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«EastSiders» oder die befreiende Seite queerer Partnerschaften

Bei Netflix startete am 1. Dezember die letzte Staffel von «EastSiders» – als grandioses Finale einer kleinen DIY-Web-Serie, die 2012 bei YouTube begann

Cal (Kit Williamson, r.) und Thom (Van Hansis) in der 4. Staffel von «EastSiders» (Foto: Netflix)

Am 1. Dezember startete auf Netflix die 4. Staffel der Dark-Comedy-Serie «EastSiders», die 2012 mit zwei kleinen Episoden auf YouTube begann und sich über Crowdfunding zu einem erfolgreichen Web-Mehrteiler mauserte – und Ende 2017 bei Netflix landete. Und damit bei einem extrem breiten Publikum. Jetzt soll nach dem phänomenalen Finale Schluss ein. Wirklich?

Erinnert sich noch jemand daran, wie es 2012 mit zwei 15-Minuten-Episoden los ging und wir erstmals das chaotische Beziehungsleben von Cal (Kit Williamson) und Thom (Van Hansis) näher kennenlernten, kombiniert mit dem heterosexuellen Liebesleben von Kathy (Constance Wu), Cals bester Freundin, sowie deren Boyfriend Ian (John Halbach)?

Mit MANNSCHAFT wird der Dezember festlich

Die DIY-Serie von Kit Williamson wurde mit einfachsten Mitteln gedreht, zu einer Zeit, als viele Filmemacher das neue Web-Format testeten, in der Hoffnung, neue Narrative präsentieren zu können, die grosse Studios sich nicht trauten anzugehen. Und in der Hoffnung, damit selbst den Durchbruch zu schaffen und von den grossen Studios bemerkt zu werden.

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Keine Heldenfiguren mit Vorbildfunktion
Williamson, heute 34 Jahre alt, erinnert sich: «2012 wussten viele Menschen gar nicht genau, was eine Web-Serie eigentlich ist. Wir hatten damals für die ganze 1. Staffel weniger Geld zur Verfügung als ‹Looking› [bei HBO] für fünf Bildschirmminuten ausgab. Also sollten Leute verdammt noch mal die Klappe halten, wenn sie über unsere Produktionsqualität meckern wollen.»

Gemeckert wurde durchaus. Nicht nur über die DIY-Optik, sondern auch über die Repräsentation der LGBTIQ-Community. Denn die Charaktere bei «EastSiders» waren von Anfang an keine «Heldenfiguren» mit Anspruch auf Vorbildfunktion. Williamson sagte kürzlich in einem Interview mit der Zeitschrift Queerty: «Es sind komplizierte Charaktere. Sie sind gestört, sie haben Fehler, sie haben Laster. Es sind Figuren, die noch erwachsen werden müssen. In Staffel 4 werden sie das, glaube ich. Es gibt jedenfalls viel emotionales Wachstum. Alle schaffen es, die grossen brennenden Fragen anzusprechen und zu meistern. Die Figuren haben komplizierte Beziehungen mit Alkohol und mit Sex. Wie viele Menschen, die ich kenne. Und viele sind aus der Schwulenszene.»

Szene aus der 4. Staffel von «EastSiders», mit Pornostar Adam Ramzi (2.v.l.) (Foto: Netflix)

Solchen Realitäten will Williamson nicht ausweichen. «Vielmehr möchte ich in diesen Sturm rein und mich mit den Dingen auseinandersetzen, die unangenehm sind. Und das auf eine Weise, bei der ich die Charaktere nicht für ihr Verhalten verurteile.»

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Permanentes Plastiklächeln
Auf den Vorwurf, mit seiner Darstellung «die Community» blossgestellt und in eine «peinliche Lage» gebracht zu haben, antwortet Williamson rückblickend: «Ich sehe diese Kritik so, dass viele einfach Charaktere wollen, die keinerlei Fehler haben oder keine Konflikte. Das ist so, als würden Menschen in einem Vakuum existieren, wie Ken-Puppen, die mit einem permanenten Plastiklächeln durchs Leben laufen und mit allen anderen Menschen gut zurechtkommen. Ich finde, das sollte man sich für Instagram aufsparen.»

