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Papi oder Onkel? Auf der Suche nach einem erfüllten Leben

Männer mit Kindern, egal ob es sich um die eigenen oder fremde handelt, liegen in den sozialen Medien im Trend

schwul und Vater
Die Kinder von Harald und Guy telefonieren regelmässig mit ihrer biologischen Mutter. (Bild: zvg)

Was bedeutet es, schwul und Vater zu sein? Wie funktioniert das in der Praxis? Und ist ein erfülltes Leben vielleicht auch ohne Kinder möglich? 

Ich bin zum Geburtstag einer guten Freundin eingeladen, mit der ich früher regelmässig feiern war. Damals liess sie keine Party aus, war jedes Wochenende unterwegs. Heute ist das anders. Sie ist Mutter. Als ich zur Tür eintrete, kommt mir ihr Freund mit der gemeinsamen Tochter entgegen. Die Kleine lächelt mich an. Sanft streichle ich über ihren Kopf und ziehe weiter ins Wohnzimmer. Dort haben es sich bereits andere Freunde mit ihrem Nachwuchs gemütlich gemacht.

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Eine halbe Stunde später platzt die Wohnung aus allen Nähten. Nur wenige Gäste sind kinderlos. Gespräche über die Zubereitung selbstgemachter Breie konkurrieren mit dem Geschrei und Gequietsche unzähliger Sprösslinge. Plötzlich fragt mich jemand, ob ich je über Adoption nachgedacht hätte. Immerhin sei ich mit meinem pädagogisch-psychologischen Hintergrund doch prädestiniert als Vater.

Sehnsüchtig lächelnd erkläre ich, dass ich das lange wollte, mich nun aber damit begnüge, in meiner Arbeit Eltern bei deren Erziehungsproblemen zu helfen. Zudem rechtfertige ich meine Entscheidung auch mit dem Argument, die Ressourcen unseres überfrachteten Planeten nicht noch stärker beanspruchen zu wollen. So hoffe ich, einer Diskussion darüber zu entkommen, dass ich in stillen Momenten trotzdem ab und zu das Gefühl habe, ein wichtigstes Lebenskapitel auslassen zu müssen. Das eine, von dem alle schwärmen. 

Nachwuchs: Ein Lebenselixier?
Kinder zu haben, macht glücklich und gesund. Das habe ich in meinem Psychologiegrundstudium gelernt. Trotz Schlafmangels, blank liegender Nerven, hoher Kosten und zahlreicher Konfliktherde ist die reine Tatsache, Eltern zu sein, ein natürlicher Schutzfaktor gegen psychische Erkrankungen. Vor allem, weil sie Generativität bedeutet – quasi eine Art Weiterleben der eigenen Person über den Tod hinaus. Was aber, wenn das Zeugen von Nachwuchs schwerfällt?

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Besonders für schwule Männer scheint es oft kompliziert, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen. Sofern dieser überhaupt vorhanden ist. Denn natürlich gibt es – genauso wie bei Heterosexuellen – auch unter Schwulen jene, deren biologische Uhr nie zu ticken beginnt oder die sich aus anderen Gründen dafür entscheiden, sich nicht fortpflanzen wollen. Windige Marketingstrategen haben sich das zunutze gemacht und sehen in dieser Gruppe von Menschen sogar eine besonders wirtschaftsstarke, kaufkräftige Population: «Double income, no kids».

Ist das Verlangen, eine Familie gründen zu wollen, aber erst einmal geweckt, stellt sich irgendwann auch die Frage, wie das Ganze zu bewerkstelligen wäre. «Tatsächlich gibt es für schwule Männer unterschiedliche Wege», erklärt Markus Ulrich, Pressesprecher beim Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD).

Was es zu bedenken gilt
Egal ob Vollzeitpflege, Adoption, Co-Parenting oder Leihmutterschaft, alle Optionen bergen neben positiven Aspekten auch Risiken. Mal gesetzlicher, mal ethischer Natur. Der Infokasten bietet einen kurzen Überblick, was unter den einzelnen Begriffen zu verstehen ist.

