweils schwierig, die Songs im Nachhinein zu hören aufgrund der vielen Erinnerungen, die ich mit ihnen verbinde. Ich hoffe aber, dass sie andere durch schwierige Zeiten begleiten können und ihnen die Gewissheit vermittelt, nicht alleine zu sein.

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