Diesen Instagram-Accounts müssen wir 2019 folgen

Diese Art von LGBTIQ-Heiligenlegende – mit aufopfernden Charakteren, die zu gut für diese Welt sind und fast so kitschig gezeigt werden, wie eine Pierre-et-Gilles-Madonna mit Glitzerträne im Auge – kann man aktuell in der Netflix-Serie «Pose» sehen, wo die Trans-Bewegung der 1980er-Jahre von Ryan Murphy derart verklärt dargestellt wird, dass man fragen könnte, ob das eine bewusste Verarschung sein soll. (Immerhin ist von Murphy auch «The Politician» und «American Horror Story», beides Serien mit extremen Parodieelementen.) (MANNSCHAFT berichtete über «Pose» und «The Politician».)

Zurück nach Los Angeles
Williamson als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller seiner Serie geht da einen anderen Weg. Nachdem die 3. Staffel ein Road Trip von New York nach Los Angeles war, bei dem Cal und Thom die unvergessliche Begegnung mit Colby Keller als räuberischem Tramper machten, spielt die 4. Staffel wieder in Los Angeles. Also da, wo 2012 alles anfing.

Van Hansis (l.) und Jake Choi in der 4. Staffel von «EastSiders» (Foto: Netflix)

Die Geschichte dreht sich im Wesentlich darum, dass alle Paare sich fragen, wie sie ihre Beziehung leben wollen: mit Kindern? verheiratet? monogam? hetero-, homo- oder bisexuell? als kreischende Inszenierung für tausende Social-Media-Follower oder bereinigt für den Mainstream-Buchmarkt? oder als Mischung all dessen?

Dabei gibt’s in Staffel 4 wieder viel Sex (anders als in Staffel 1 und 2). Und es gibt wieder einen echten Pornostar in einer Nebenrolle – diesmal ist es Adam Ramzi, der dem «überwiegend heterosexuellen» Frauenhelden Ian den Kopf verdreht. Wobei der Darsteller des Ian, John Halbach, seit 2016 mit Williamson verheiratet ist. Aber das nur nebenbei.

Schwuler Sex ist laut und selbst Schwulen unangenehm
Williamson sagt zu den vielen Sexszenen: «Ich mag es, wie laut schwuler Sex ist. Ich mag es, wie unangenehm er Zuschauern ist, sogar Schwulen. Ich erinnere mich noch, was wir von denen für konsternierte Kommentare bekamen, dass sie keine Stereotypen wollten.» Aber ist ein aktives und chaotisches Sexleben ein schwuler Stereotyp?

Willam Belli als «Influencer*in» und Drag Queen Douglas in der 4. Staffel von «EastSiders» (Foto: Netflix)

«Ich glaube, diese Staffel ist eine Dialektik über Liebe und Partnerschaft», sagt Williamson. «Ich versuche Dinge zu dekonstruieren, denen wir erlauben, eine Art von universeller Bedeutung zu haben. Was ist Liebe? Was heisst Bindung? Was ist eine Beziehung? Was bedeutet eine Ehe, wenn man queer ist? Das sind Fragen, die wir uns als queere Menschen stellen müssen und auf die wir Antworten finden sollten. Diese Antworten liegen nicht als klar vorgegebener Weg vor uns. Und das finde ich wirklich befreiend. Es geht um Wahlverwandtschaften. Wir müssen entscheiden, was Ehe für uns bedeutet.»

Und das zeigt Williamson mit dieser Ensemble-Komödie fabelhaft – teils mit bösen, selbstironischen Dialogen, teils mit bewegenden Familiengeschichten. Dabei spielen Pornolegende Traci Lords («Crybaby», «Swedish Dicks») und Bryan Batt («Mad Men») Cals Eltern, was allein schon Grund wäre die Staffel zu gucken.

Geld verdienen als LGBTIQ-Influencer*in
Besonders schön ist die Geschichte von Quincy (Stephen Guarino) und Drag Queen Douglas (Willam Belli), die ihre Eheschliessung als Mega-Event auf YouTube vermarkten will – und dabei nebenbei demonstriert, wie «Influencer*innen» mit allen Mitteln und teils recht verzweifelt versuchen, Geld zu verdienen.