Aus meiner Erfahrung als Einzelfallhelfer fürs Jugendamt haben besonders Adoptionen und Pflegebeziehungen leider häufig einen bitteren Beigeschmack. Vielerorts mangelt es an Ressourcen, weswegen Ämter grosses Interesse daran haben, Kinder langfristig zu vermitteln. Auch an homosexuelle Paare. Was dabei jedoch oft nicht klar kommuniziert wird, ist der Fakt, dass ein Grossteil der unterzubringenden Kinder massive Traumata mit sich bringt.

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Grundlos werden sie nur in den seltensten Fällen aus ihren Herkunftsfamilien entnommen beziehungsweise bleiben sie als Waisen zurück. Vernachlässigung, Missbrauch, Schädigungen durch den vorgeburtlichen Kontakt mit Alkohol oder anderen Drogen sind nicht selten. Ohne das entsprechende Know-how im Umgang mit verschiedenen Beeinträchtigungen führt die Betreuung betroffener Kinder schnell zu Frustration und Überforderung. Es folgen Odysseen, bei denen eigentlich Schutzbefohlene von einer Familie oder Einrichtung zur nächsten geschickt werden. Sich um ein Kind kümmern und ihm eine bessere Zukunft schenken zu wollen, stellt eine wichtige Basis dar, ist aber keine Garantie, dies auch gewährleisten zu können. Dessen sollte man sich zu jederzeit bewusst sein und auch aktiv Hilfe beim Jugendamt – in der Schweiz die KESB – einfordern.

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Vollzeitpflege
Eine Form der Erziehungshilfe, bei der ein Kind dauerhaft in einer Pflegefamilie oder Einrichtung untergebracht wird. Potenzielle Pflegeeltern benötigen eine Pflegeerlaubnis und werden für die Pflege und den entstehenden Aufwand finanziell vom Staat entschädigt. Die Rückführung des Kindes in sein Herkunftssystem ist allgegenwärtiges Ziel, gestaltet sich in der Umsetzung aber oft schwierig.

Adoption:
Unabhängig davon, ob ein biologisches Verwandtschaftsverhältnis besteht oder nicht, nimmt sich eine Einzelperson oder ein Paar dauerhaft eines Kindes an. Gesetzlich erhält das Kind somit eine neue Familie, was eine Namensänderung nach sich ziehen kann. Seit Öffnung der Ehe haben Männerpaare in Deutschland gemeinsames Adoptionsrecht. In der Schweiz ist dies nur für das leibliche Kind des Partners oder der Partnerin möglich (Stiefkindadoption).

Co-Parenting:
Mehrere Erwachsene beschliessen,
ein Kind zu zeugen und je nach Absprache auch gemeinsam grosszuziehen. Man denke beispielsweise an ein lesbisches Paar und einen schwulen Mann. Unterschiedlichste Konstellationen sind denkbar. Die leiblichen Eltern erhalten dabei vorerst das Sorgerecht.

Leihmutterschaft:
Für die Dauer der Schwangerschaft stellt eine Frau ihren Körper für eine oder mehrere fremde befruchtete Eizellen zur Verfügung. Sie trägt demnach ein Kind aus, mit dem sie biologisch nicht verwandt ist, und gibt dieses nach der Geburt ab. In vielen Ländern Europas ist dieses Vorgehen verboten.

Gut informiert
«Wir empfehlen, sich vor der Familiengründung genau zu informieren und beraten zu lassen. Mit der Zeit können sich Wünsche und Bedürfnisse beteiligter Personen verändern. Bei Regenbogenfamilien fallen die leibliche, rechtliche und soziale Elternschaft zudem nicht zwangsläufig zusammen», gibt Ulrich zu bedenken. Generell tue sich der Gesetzgeber noch immer schwer damit, alternative Familienmodelle den klassischen Formen gleichzustellen. Der LSVD setzt sich dafür ein, dies grundlegend zu ändern und betreibt darüber hinaus Aufklärungs- und Antidiskriminierungsarbeit in der Gesellschaft. Leider hält sich das Vorurteil, nichtheterosexuelle Menschen seien ungeeignet, Kinder aufzuziehen, nämlich hartnäckig. Selbst unter Fachleuten und auf politischer Ebene. Ulrich ergänzt: «Auch Leihmutterschaften werden kritisch gesehen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind sie verboten. Paare müssen dafür ins Ausland gehen. Das kostet sehr viel Geld, und bei der Anerkennung der Vaterschaft des nichtleiblichen Vaters kann es im Nachhinein zu Problemen kommen.»

