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Die queeren Heiligen: Oscar Wilde und E. M. Forster neu entdeckt

Am Broadway ging gerade Matthew Lopez’ bahnbrechendes Theaterstück «The Inheritance» in Premiere: mit E. M. Forster als Schutzpatron junger LGBTIQ

Samuel H. Levine, Kyle Soller, Kyle Harris, Arturo Luís Soria, Jordan Barbour und Darryl Gene Daughtry Jr. (v.l.n.r.) in «The Inheritance» (Foto: Matthew Murphy for MurphyMade, 2019)

Obwohl die «Generation Queer» gern schreit «alte weisse Männer müssen weg», um Platz für Neues und Sichtbarkeit für marginalisierte Gruppen zu schaffen, kehren aktuell zwei alte weisse schwule Männer zurück, um ausgerechnet jungen Queers als Leitbilder zu dienen: in Matthew Lopez’ monumentalem Theaterstück «The Inheritance» («Die Erbschaft») ist es E. M. Forster und in R. Zamora Linmarks Jugendroman «The Importance of Being Wilde at Heart» ist es der Geist von Oscar Wilde. Markiert das eine Zeitenwende?

Das Theaterstück von Matthew Lopez hat sich jedenfalls zum Ziel gesetzt, als Gruppendrama eine Bestandsaufnahme zu liefern, was es heisst, heutzutage ein schwuler Mann in der westlichen Welt zu sein, oder genauer gesagt in New York City. Lopez ist 42 Jahre alt, wuchs als Kind von Puerto Ricanern in Florida auf und erlebte die Aidskrise nur im Endstadium. Nachdem Tony Kushner mit «Angels in America» Anfang der 1990er-Jahre sein mit Preisen überhäuftes episches Theaterstück als «A Gay Fantasia on National Themes» herausgebracht hatte, als zweiteilige Bestandsaufnahme der damaligen «Gay Scene», gab es zwar viele weitere Stücke, Romane, Filme und TV-Serien zu Aids und natürlich auch zu schwulen Themen allgemein, aber keins, das explizit versuchte, eine Zusammenfassung und kritische Gesamtanalyse des Jetztzustands zu liefern. (So wie es 1968 Mart Crowley mit «The Boys in the Band» kleinformatiger ebenfalls getan hatte.) Und es gab kein entsprechendes Theaterstück, das in solch einem Blockbuster-Format daher kam. Das tut Lopez‘ «Inheritance» mit einer grossen Broadway-Produktion im Ethel Barrymore Theater, die über zwei Abende verteilt fast sieben Stunden Spieldauer bietet, bei der Stephen Daldry («Billy Elliot») Regie führt, mit Produktionskosten von 9,5 Millionen Dollar, wo Tickets im 1000+ Zuschauerraum pro Abend um die 150 Dollar kosten.

Geborgenheit und politische Gegensätze
Es geht um eine Gruppe junger Männer, die in Zeiten von Trump und gesellschaftlicher Spaltung, in Zeiten von weitgehender Akzeptanz von Homosexualität und PreP versuchen herauszufinden, wer sie sind, was sie als eigenständige Gruppe ausmacht und wo sie hinwollen – ganz zu schweigen davon, wie sie miteinander umgehen wollen. Um den passenden Rahmen für eine solche Geschichte zu finden, wird gleich zu Beginn E. M. Forster als Figur heraufbeschworen und befragt, wie es denn für ihn vor 100 Jahren war in Grossbritannien zu leben. Mit seiner Einwilligung wird dann sein Erfolgsroman «Howards End» als strukturelle Vorlage für «The Inheritance» benutzt.