Matthew McKelligon und Leith M. Burke in der 4. Staffel von «EastSiders» (Foto: Netflix)

Auch das gänzlich andere Partnerschaftsmodell von Jeremy (Matthew McKelligon) und dem Krankenhausarzt Derrick (Leith M. Burke) wird als Kontrast erzählt, kombiniert mit einer Adoptionsgeschichte.

Und dann müssen natürlich auch Cal und Thom irgendwie zu einem Happy End finden.

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Ob da wirklich Schluss ist, wie Williamson angekündigt hat, muss man abwarten. «Ich bin nicht zwangsläufig durch mit diesen Charaktereren. Aber ich bin durch mit diesem Format», sagt er. «Es ist mit einfach zu viel Arbeit, sechs halbstündige Episoden unabhängig zu produzieren. Das ist eine Herkulesaufgabe.»

Wird es eine Filmfortsetzung geben?
Heisst das, es wird noch eine Filmversion geben, so wie bei «Sex and the City»? Im Grunde kann man bei «EastSiders» nach der letzten Folge einen wunderbaren Schlussstrich setzen. Und sich freuen, dass die kleine DIY-Web-Serie sich im Laufe von sieben Jahren zu einem Phänomen und Hit entwickelt hat. Und dass sie ein schwules Leben mit allen Ecken und Kanten zeigt, die in etlichen Mainstream-Produktionen ausradiert werden. Die aber dazugehören. (Dazu gibt’s in «EastSiders» einige sehr entlarvende Dialoge zwischen Thom und seinem Buch-Editor, der sich für den Massenmarkt komplett bereinigte Beziehungsgeschichten wünscht, bevor er sich selbst Drogen durch die Nase zieht und das Gegenteil von dem tut, was er als Ideal predigt.)

Williamson selbst arbeitet seit einiger Zeit an mehreren neuen Projekten. Queerty erzählte er, dass er gerade fürs Sundance Lab eine Serie beendet habe, von der er hoffe, dass sie realisiert würde. «Sie steht kurz davor, den nächsten Schritt zu machen. Ich bins deswegen total aufgeregt. Es ist die queerste Sache, die ich je geschrieben habe.»

Beschränkte Vorstellungskraft der Entertainment Industrie
Während Williamson durch «EastSiders» berühmt wurde, ebenso etliche der anderen Darsteller, und er dadurch für viele Projekte als Drehbuchautor angefragt wurde, hat die Serie seiner Schauspielkarriere eher geschadet. Er sagt ernüchtert: «Ich habe die Serie damals entwickelt, damit ich selbst endlich mal eine schwule Rolle spielen kann. Seither bekomme ich aber ausschliesslich schwule Rollen von anderen angeboten. Ich möchte dazu nicht viel sagen, ausser dass das viel darüber aussagt, wie die Wächter der Entertainment Industrie operieren und wie beschränkt ihre Vorstellungskraft ist, wenn es um LGBTIQ geht. Natürlich gibt es viel Veränderung, aber die meisten homosexuellen Schauspieler, die wir kennen, haben sich erst geoutet nachdem sie Erfolg mit Heterorollen hatten.»

Bei Kit Williamson lief das anders. Aber das ist kein Grund, diese in jeder Hinsicht wunderbare Serie nicht anzuschauen. Ich muss gestehen, dass ich alle sechs Folgen der 4. Staffel, je 30 Minuten, an einem Abend geguckt habe und danach total glücklich war.

Kevin Clarke

Geschrieben von

Dr. Kevin Clarke hat in Berlin und Mailand Musikwissenschaft sowie Literaturgeschichte studiert. Er spezialisierte sich früh auf LGBTIQ-Themen im Kulturbereich. 2007 veröffentlichte er das Buch «Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer», ab 2010 kuratierte er im Schwulen Museum verschiedene Ausstellungen, u. a. «Porn That Way» und «Superqueeroes». Von ihm gibt es mehrere international erfolgreiche Bücher, z. B. «Beards: An Unshaved History» und eine Biografie von Charles Leslie («The Art of Looking»). Clarke lebt mit seiner Familie in Berlin. Er unterrichtet an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

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