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Die schwule Weihnachtsgeschichte, die wir verdienen?

An Heiligabend sass der Blogger Dan plötzlich neben seinem Ex in der Kirche, der mit Frau und Kindern am Gottesdienst teilnahm. Daraus entwickelte sich eine Social-Media-Saga von epischen Proportionen

Die Weihnachtskrippe aus leuchtenden Kabeln - mit der Geschichte, wie man sie bisher kannte (Foto: GabboT / Bronners 38 / Wikipedia)

Ein Blogger namens Dan aus Grossbritannien, der sich als «moderne Bridget Jones» beschreibt und «George-Michael-Lookalike», tweetet regelmässig über «das Chaos seiner Existenz». Dabei kam über die Feiertage eine ungewöhnliche Geschichte zu seinem Ex-Liebhaber heraus, der an Heiligabend plötzlich mit Frau und Kindern neben Dan in der Kirche sass. Doch das war nur der Beginn einer Twitter-Weihnachtssaga, die zeigt was passiert, wenn man Privatissima in die Öffentlichkeit trägt und zehntausende Menschen in Echtzeit mitlesen.

Dan schilderte auf Twitter, wie er Heiligabend mit seiner Mutter in die Kirche gegangen ist. Dort erkannte er einen Mann, mit dem er nach eigener Zählung auf sieben Dates war, ohne zu wissen, dass er Frau und Kinder hat. «Er sagte mir, er könne nicht mit mir zusammen sein, weil sein Job so hektisch ist. [Ich] war mir nicht bewusst, dass sein Job daraus bestand ein Stay-at-Home-Dad zu sein», twitterte Dan.

Der Blogger Dan, wie er sich auf Instagram zeigt (Quelle: dxnielandrew_ / Instagram)

Nach der Messe ging Dan mit seiner Mutter in eine Kneipe, um seinen Vater und den Rest der Familie zu treffen.

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«Ist das zu glauben, mit wem ich jetzt an der Bar Blicke tausche», fragte er auf Twitter. Sein Ex war ihm in die Kneipe gefolgt und wollte die Romanze neu beleben. «Ein Weihnachtswunder», meinte Dan. Und ein ebensolches versprach ihm der Ex, wenn er sich draussen mit ihm treffen würde. Diese Nachrichten schickte der Ex – für alle sichtbar mit einem Weihnachtsmann-Emoji – auf Twitter, offensichtlich nicht ahnend, wie viele Menschen das sehen können bei 10.300 Followern.

Der Morgen danach
Am nächsten Morgen tweetete Dan ein Update: «O, ihr dachtet, das sei jetzt vorbei? Ich war gerade unten, um Geschenke auszupacken, und meine Mutter starrte mich an. Weil ich ein Blogger bin, hat sie eine Tweet-Benachrichtigung eingerichtet und wollte nun wissen, wessen Zuhause ich aus Versehen zerstört habe.»

Der Weihnachtsmann hat gesagt, dass du bist ein ‹böser› Junge bist!

Mit blinkender Lichterkette um den Hals und mit traurigem Blick machte sich Dan im Auto auf den Weg zu seinem Bruder, filmte sich dabei und schrieb: «Auf dem Weg zum Weihnachtsfrühstück, trotz Spannung.» Er bezeichnete das Familienweihnachtsfrühstück als «seine Beerdigung».

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Gleichzeitig versuchte der Ex, ein neues Treffen zu arrangieren und schrieb wiederum für alle sichtbar: «Lass uns reden, ich habe dir so viel zu sagen. Ich kann nicht aufhören an dich zu denken. Und der Weihnachtsmann hat gesagt, du bist ein ‹böser› [naughty] Junge.»

Die Ehefrau liest mit
Doch dann kam schnell die Reue. Denn der Ex schrieb mit neuem Weihnachtsmann-Emoji: «Meine Frau folgt dir auf Twitter. Wie kannst du mir das antun? Lösche diese Tweets. JETZT.»

Ausschnitt aus dem Thread des UK-Bloggers Dan zu seiner Weihnachtsgeschichte (Foto: Screenshot / @dxnielandrew_ / Twitter)

Darauf reagierte Dan allerdings nicht. Weswegen der Ex einen Hashtag nutze, mit dem er glaubte, Dans Aufmerksamkeit zu erregen: #hellopleasereply.

