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Das lief falsch bei der Motto-Kritik an Cologne Pride

Das neue Kölner Kompromissmotto «Für Menschenrechte» ist (zu) brav und zahm, so unser Kommentar

Cologne Pride Motto
Foto: Cologne Pride

Unter dem Motto «Einigkeit! Recht! Freiheit!» sollte dieses Jahr in Köln CSD gefeiert werden. Doch die Kritik verstummte nicht: Es sei eine nationalistische Parole, die Parole schlösse Migrant*innen aus etc. An der Kritik ist, politisch gesprochen, so gut wie nichts haltbar oder gar wahr, meint unser Samstagskommentator Jan Feddersen*.

Es hat Streit gegeben, es soll zu Hassausbrüchen gekommen sein, es wurde gezankt, als ginge es um die Abwehr einer kurz bevorstehenden neonationalsozialistischen Machtübernahme beim CSD in Köln: Und das alles, worum es ging, hätte klug und gelassen erörtert werden können – und das war nicht der Fall, und das ist womöglich das Allerschlimmste an dieser Causa.

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Dass die einen des Verrats und der nationalistischen Zuspitzung geziehen wurden – und jene, die das antihistorisch in dieser Weise zu formulieren wussten, auch noch den Sieg bei dieser Debatte davon getragen haben. Und dabei war das in Köln – man will sich gar nicht ausmalen, wie das im chronisch zerzankten Queerberlin ausgegangen wäre.

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Aber zunächst für alle, die mit den Konflikten in Deutschland nicht so vertraut sind, die Frage: Was war passiert? Der Vorstand des Kölner Lesben- und Schwulentages, kurz: KLuST, eine Art Plenum der kölnischen Gruppen, das vor allem mit der CSD-Parade im Juli beschäftigt ist, hatte vor vielen Wochen sich überlegt, das Motto der Regenbogenparade dieses Jahres ganz besonders pfiffig zu halten. «Einigkeit! Recht! Freiheit!» sollte es heissen – absichtsvoll die erste Zeile der dritten Strophe des Deutschlandliedes Hoffmann von Fallerlebens paraphrasierend.

Mit dieser Parole sollte über fast alle weltanschaulichen Grenzen hinweg angedeutet werden, man gehöre als queere Bevölkerung ebenso zur Bundesrepublik wie alle anderen auch – man sei keine Besonderheit. Der Plan: Mit diesem Motto souverän die eigene Zugehörigkeit zum grundgesetzlichen Konsens zu umreissen. Die Ausrufezeichen hinter den ersten entscheidenden Stichworten sollten ironisch die Geltung der Worte hervorheben. Einigkeit der LGBTIQ-Ansprüche, das Recht als Konsens und die Freiheit als Anspruch und Ideal – was gerade viele queere Flüchtlinge ansprechen sollte und anzusprechen wusste.

Aber zu spät erkannten die KLuST-Leute, dass sie für manche in der queeren Community mit dieser Idee eine verseuchte Tretmine gelegt hatten. Sie mussten sich schärfste und böseste Vorwürfe gefallen lassen (MANNSCHAFT berichtete). Das sei eine nationalistische Parole, nah am Neonazitum; sie schlösse Migrant*innen aus und verkenne, so oder so, die braunen Traditionen der Bundesrepublik, die ja immer noch nicht getilgt seien. An der Kritik ist, politisch gesprochen, so gut wie nichts haltbar oder gar wahr. Schwarz-Rot-Gold und die Nationalhymne von «Einigkeit und Recht und Freiheit» sind verfassungspatriotische Symbole, die alle Nazis, alte wie neue, hassen.

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Nach dem 30. Januar 1933, der NS-Machtübernahme, konnte die schwarz-rot-goldene Trikolore endlich durch hakenkreuzlerischen Fahnenschmuck ersetzt. Völkische Menschen in der Weimarer Republik verspotteten alles, was nach Freiheit und Einigkeit und Recht klang – und erst Recht die Nationalflagge.

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Auch der Einwand, dass die KLuST-Idee vergessen mache, wie lange LGBTIQ-Menschen in der Bundesrepublik, juristisch verfolgt und moralisch diskreditiert, gelitten hätten, geht in die Irre. In der Bundesrepublik ist seit 1949 das Grundgesetz geltend, und mit diesem im politischen Gepäck wurden die entscheidenden Liberalisierungserfolge seit Ende der sechziger Jahre errungen.

«Einigkeit! Recht! Freiheit!» hätte auch eine Parole sein können, die daran erinnert, dass eben die Liberalisierung in queerer Hinsicht gerade für Queer People in aller Welt, vor allem aber aus den arabischen und afrikanischen Ländern stark attraktiv ist – um nach Deutschland zu flüchten, weil man dort ein besseres, freieres, rechtlich gesicherteres Leben führen als in den allermeisten anderen Staaten der Welt. Umfragen unter queeren Flüchtlingen bestätigen dies: Deutschland als Ziel der Suche nach Lebensmöglichkeiten auch in puncto individuelle Freiheit.

«Einigkeit! Recht! Freiheit!» ist eine wichtige Drei-Wort-Kombination, um etwa der AfD nicht das Feld zu überlassen – um ihr nicht zu erlauben, sich für die Partei des deutschen Mainstreams zu behaupten.

Es ist schade, dass die Kritiker*innen des Ursprungsmottos nicht reflektieren, dass sie für eine gewisse, respektable Szene stehen – aber eben nicht für die Mehrheit in der queeren Community. Sie wollen offenbar, das ist mir wichtig zu monieren, nie Kompromisse – sondern vor allem sich selbst durchsetzen wie queere Ordnungshüterschaften.

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Das Motto hätte anzeigen können: Wir sind unübersehbar und sichtbar – und zwar namens einer gesellschaftlichen Mehrheit. Der Kompromiss nun, «Für Menschenrechte» (MANNSCHAFT berichtete) ist brav und zahm. Das kann sogar, so bitter das klingt, die AfD gut finden – gegen Allgemeinheiten, die folgenlos bleiben, hatte sie noch nie etwas.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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