in

Legendärer schwuler Pornograf William Higgins gestorben

Er gründete in den Siebzigern das US-Studio Catalina und schuf einige der berühmtesten Sexfilme der Ära, bevor er 1988 nach Tschechien auswanderte

William Higgins
Das blonde Dream-Team Leo (r.) und Lance in dem William-Higgins-Film «Leo and Lance», 1983 (Foto: Laguna Pacific/Catalina, aus dem Buch «Porn: From Andy Warhol to X-Tube»)

Der legendäre Pornograf William Higgins ist am Samstag (21. Dezember) in Prag im Alter von 77 Jahren gestorben, laut Branchenberichten an einem Herzinfarkt. Higgins hat in den 1970er-Jahren das Studio Catalina gegründet und Darsteller wie Kip Noll und Leo Ford zu Legenden gemacht. (Ford war teilweise der Boyfriend von Divine und von Higgins.)

Higgins hatte 1974 in Florida seinen ersten Film gedreht («A Married Man») und erhob in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern den relaxten blonden kalifornischen Surfboy-Typ zum Non-plus-ultra des neuen selbstbewussten Schwulenpornos, als Alternative zum schnauzbärtigen «Clone»-Look von Al Parker. Er schuf dabei Klassiker wie «Boys of Venice» (1979), «Pacific Coast Highway» (1981)  oder «Leo and Lance» (1983).

Der erste offizielle Twink der Pornogeschichte: Kip Noll in einer Szene aus einem frühen William-Higgins-Film (Foto: Catalina Studios, aus dem Buch «Porn: From Andy Warhol to X-Tube»)

Seine Filme zeigen die vermeintliche «Utopie» einer ewigen Party, in der es keine Schuldgefühle und kein erzwungenes Versteckspielen mehr gab. Höhepunkt dieser Entwicklung war «Class Reunion» 1983 mit einer legendären Poolparty von gigantischen Ausmassen.

Werbung

Higgins hatte damals eine Einladung an alle Stars geschickt, die in Los Angeles waren, ohne zu ahnen, wer tatsächlich zu Dreh erscheinen würde. Wie sich herausstellte, kamen ziemlich viele, u.a. Leo Ford. Higgins erinnerte sich später: «Wir drehten den ganzen Film in sechs Stunden. Es war eine echte Party, eine super Atmosphäre. Es ist der lustigste Film, den ich je gemacht habe.»

Kurz darauf brach die Aidskrise aus. Und die Party war zu Ende.

Szene aus dem William-Higgins-Klassiker «The Young Olympians» von 1983 aus dem Buch «Porn: From Andy Warhol to X-Tube»

US-Behörden schlagen zu
1988 wurden die Büro- und Produktionsräume von Higgins in Los Angeles von US-Behörden durchsucht, Material beschlagnahmt und Anklage gegen ihn erhoben. Obwohl die Vorwürfe wieder fallen gelassen wurden, entschied sich Higgins, die Vereinigten Staaten zu verlassen.

Werbung

Er besuchte Australien und Thailand, fand aber beide Länder nicht geeignet, um dort eine neue Produktionsfirma zu eröffnen. Nach einer Zeit in Amsterdam entschied sich Higgins schliesslich, nach Prag zu ziehen. Dort begann er 1996 Pornos zu drehen. Im ersten seiner osteuropäischen Filme trat ein Soldat namens Andel auf, den Higgins kurz davor kennengelernt hatte.

Wie das australische Nachrichtenportal QN schreibt: «Junge Männer in Tschechien mussten ein Jahr schlechtbezahlten Militärdienst leisten. Als Andel eine ganze Gruppe von Soldatenfreunden mitbrachte, um mit ihm im Film aufzutreten, erkannte Higgins das Potenzial des Landes für künftige Pornoproduktionen – lauter durchtrainierte, gutaussehende junge Männer, die sehr glücklich darüber waren, als Gay-For-Pay ihr schlechtes Gehalt aufzubessern.»

40-jähriges Jubiläum
2018 feierte Higgins sein 40-jähriges Jubiläum als Regisseur und Produzent, gerechnet ab der Gründung seines Studios Catalina 1978. Er hat insgesamt mehr als 3.000 Filme erschaffen. Obwohl er in Prag ein neues Pornostudio aufbauen konnte, gelang es ihm dort nicht mehr, Filme zu kreieren, die eine Ära der Schwulenbewegung positiv charakterisieren oder einen stilbildenden Look haben.

