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«Slave Play» am Internationalen Tag gegen Rassismus

Der schwule afroamerikanische Dramatiker Jeremy O. Harris hat mit seinem Broadway-Debütstück «Slave Play» viele vor den Kopf gestossen und die Frage neu gestellt, wie rassistisch sexuelles Begehren ist – in beide Richtungen

Slave Play
James Cusati-Moyer als Dustin und Ato Blankson-Wood als sein schwuler Partner Gary in «Slave Play» am Broadway (Foto: Matthew Murphy)

Am 21. März ist der alljährliche Internationale Tag gegen Rassismus. «Hautfarbe, Herkunft, Kultur, Religion: Es gibt vielfältige Wege, die sich Rassismus und Fremdenfeindlichkeit durch unsere Gesellschaften bahnen», hiess es 2019 in einem Themenbeitrag des Senders rbb. «Der Hass auf alles ‹Fremde› ist nach wie vor ein drängendes Problem – weltweit.» Aber was ist, wenn das Fremde begehrt wird, weil es «exotisch» und «bedrohlich» wirkt? Und was, wenn Fantasien von Unterwerfung und Unterworfenwerden durch die «Fremden» sexuelle Erregung auslösen?

Erst Anfang März hatte taz-Kolumnist Peter Weissenburger nochmal betont: «Sex ist politisch.» Und dabei gleich in der Einleitung seines Artikels geschrieben: «Begriffe wie ‹Sklave› […] sollten nicht allen zur Verfügung stehen.» Um dann auf Szenarien aus der BDSM-Welt zu sprechen zu kommen: «Das kinky Spiel kann da leider in die politische Bredouille kommen […]. Und das betrifft […] auch den kolonialen Rassismus, der in dem Begriff ‹Sklave/Sklavin› steckt. Und es betrifft schwulen/queeren Selbsthass, der häufig in Rollenspielen reproduziert wird.»

Zwar verlangt Weissenburger nicht, dass «die Vereinigten Kinky Nationen sofort das Wort ‹Sklav*in› verbieten», aber «eigentlich gehört es uns nicht. Zumindest nicht uns weissen Kinkstern.»

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Race, Sex und Macht
Aber was sagen die, denen es «gehört» und die nicht «weiss» sind? Ein faszinierendes Beispiel ist hier das Theaterstück «Slave Play» des offen schwulen, afroamerikanischen Dramatikers Jeremy O. Harris, das kürzlich unter viel Medienaufmerksamkeit am Broadway lief und das sogar Madonna offiziell besuchte. Es geht darin um die Intersektion von Race, Sex und Macht/Privilegien. Dinge, über die Queer-Aktivist*innen auch hierzulande lautstark streiten, nicht nur am 21. März.

Slave Play
Das Ensemble der Broadway-Produktion von Jeremy O. Harris‘ «Slave Play» (Foto: Matthew Murphy)

Gerade im Queer-Aktivismus verlangen viele, dass wir unser Begehren «befreien» müssten von «Rassismus» und vermeintlicher «Unterdrückung», auch unser schwules Begehren, was doch seinerseits so lange unterdrückt worden war. Und das nun unter Generalverdacht gestellt wird, andere innerhalb der LGBTIQ-Community zu unterdrücken.

Zur Theorie: Queer-Aktivist*innen gehen davon aus, dass Begehren an sich unschuldig sei und nur Handeln bewertet werden könne. In der Praxis bedeutet das, in den Worten von Weissenburger: «Ich darf geil finden, was ich möchte, ich darf aber bei der Suche nach Befriedigung nicht schaden, ausbeuten, verletzen, diskriminieren.»

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«Hairy Arab Top» und «Big Black Cock»
Das ist in der LGBTIQ-Szene ein grosses Thema. Es wurde jüngst erst aufgegriffen in der Essaysammlung «Irrwege», herausgegeben von Till Amelung. Da ist ein ganzer Abschnitt der Frage gewidmet, ob sexuelles Begehren «rassistisch» sein kann? Und falls ja, ob wir dann eine sexuelle «Umorientierung» einfordern müssten, von uns selbst wie von anderen. (MANNSCHAFT hat anlässlich der Buchpremiere mit Amelung gesprochen – hier geht’s zum kompletten Interview)

Ein Beispiel aus «Irrwege» ist die Unterstellung: «Wenn sich jemand in besonderem Masse von z.B. Schwarzen […] angezogen fühlt, so ist das rassistisch.»