Zwei, die sich trotz aller Hürden und Schwierigkeiten für eine Leihmutterschaft entschieden haben, sind Harald und sein Mann Guy aus der Nähe von Stuttgart. «Da wir uns ausmalten, wie kompliziert es sein könnte, sich in Erziehungsfragen abzustimmen, und da wir keine Wochenend­­eltern sein wollten, entschieden wir uns schlussendlich gegen Co-Parenting mit einem lesbischen Paar.»

Zwei plus eins und eins macht fünf
Es war Guy, der Harald davon überzeugte, das Projekt Familie in Angriff zu nehmen. «Als er mich 2008 damit konfrontierte, war das für mich zunächst nicht wirklich vorstellbar», erinnert sich Harald. «Doch weil ich mir prinzipiell eine Zukunft mit Kindern ausmalen konnte, unterstützte ich meinen Mann schlussendlich. Natürlich hatten wir auch Angst vor diesem Schritt und fragten uns, ob wir den Anforderungen gerecht werden könnten.»

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Mithilfe einer US-amerikanischen Agentur, einer Eizellspenderin namens Stevie und der Leihmutter Francesca verwirklichten die beiden Männer ihren Traum vom eigenen Kind. Und zwar insgesamt dreimal. David und die Zwillinge Philipp und Lynn bereichern seitdem den Alltag des Automobilverkäufers und des Bankvorstands – oder Papa und Papi, wie sie von ihren Kleinen genannt werden. «Am meisten schätzen wir, dass unsere drei glücklich mit ihren Vätern sind.»

Familie mal anders
Über die Eigenheiten ihres Weges sind sich Guy und Harald im Klaren. «Wir suchten uns gezielt ein Land aus, mit dem wir kulturell verbunden sind und in dem der gesamte Vorgang professionell und menschenwürdig abläuft. Beim ersten Mal haben wir dadurch einen mittleren fünfstelligen Eurobetrag ausgegeben. Wir sahen das aber nie als Kosten, sondern als Kompensation für Leistungen, die wir in Anspruch genommen haben», führt Harald aus. Ihre Kinder wüssten, woher sie kommen. Regelmässig videotelefonierten sie mit Francesca und Stevie, und auch gegenseitigen Besuche gebe es. «Eine Herausforderung war sicher, den Kindern trotz der Aussergewöhnlichkeit unserer Situation zu vermitteln, dass sie ganz normal sind. Auf Fragen, ob sie gar keine Mutter hätten, reagieren sie jetzt ganz cool und erwidern, dass die Francesca heisse und in Amerika lebe. Schon ist alles geritzt.»

Kinder Onkel
Bereits mit vier Jahren verbrachte Sophie mehrere Tage alleine bei Onkel Tobias in Berlin. (Bild:zvg)

Das Phänomen Guncle
Männer mit Kindern, egal ob es sich um die eigenen oder fremde handelt, liegen in den sozialen Medien im Trend. Dort sind täglich neue Fotos zu finden, die einen ganz bestimmten Hype füttern – den des Guncles (englisch für die Wortkombination aus schwul «gay» und Onkel «uncle»). Wo man auch hinschaut: überall Kerle, die mit dem Nachwuchs ihrer Geschwister oder dem von Freunden posieren. Aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus. Doch selbst wenn der Eindruck, den man bei Facebook, Instagram und Co. erhält, etwas inszeniert wirken mag, verbirgt sich dahinter ein sehr menschliches Bedürfnis. Nämlich, kommenden Generationen etwas mitgeben zu wollen, beziehungsweise zu zeigen, dass man dazu in der Lage ist.

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Am Ende ist es schliesslich nicht nur unser genetisches Material, das wir vererben. Es sind auch unsere Einstellungen, unsere Werte, unsere Geschichten und Erfahrungen. Und um die weiterzugeben, braucht es keine Verwandtschaft …

Der vollständige Artikel ist in der März-Ausgabe der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht es zum Abo Deutschland und hier zum Abo Schweiz. 

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