Vor wenigen Tagen erst hatte Higgins am 19. Dezember seinen Geburtstag gefeiert und sich bei den vielen Freunden bedankt, die ihm auf Facebook Grüsse geschickt hatten. Er lebte bis zum Schluss in Tschechien.

Sein Geschäftspartner Stuart Rhodes war dabei, als Higgins letzte Woche mit einem Krankenwagen abgeholt wurde. Wie Rhodes QN sagte, sei Higgins zu dem Zeitpunkt noch bei vollem Bewusstsein gewesen und habe mit den Einsatzkräften gesprochen. Rhodes ergänzt: «Wir sind alle in Schock und vermissen ihn sehr.»

Der bekannte italienische Pornograf Lucas Kazan reagierte auf die Nachricht vom Tod Higgins so: «Ein Gigant in einer Epoche von Zwergen, die die heutige Pornoszene dominieren.» Zu MANNSCHAFT sagte Kazan: «Er starb als aktiver Pornograf, nach 45 Jahren ‹on the job›. Mir fällt sonst niemand ein, der solch eine lange Karriere hatte, mit so vielen ikonischen Filmtiteln und solch einem Einfluss aufs Genre und die Art und Weise, wie wir als schwule Männer leben bzw. unsere Sexualität repräsentiert wird. Ich habe Kristen Bjorn die Nachricht weitergleitet, der reagierte mit dem bislang besten Tweet: ‹Higgins hatte einen schlagkräftigen Humor und eine echte Lust am Leben. Ich werde meinen Freund vermissen.› Das ist eine Legende, die einer anderen Tribut zollt.»

Die fünf besten LGBTIQ-Filme für kalte Tage

Letztes Interview
Als der Autor dieser Artikels 2013 sein Buch «Porn: From Andy Warhol to X-Tube» schrieb, gab ihm William Higgins ein Interview. Zum Abschied von diesem grossen aber auch umstrittenen Mann erscheint es hier noch einmal auf Deutsch.

William Higgins, wie man ihn zuletzt als Profilbild auf Facebook sehen konnte (Foto: William Higgins / Facebook)

Mr. Higgins, was macht für Sie gute Pornos aus?
Ganz sicher nicht die Geschichte. Es sind die Darsteller und der Sex, die Art und Weise, wie alles gefilmt und geschnitten ist. Ich schaue mir am liebsten Bottoms an. Wenn mich der Bottom nicht interessiert, dann ist mir der ganze Film egal. Aus filmtechnischer Sicht: Ich hasse Schatten im «Geschäftsbereich». Ich mag auch keine Nahaufnahmen beim Sex oder zu schnelle Schnitte. Wenn der Sex toll ist, sollte man die Kamera einfach laufen lassen. Der Zuschauer kann ja vorspulen, wenn ihm langweilig wird.

Ich mag auch einen gewissen Grad von Erniedrigung

Ich mag auch einen gewissen Grad von Erniedrigung. (Komisch, das habe ich noch nie jemandem gesagt.) Ich mag’s auch, wenn die Darsteller wenigstens äusserlich wie Heteros wirken.

Wie ist es, als der quintessentielle Regisseur von kalifornischen Surfboy-Filmen, jetzt in Osteuropa zu leben?
Ich vermisse Amerika nicht. Vor einigen Jahren habe ich Los Angeles besucht – wo ich 1988 weggegangen bin – und fand, dass ich in der Stadt nicht mehr leben könnte. Man braucht den ganzen Tag, um von einer Verabredung zur nächsten zu kommen. Alles ist überfüllt und viel zu hektisch, verglichen mit den Achtzigern. Ausserdem gibt’s kaum öffentlichen Verkehrsmittel und ich benutze gern die Öffentlichen. In Kalifornien kann man das vergessen! Prag ist eine charmante Stadt. Inzwischen ist es dort recht teurer geworden. Trotzdem ist es viel günstiger als in anderen Grossstädten. Das Leben ist entspannt. Und, was das Wichtigste ist: die Jungs sind noch zu haben.