Rassismus: «Der Platz neben mir bleibt bis zuletzt frei»

Dass es diskriminierend sei, besonders auf eine bestimmte Gruppe von Menschen zu stehen, wird in der LGBTIQ-Szene momentan vorrangig in Bezug darauf angeführt, dass sich jemand von einer bestimmten, angenommenen Ethnizität, Hautfarbe oder Herkunft  sexuell angezogen fühlt. Speziell auf Pornowebseiten lassen sich die entsprechenden «Kategorien» finden: «Hairy Arab Top» oder «Big Black Cock (BBC)», um nur zwei zu nennen. (MANNSCHAFT über Rassismusvorwürfe bei der Dating-App Scruff.)

Francois Sagat als viriler «Araber» in dem Bruce LaBruce Film «L.A. Zombie» (Foto: Aus dem Buch «Porn: From Warhol to X-Tube»)

Dieser Umstand wird häufig problematisiert und als «rassistisch» bezeichnet. Im Mittelpunkt steht dabei die Attraktion selbst, die als Fetischisierung und Objektivierung gewertet wird. Ist das eine Perversion, gegen die wir ankämpfen müssten? Ist es ein Rassismus, den wir ausmerzen sollten? Bin ich schon «Rassist», wenn ich mir zu den entsprechenden Pornofilmen einen runterhole? Machen die entsprechenden Darsteller dort mit, weil sie ausgebeutet, verletzt, diskriminiert werden, oder ist es «positive» sexuelle Diskriminierung, die sie besonders wertschätzt und zelebriert?

Die Wissenschaft von der «Schönheit»
Natürlich ist das ein komplexes Feld, bei dem keine einfachen Antworten möglich sind; selbst wenn einige derjenigen, die besonders laut «Rassismus» schreien, das gern suggerieren. Was ist denn mit Schwarzen, die ihrerseits «weisse» Partner attraktiv finden – und vielleicht im eigenen Kopf eine blonde Surfer-Boy-Fantasie haben: objektivieren sie umgekehrt nicht ebenso, und ist das auch «rassistisch»? Was ist, wenn die Person of Color jedes Wochenende im Berghain Mengen an Bewundern abschleppt, die alle mit ihm ins Bett wollen … darf er da klagen, dass er ein Klischeebild sexuellen Begehrens für weisse Deutsche erfüllt?

War sexuelle Anziehungskraft nicht immer schon «unfair» verteilt?

Und wenn ein türkischstämmiger Mann nicht der virile haarige Superhengst ist, wird er dann anders ausgegrenzt als beispielsweise ein älterer weisser Mann, der das auch nicht ist, oder jemand, der nicht attraktiv nach gängigen Schönheitsnormen ist? War sexuelle Anziehungskraft nicht immer schon «unfair» verteilt und mussten nicht alle Menschen schon immer lernen sich damit zu arrangieren, lange bevor von «Rassismus» die Rede war? (Sehr aufschlussreich ist hier übrigens nach wie vor das Buch «Survival of the Prettiest: The Science of Beauty».)

Darauf, dass die Rassismus-Diskussion mindestens eine Gegenverkehrstrasse ist geht «Slave Play» explizit ein, was vor allem in der US-Twitter-Sphäre zu Entrüstungsstürmen führte.

Slave Play
Die Buchausgabe von Jeremy O. Harris «Slave Play»

«Fuck this nigga, he’s crazy», war eine von vielen Reaktionen, wie der 30-jährige Autor im TV-Interview erzählte. Reaktionen, die teils aus der Black Community selbst kamen. Weil Harris in «Slave Play» liebgewordene «Opferrollen» auf den Kopf stellt. Und damit Zuschauer vor den Kopf stösst. Bewusst und in voller Absicht. Was die Genialität des Theaterstücks ausmacht, das inzwischen auch als Textbuch vorliegt und das man somit zuhause lesen kann. Was absolut lohnt!

