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«Ich finde es doof, dass die ‹Lindenstraße› jetzt aufhören soll»

Sybille Waury und Georg Uecker über das Ende der ARD-Serie

Lindenstraße Ende
Folge 225: Der Kuss zwischen Robert und Carsten schlug hohe Wellen (Foto: WDR/Diane Krüger)

Für die ARD-Serie «Lindenstraße» ist Schluss: Die letzte Folge läuft am 29. März 2020. Wir sprachen mit Sybille Waury und Georg Uecker, die mit ihren Rollen zu den dienstältesten TV-Homosexuellen wurden, über die grossen Skandale der Serie.

Georg erhielt 1990 Morddrohungen und bekam Personenschutz, nach einem Kuss, der gar nicht der erste schwule Kuss in der Serie war – und der auch recht keusch war.
Georg: Der erste Kuss mit Carstens Freund Gerd im Jahr 1987 war echt und schön, aber das war nur in einer Folge zu sehen. Bei Robert Engel war klar: Da ist eine Leidenschaft, die beiden hatten auch Sex miteinander. Und die Sache lief über längere Zeit. Es passierte in zwei aufeinanderfolgende Folgen und nach ein paar Wochen nochmal – da war die Hölle los.

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WDR Fernsehen LINDENSTRASSE Folge 74
„Spekulationen“ Erstsendung am 03.05.1987 (© WDR/Dietmar Seip)

Wie lange hat es gedauert?
Georg: Die erste Folge hat einen Protestschrei hervorgerufen. Es war der 18. März 1990, der Tag der einzigen freien Wahlen in der DDR. Ich war damals gerade im Osten und habe Freunde besucht. Erst als ich am Dienstag zurückkam, bekam ich das mit. Ich habe mich dann öffentlich geäußert und habe Stellung bezogen. Davon haben mir einige Leute abgeraten, weil sie fanden, es sei zu gefährlich. Es gab damals massive Bombendrohungen gegen die Produktion und Morddrohungen gehen mich. Das war schon extrem hochgekocht, und es wurde auch alles ernst genommen. Das war noch vor Social Media: Da war viel Hass und Impetus dahinter. Und man brauchte eine Briefmarke, du musstest zum Postkasten gehen … Es war ziemlich hart, was ich da alles gelesen habe. Das mit dem Personenschutz war nicht meine Idee, aber der WDR meinte, aus Versicherungsgründen sei es wichtig, falls es wirklich einer ernst meinte. Das ging so fünf, sechs Wochen.
Sybille: Waren die bei dir in der Wohnung oder standen die draußen?
Georg: Die standen vor der Tür. Man hatte mir empfohlen, mich ein bisschen zurückzuziehen. Das war günstig, denn das ging zeitlich in die Sommerferien rein. Ich war damals in London liiert und bin dorthin geflogen und im Laufe des Sommers ist die Sache verebbt. Es liefen zudem auch ein paar Lindenstraße-Folgen, in denen ich nicht dabei war. Gut, der Protest flammte immer mal wieder auf, und es gab aber auch Gegenreaktionen. Schwule Männer veranstalteten ein Kiss-In vor dem WDR, um mich zu unterstützen.

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Wenn wir Kollegen haben, die schwul sind, das aber nicht öffentlich sagen wollen – was machst Du dann?
Georg: Ich bin kein Freund des Outings. Wenn ich jemanden kenne, würde ich mit ihm reden. Aber damals war das völlig absurd. Es gab Leute, die mich gemieden haben. Mein Coming-out hatte ich mit 16, ich hatte ein ganz cooles Elternhaus. Zum Problem wurde es, als ich als «Lindenstraße»-Schauspieler auch offen damit umgegangen bin. Da gab es beruflich so was Ehrabschneidendes, so von wegen: Ach, der spielt sich nur selbst. Nein, so war das nicht! Schauspielen ist harte Arbeit! Diese Vermischung hatte mich in meiner Ehre verletzt. Also, ich war eine gute Zielscheibe für die Leute. Es gab schon schwule Männer, von denen ich wusste, dass sie im Schrank sind. Ich hätte sie natürlich nie geoutet, aber die machten alle panisch einen riesigen Bogen um mich, wenn sie mich sahen. Das waren sehr absurde Reaktionen. Ich war damals ein bisschen naiv und ein Luftikus, aber später stellte ich fest: Der Druck war immens!