Inzwischen hatte Dan so viele neue Twitter-Kommentare, dass er nicht mehr hinterherkam, allen zu antworten. Susan Boyle schrieb in Anlehnung an Charles Dickens‘ «Christmas Carol»: «Danke, dass du meine Weihnacht so zum Leuchten gebracht hast mit dieser extremen Schauer-Geschichte.»

Twitter-Challenge
Der Ex, seinerseits, schrieb: «Bitte antworte mir einfach. Dich letzte Nacht zu sehen hat mir klar gemacht, wie sehr ich dich liebe. Ich werde alles hinter mir lassen und mit dir neu beginnen. Bitte.»

Der Appell bewegte Dan wenig. Stattdessen lud er seine Follower zu einer Challenge ein: «Wenn wir #hellopleasereply zum Trend machen können, gehe ich zur Weihnachtsparty der Nachbarn mit meinen Eltern, und ich weiss er wird auch da sein. Dort werde ich ihn outen im echten Vorabendserienstil [Eastender style showdown].»

Twitter machte den Hashtag in Grossbritannien tatsächlich bis zum Ende des 1. Feiertags zum Trend – direkt nach der Debatte um Homophobie in der BBC-Sendung «Gavin und Stacey».

Dreckiges Geheimnis
Dan ging mit einer Ginflasche zu den Nachbarn, vorher twitterte er noch, wie sein Ex ihn als «dirty secret» missbraucht habe und dass er sich «schrecklich» fühle wegen der «armen Frau und Kinder».

Der Blogger Dan mit einem Glas Gin in der Hand, auf dem Weg zu den Nachbarn (Quelle: @dxnielandrew_ / Twitter)

Inzwischen erhielt Dan Dick-Pics und alle möglichen Hook-Up-Anfragen. Zum Vorabendserien-Outing bei den Nachbarn kam es dann aber doch nicht, dafür setzte sich Dan mit dem Gin in die Badewanne und kommentierte die Ich-vermisse-dich-Nachrichten mit einem Prost auf den Ex: «Danke an den Müllmann [trash man], der uns zu Weihnachten alle auf Twitter zusammengeführt hat.»

Dann wurde die Sache bösartig. Als Hommage an Andy Warhol schrieb der Ex: «Geniesse deine 15 Minuten Ruhm, du fettes hässliches Arschloch [fat ugly prick].»

Weihnachten ist unser Fest. Oder?

Inzwischen hatte die Geschichte sogar die Royals und das Weihnachten der kleinen Prinzen als UK-Trend auf Twitter überholt. Manche nannten es «die neue Geburt-Jesu-Geschichte».

Wann kommt die Filmversion?
Dan schloss Wetten ab, wie lange es wohl dauern würde, bis der Ex sich mit einer Direktnachricht wieder melden würde. Es geschah am Morgen des 2. Weihnachtstages um 6 Uhr morgens.

Wie diese Achterbahnbeziehung der beiden nun weitergehen wird – oder was mit der Ehefrau und den Kindern passiert – bleibt abzuwarten. Dan scherzte auf Twitter, dass man eine Filmversion daraus machen könne und er dann gern sich selbst spielen würde. Eine Kommentarin meinte: «Das ist definitiv der Weihnachtsfilm, den wir alle verdienen.»

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Einen Appell an all seine neuen Follower hatte Dan zum Schluss auch: «Bitte löscht mich nicht wieder, wenn mein Leben zurückkehrt zum langweiligen Alltagsscheiss [boring mundane shit].»

Kevin Clarke

Geschrieben von

Dr. Kevin Clarke hat in Berlin und Mailand Musikwissenschaft sowie Literaturgeschichte studiert. Er spezialisierte sich früh auf LGBTIQ-Themen im Kulturbereich. 2007 veröffentlichte er das Buch «Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer», ab 2010 kuratierte er im Schwulen Museum verschiedene Ausstellungen, u. a. «Porn That Way» und «Superqueeroes». Von ihm gibt es mehrere international erfolgreiche Bücher, z. B. «Beards: An Unshaved History» und eine Biografie von Charles Leslie («The Art of Looking»). Clarke lebt mit seiner Familie in Berlin. Er unterrichtet an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

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