Rollenspiele auf der Südstaatenplantage
Worum geht es? «Slave Play» handelt von mehreren «interracial couples», die auf einer Südstaatenplantage an einer Paartherapie teilnehmen, um ihre sexuellen Probleme miteinander in den Griff zu gekommen. Die Therapie sieht so aus, dass alle Paare historische Rollenspiele durchführen, in denen sie in einem Setting aus dem 18. Jahrhundert typische Dominanzmuster durchspielen. Das kann bedeuten, dass ein schwarzer Partner die weisse Frau des fiktiven Plantagenbesitzers «vergewaltigt», das kann bedeuten, dass die schwarze Frau von ihrem weissen «Aufseher» erniedrigt werden möchte – und das kann im Fall des schwulen Paares bedeuten, dass der schwarze Partner seinen weissen Ehemann wie einen tumben Stallburschen behandelt und brutal durchvögelt. Mehr noch: Er kann nur so eine Erektion bekommen; unter «normalen» Bedingungen ist es vielen der Partner unmöglich, überhaupt sexuelle Erregung zu verspüren. Sie brauchen dieses Rollenspiel, also das Sklavenspiel.

Slave Play
Die verschiedenen Paare in Therapie, in Akt 2 und 3 von «Slave Play» am Broadway (Foto: Matthew Murphy)

Das bedeutet praktisch, dass der erste Akt wie eine Folge von typischen Pornoszenarien wirkt. Die immer zum Sexualakt führen. Während im zweiten und dritten Akt alle Paare in einer Runde sitzen und ihre Erlebnisse analysieren, zusammen mit einem lesbischen Therapeutenpaar (ebenfalls «interracial»).

Das Ganze ist als «Komödie» angelegt, so dass viele der Dinge, die u. a. das Therapeutenpaar von sich gibt, haarsträubend komisch, weil weltfremd wirken. Andererseits nach und nach die tiefen seelischen Verletzungen hochkommen, die das Zusammenleben der Paare belasten und teils ihre Partnerschaft zerstören.

Ist die LGBTIQ-Community bereit für diese Themen?
Was, wenn die weissen Partner ihre schwarzen Ehefrauen eben nicht erniedrigen wollen, weil sie das abstossend finden und unwürdig? Was bedeutet es überhaupt in einer Partnerschaft, wenn ein Partner schwarz ist und mit Aspekten kämpft, die dem anderen nicht bewusst und für ihn/sie nicht nachvollziehbar sind?

Slave Play
Was passiert, wenn der weisse Partner seine schwarze Ehefrau nicht als Sklavin behandeln will, obwohl sie das möchte? Szene aus «Slave Play» am Broadway (Foto: Matthew Murphy)

Ein Artikel der New York Times hatte die Überschrift: «Ist der Broadway bereit für ein Stück wie ‹Slave Play›?» Man könnte auch fragen, ob die LGBTIQ-Community bereit ist, für die Themen, die der junge Jeremy O. Harris auf die Bühne bringt und die extrem verstörend sind, wie alle Kritiker betonen und er selbst ebenfalls. Wobei die Verstörung bei weissen und schwarzen Zuschauern jeweils unterschiedlich ausfiel. Beide Gruppen lachten an verschiedenen Stellen, weil sie sich offensichtlich mit unterschiedlichen Positionen identifizieren konnten.

Am Ende macht Harris deutlich, dass «Rassismus» als grosses Etwas zwischen den Personen steht und es keine noch so gut gemeinte Therapie gibt, die das auflösen könnte. Nicht einmal das Eingehen auf die extremsten sexuellen Wünsche des Partners bringt Erlösung. Vielmehr ist die ethnische Einteilung wie ein Gift, das sich ausbreitet und zerstört. Und es zerstört sowohl die Schwarzen im Stück, als auch die Weissen, die sich teils den absurdesten Vorwürfen ausgesetzt sehen.