Wie würden Sie den Erfolg der Pornos aus Osteuropa erklären?
Die Slaven strahlen eine gewissen Kühle aus. Das finde ich anziehend. Vermutlich bin ich da wie Hitchcock: der bevorzugte auch kühle Blondinen.

Vermutlich bin ich da wie Hitchcock: der bevorzugte auch kühle Blondinen

Als ich in Prag anfing, konnten wir fast keine Darsteller finden. Sie hatten alle Angst, aus den schwulen Clubs rausfliegen, wenn sie Pornos machen. Das hat sich inzwischen geändert. Was sie am meisten motiviert ist natürlich Geld. Für mich ist das gut. Damals in Kalifornien waren etliche meiner Darsteller unverbesserliche Tunichtguts, die nicht in die normale Gesellschaftsordnung passten. In Prag machen die meisten Pornos, um ihr Gehalt aufzubessern, sie haben fast alle eine reguläre Vollzeitstelle anderswo.

Was ist das Angenehmste, wenn man mit Pornodarstellern zu tun hat?
Ich verkehre mit keinem meiner aktuellen Darsteller sozial. Wir machen unsere Filme, sonst geht jeder seinen eigenen Weg. Früher war Leo Ford mein Lieblingsdarsteller und derjenige, mit dem ich am liebsten ausging.

Leo Ford drehte in den Achtzigern auch für andere Studios und mit anderen Regisseuren, hier sieht man ihn in einer Szene aus «Style», 1981 (Foto: Falcon Studios, aus dem Buch «Porn: From Andy Warhol to X-Tube»)

Sind Pornodarsteller soziale Aussenseiter oder Superstars?
In Tschechien sind sie weder das eine, noch das andere. Sie kriegen oft Probleme, wenn ihre Familien oder Kollegen davon erfahren. Das macht sie aber nicht zu sozialen Aussenseitern. Die Tschechen haben allerdings eine seltsame Vorstellung von «Stars». Wir kamen mal bei einem Dreh zu einer Tankstelle, wo einer unsere Darsteller auf jemanden zeigte, der gerade für seinen alten, billigen Skoda Benzin holte. Der war scheinbar ein sehr berühmter tschechischer Filmstar. Offensichtlich bringt es einen in diesem kleinen Land nicht sehr weit, ein «Star» zu sein.

«Shooting Star» – Romantisches Musical über die schwule Pornoindustrie?

Was ist das grösste Problem im Umgang mit Pornodarstellern?
In den Siebzigern und Achtzigern: Drogen. Hier in Tschechien nimmt kaum jemand welche. Das grösste Problem ist, dass sie dauernd ihre Meinung ändern und aus Produktionen wieder aussteigen, ohne vorher Bescheid zu sagen. Aber das ist alles bei weitem nicht so dramatisch wie damals in den USA.

Pornos haben sich in den letzten 40 Jahren stark verändert. Was ist Ihre Prognose für die Zukunft?
In diesem Moment [2013] ist Pornografie am Aussterben. Niemand will mehr dafür bezahlen. Als Geschäftsmodell ist das also tot. Was übrig bleibt, wird im Internet stattfinden. DVDs sind ebenfalls tot. Ich glaube, Pornografie wird sich immer mehr in Nischenmärkte aufteilen.

Fotos aus William-Higgins-Filmen und Porträts von Stars wie Leo Ford und Kip Noll waren 2014/15 auch prominenter Teil der Ausstellung «Porn That Way» im Schwulen Museum Berlin.

Kevin Clarke

Geschrieben von

Dr. Kevin Clarke hat in Berlin und Mailand Musikwissenschaft sowie Literaturgeschichte studiert. Er spezialisierte sich früh auf LGBTIQ-Themen im Kulturbereich. 2007 veröffentlichte er das Buch «Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer», ab 2010 kuratierte er im Schwulen Museum verschiedene Ausstellungen, u. a. «Porn That Way» und «Superqueeroes». Von ihm gibt es mehrere international erfolgreiche Bücher, z. B. «Beards: An Unshaved History» und eine Biografie von Charles Leslie («The Art of Looking»). Clarke lebt mit seiner Familie in Berlin. Er unterrichtet an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

Homosexuelle Soldaten

Für homosexuelle Soldaten wohl keine Entschuldigung

LGBTIQ News

Best of MANNSCHAFT.com 2019