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Ich habe aber auch Liebesbriefe und Lobeshymnen bekommen. Eine ältere Dame schrieb mir, der Carsten sei ja sehr sympathisch, auch wenn sie sich erst daran habe gewöhnen müssen, dass er Männer liebt. Aber sie habe da, wo sie lebt, noch nie einen schwulen Mann gesehen. Ich schaute also auf den Absender – die Dame wohnte in München-Schwabing. (lacht) Wo es um sie herum nur so wimmelte von Schwulen.
Sybille: Süss!

Schon 1988 gab es einen amtlichen Skandal, als im Zug der AIDS-Krise der CSU-Mann Peter Gauweiler forderte, das Bundesseuchengesetz auf AIDS-Kranke anzuwenden und er in der Serie als Faschist bezeichnet wurde. Der Politiker stellte Strafanzeige wegen Beleidigung – aber erfolglos. Die «Lindenstraße» stehe als künstlerisches Produkt unter besonderem Schutz, hiess es vor Gericht.
Georg: Es herrschte damals eine grosse AIDS-Hysterie, Gauweiler hat Lokale schließen lassen und gegen Schwule gehetzt. Da war für Hans W. Geißendörfer klar, dass es eine heterosexuelle Figur sein müsste, die in der «Lindenstraße» an AIDS erkrankt …
Sybille: Das war eine echt schlaue Idee!

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Georg: In der Serie war es dann Benno Zimmermann, der siecht und leidet, und dazu sah man, wie Gauweiler im Fernsehen hetzte. Daraufhin sagte die Figur Chris , die immer etwas dazu neigte, hochzugehen und sich drastisch zu äussern: «Gauweiler und Co – das sind doch alles Faschisten». Das ist heute lustig, weil man laut Gerichtsurteil Björn Höcke Faschist nennen darf. Aber damals war die Hölle los. Es gab diesen Prozess, wir hatten alle drehfrei und sind zusammen zum Gericht gefahren. Das Absurde war: Gauweiler hat damals die Schauspielerin verklagt, die einfach nur ihren Job machte, aber nicht den Produzenten oder die Drehbuchautoren. Damit haben sie auf ganzer Linie verloren.

Gauweilers Karriere ist seit ein paar Jahren vorüber.
Sybille: Ja, aber das Schlimme ist, dass jetzt viel, viel schlimmere und dreistere Leute auf der politischen Bühne stehen und wir uns zurückziehen müssen. Ich glaube, das geht uns im Team allen so. Genau jetzt müssten wir diese Geschichten weitererzählen und den Leuten, die Angst vor diesen Leuten haben, ihre Angst nehmen und sagen: Es gibt noch eine andere Sicht und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darf man das alles sagen.

Du hättest gerne weitergemacht.
Sybille: Ja. Hätte man nicht mit dem Absetzen der Serie warten können, bis der Spuk vorbei ist – können wir die Rechtsextremisten erstmal rausjagen hier? Das wäre mir sehr recht gewesen. Wir sind in einer Zeitschleife gelandet, nur völlig überhöht: Wir haben es wieder mit den gleichen Arschlöchern zu tun. Ich habe keine Lust mich zurückzuziehen. Ich finde es doof, dass wir jetzt aufhören sollen.

Das ausführliche Doppel-Interview mit Waury und Uecker ist im März-Heft der MANNSCHAFT (Deutschland) erschienen. Hier geht es zum Abo Deutschland und hier zum Abo Schweiz.

Kriss Rudolph

Geschrieben von

Kriss Rudolph lebt mit seinem Hund Mompa in Berlin. Bei MANNSCHAFT ist er als Online-CvD und als Chefredakteur der deutschen Print-Ausgabe tätig.

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