Vielmehr ist die ethnische Einteilung wie ein Gift, das sich ausbreitet und zerstört

Etwa dem, dass der Schwarze Gary seinem Ehemann Dustin vorwirft, allein die Tatsache, dass er nach East-Harlem gezogen sei, habe zur Gentrifizierung und damit Vertreibung der Black Community beigetragen. Dass Dustin auch aus praktischen Gründen (U-Bahnanbindung etc.) dorthin gezogen ist, lässt Gary nicht gelten bzw. wirft Dustin vor, dass sei nur eine Ausrede aus dem Mund eines privilegierten weissen Mannes, der nicht versteht, was er Schwarzen antut. Weil er angeblich blind sei für deren Probleme.

Herzzerreissender Hilfeschrei
Auch mit viel Humor und Parodie von typischen «Gutmenschen» (als die sich die lesbischen Therapeutinnen entpuppen) ist der Situation nicht beizukommen. Und das Stück endet mit einem herzzerreissenden Hilfeschrei, der alles andere als «komisch» ist.

Slave Play
Dramatiker Jeremy O. Harris im Interview mit Buzzfeed (Foto: Screenshot / Buzzfeed)

In Interviews hatte Jeremy O. Harris wiederholt darauf verwiesen, dass die Welt aus schwarzen Körpern «Objekte» mache – er selbst wollte ein Stück darüber schreiben, wie sich das aus seiner eigenen queeren schwarzen Perspektive anfühlt. Das hat er in aller Widersprüchlichkeit, ja Schizophrenie der Lage getan. Und damit klar gemacht, dass wir uns alle mitten in einer komplizierten Diskussion befinden, deren Ende nicht absehbar ist, genauso wenig ihr Ausgang.

Was Jeremy O. Harris auf alle Fälle mit seinem Stück erreicht hat, ist neue Zuschauergruppen ins Theater zu bringen und einen leidenschaftlichen Austausch anzustossen. «That’s good», sagt er. Auch wenn er dabei als «victim monster» beschimpft wird. Vor allem von jenen, die das Stück nicht gesehen haben und nur allergisch auf den Sklaventitel reagierten.

Dass jemand Pornoelement mit Komödie und Rassismusdebatten kombiniert, jemand, dem laut taz-Autor Weissenburger Begriffe wie Sklave «gehören», ist ein Paukenschlag. Und sollte idealerweise die Debatte auch hierzulande anstossen, nuancierter zu werden. Und Widersprüche zuzulassen. Es gibt kein klares Richtig oder Falsch, Gut oder Böse. Es gibt nicht einmal ein klares Schwarz und Weiss, wie «Slave Play» ironisch zugespitzt deutlich macht, besonders in den Rollencharakterisierungen (da heisst es z. B. zu Dustin: «a while man but the lowest type of white», oder zu Gary: «a dark man whose life has been lived with the full trauma of his color»; während ein anderer beschrieben wird als «a mulatto who still has to learn his color» usw.).

Vielseitigkeit von Fetischisierung
Um nochmals «Irrwege» zu zitieren: «Wo das Begehren hinfällt, zu wem man sich hingezogen fühlt, lässt sich nicht im Sinne politischer Forderungen beeinflussen. Alle Versuche, jemanden (oder sich selbst) umzupolen, sollte man hingegen ein für alle Mal ad acta legen.»

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Reduktion von Menschen auf sexuelle «Fetisch»-Gruppen sei «keine Diskriminierung», heisst es in «Irrwege»: «Das Gefühl fetischisiert zu werden, kann je nach subjektiver Verfassung höchst unterschiedliche Qualitäten aufweisen.»

Die Vielseitigkeit von Fetischisierung zeigt «Slave Play» exemplarisch. Bemerkenswerterweise ist bislang keine Produktion im deutschen Sprachraum geplant. Jeremy O. Harris bringt derweil ein weiteres Stück heraus mit dem Titel «Daddy». Darin geht es um einen jungen schwarzen queeren Künstler, der von einem weissen einflussreichen Kunsthändler protegiert wird und mit diesem eine (auch sexuelle) Beziehung eingeht. Wie «rassistisch» ist das? Wer nutzt hier wen aus? Wer bedient wessen sexuelle Fantasien?

Werbung für Jeremy O. Harris Melodrama «Daddy»

Darüber nachzudenken und die Situation immer wieder neu zu hinterfragen, lohnt nicht nur zum alljährlichen Internationalen Tag gegen Rassismus.

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