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Wie queer ist die Erotikmesse Venus?

Die Berliner Messe bietet vieles – nur keine Diversity

Erotikmesse Venus
Die Erotikmesse Venus ist nicht so divers wie man sich das wünschen könnte. Bild: Michael Schmitt

Die Erotikmesse Venus ist weltweit eine der grössten ihrer Art und verbucht jährlich um die 30 000 Besucher. Wir wollten herausfinden, wie vielfältig das Angebot der Venus ist. Das Fazit ist ernüchternd.

Über 250 Aussteller aus rund 40 Ländern präsentieren Neuheiten aus den Bereichen Internet-, Multimedia- sowie Adult-Entertainment. Auf einer Fläche von 23 000 Quadratmetern. Das klingt zunächst einmal vielversprechend, hatte ich sonst eher Vorurteile bezüglich der Venus, die seit 1997 in Berlin stattfindet, im Kopf. Und zwar, dass dort Scharen von testosterongesteuerten Männern mit Kameras umherlaufen, um die Speicherkapazitäten ihrer Geräte bis aufs Letzte mit Aufnahmen nackter Frauen zu füllen. Gemeinsam mit zwei Freunden mache ich mich an einem sonnigen Samstagmorgen auf den Weg, um die Messe auf ihre Schwulenfreundlichkeit hin zu prüfen.

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Wie aufgeregte Teenies
Hätten wir gewusst, dass Alkohol auf der Venus keineswegs verboten, sondern an nahezu jedem Getränkestand erhältlich ist, hätten wir den Dosencocktail, den wir eben auf dem S-Bahn-Gleis hinuntergestürzt haben, vielleicht gar nicht gebraucht. Nur wollten wir uns ein wenig Mut machen, bevor wir uns ins Getümmel wagen. Wie drei aufgeregte Teenies traben wir in Richtung des Messegeländes, direkt am Funkturm. Am Schalter holen wir unsere Pressetickets ab, erhalten eine kleine Einweisung und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Architektonisch bietet das alte Gebäude nämlich einiges an Imposanz und Grössenwahn.

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Dass dies auch schon das Highlight des heutigen Tages gewesen sein wird, ahnen wir da noch nicht. Das Licht strahlt von aussen durch die bunten Glasfenster und trifft auf massive rote Banner mit den Werbegesichtern der Venus. In diesem Jahr fungieren das beliebte Erotiksternchen Micaela Schäfer und Schlagerstartochter Patricia Blanco als Botschafterinnen für mehr Spass am Sex. Beschenkt mit einer Tüte, in der sich – trotz des überwiegend männlichen Publikums – ein so genannter Satisfyer zur Stimulation der Klitoris befindet, entern wir die erste der vier Ausstellungshallen.

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Schock lass nach
Plastik, wohin das Auge reicht! Statt namenhaften Produzenten hochwertiger Sexspielzeuge oder grossen Pornofilmfirmen erwarten die Besucher Stände voller Plunder, die jedem Billigflohmarkt Konkurrenz machen. Die Präsentation erinnert dabei eher an eine Kindergartenbastelstunde als an ein ernst­zunehmendes Vertriebstreffen. Mit Ausnahme der beworbenen Artikel natürlich. Von Vibratoren über tonnenweise günstig produzierte Unterwäsche bis hin zu einer riesigen Auswahl an Haarentfernungsmittelchen, deren dermatologische Verträglichkeit eher fragwürdig scheint, reiht sich eine Nutzlosigkeit an die nächste.

Es wirkt beinahe so, als wolle man die Erotikbranche ganz bewusst in die Schmuddelecke zurückdrängen, aus der sie sich in den letzten Jahren zunehmend freigekämpft hat. Ästhetik ist ein Fremdwort, das neonfarbenen Angebotsstickern mit handschriftlich ausgewiesenen Spottpreisen weichen muss.

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Verwundert ziehen wir an leichtbekleideten Amateurdarstellerinnen und einer Liveshow vorbei, bei der sich eine Performerin Kruzifixe vaginal einführt. Um uns herum begeisterte Gesichter. Männer, denen gefällt, was sie sehen. Männer, die endlich den Stars, die ihnen sonst nur vom Bildschirm entgegenflimmern, nah sein können. Sie vielleicht sogar kurz anfassen dürfen. Und Frauen. Frauen, die amüsiert grinsen.

Schwule dürfen nicht zuschauen
In der nächsten Halle ein ähnliches Bild, wobei es gerade hier eine Neuerung der Venus zu entdecken geben soll. Versteckt in einer dunklen Ecke steht ein unscheinbarer Container mit der Aufschrift «Ladies Area». Stripshows muskelbepackter Kerle finden darin statt. Auf die Frage, ob wir als schwule Männer vielleicht zuschauen dürften, werden wir abgewiesen. Also geht es weiter zur Hauptbühne, auf der eine als «rassige Italienerin» beworbene Pornodarstellerin masturbiert.

Diversity wird so kleingeschrieben, dass sie schlicht nicht vorhanden ist.

LGBT . . . was?
Ich könnte noch viele Anekdoten dieser Art aus dem Nähkästchen holen, doch war meine Mission eine andere. An einem Stand, an dem Pornos verkauft werden, stolpern wir über ein paar Schwulenfilme. «Hätte sich komisch angefühlt, die nicht einzupacken», erklärt der Betreiber. Viel Umsatz mache er mit dieser Art von DVDs jedoch nicht. Das Interesse fehle hier einfach.

Venus Erotikmesse
Bild: Michael Schmitt

Besser sieht es da schon ein paar Meter weiter bei den Real Dolls, mit Silikon über­zogenen, lebensgrossen Puppen, aus. «Die männlichen Exemplare werden gern von Gays bestellt», witzelt der Verkäufer, ohne sich Gedanken zu machen, dass die drei Männer, die vor ihm stehen, selbst schwul sein könnten. Belustigt spielt er mit dem Penis einer der Puppen herum …

Der vollständige Artikel ist im Dezember-Heft der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht es zum Abo Deutschland und hier zum Abo Schweiz.

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