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D.h. aus den Schwestern Margaret and Helen und ihrer Verbinding zur Familie Wilcox (der das Haus Howards End gehört) wird bei Lopez der Social-Justice-Aktivist Eric Glass, der mit dem flamboyanten Jungdramatiker Toby Darling zusammenlebt. Während der nach seinem ersten Erfolg auf eine sehr rutschige Bahn von Sex, noch mehr Sex und Drogen gerät, sich von Eric trennt und nach und nach selbst zerstört, kommt Eric in Kontakt mit dem deutlich älteren Geschäftsmann und Milliardär Henry Wilcox. Und er muss navigieren zwischen Liebe, seiner Suche nach Geborgenheit, politischen Gegensätzen (Trump vs. Hillary) und der Frage nach seiner eigenen Integrität. Besonders bei der Suche nach letzterer ist E. M. Forster ein stetig wiederkehrender Charakter, der zusammen mit Eric reflektiert, wie viel sich dank Gay Liberation und der aktuellen LGBTIQ-Bewegung verändert und verbessert hat, aber auch was früher vielleicht besser oder einfacher war im zwischenmenschlichen Umgang.

Kyle Soller als Eric, Paul Hilton als E. M. Forster und John Benjamin Hickey als Henry Wilcox in «The Inheritance» (Foto: Matthew Murphy)
Kyle Soller als Eric, Paul Hilton als E. M. Forster und John Benjamin Hickey als Henry Wilcox in «The Inheritance» (Foto: Matthew Murphy for MurphyMade, 2019)

Dass ein junger Dramatiker aus Florida mit Wurzeln in Puerto Rico ausgerechnet E. M. Forster bei diesem Wo-stehen-wir-jetzt-als-Queer-Community-Projekt ins Zentrum rückt und sogar als Ratgeber immerfort heranzieht, darf einigermassen erstaunen. Besonders wenn man bedenkt, mit welcher Vehemenz radikale Queers alles zurückweisen, dass «alt», «weiss», «männlich» und «cis» ist. Aber vielleicht ist E. M. Forster inzwischen derart historisch, dass er nicht als unmittelbare Bedrohung empfunden wird?

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Only Connect
Auf alle Fälle scheint es, dass Forsters Bücher («Zimmer mit Aussicht», «Howards End», «Maurice») nach wie vor – oder jetzt wieder – zu einer jungen LGBTIQ-Generation sprechen und sie an eine Zeit erinnern, die weiter zurückreicht als Aids und Stonewall, ja sogar weiter als die Weimarer Republik mit Hirschfeld & Co. All das zu in einem Doppeltheaterabend zu thematisieren, ist ein ambitioniertes Unterfangen. Lopez folgt dabei Forsters Leitspruch aus «Howards End»: «only connect», also einfach die Dinge verbinden, um zu einer Lösung zu finden, die in eine bessere Zukunft führt.

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Das Stück lief bereits letztes Jahr in London erfolgreich, damals spielte Vanessa Redgrave mit, die schon in der «Howards End»-Verfilmung brillierte; es war genau dieser Film, der Lopez als schwulen Teenager zu Forster brachte und dem er nun eine Art Denkmal setzt. Auch wenn manche Kritiker, wie z. B. Ben Brantley von The New York Times lästern, die Ambition des Stücks sei grösser als seine inhaltliche Tiefe. Trotzdem kann Brantely nicht verhehlen, dass der Doppelabend wirkungsvoll ist und ein Meilenstein in der LGBTIQ-Theatergeschichte.

Die Taschenbuchausgabe von «The Inheritance» (Foto: Faber & Faber)

Wer jetzt nicht sofort nach New York reisen will, kann das Theaterstück auch in Buchform kennenlernen, es wurde von Faber & Faber herausgegeben und liest sich wie ein Roman, wo alle Szenen ineinanderfliessen und filmisch kurz gehalten sind, mit ständigem Wechsel. Brantley meinte, es gäbe zu viele Soap-Opera-Momente und zu viel Kitsch, aber ich muss gestehen, dass ich lange kein Theaterstück gelesen habe, das mich so tief bewegt hat wie «The Inheritance» und das ich so verschlungen habe, trotz oder wegen der Soap-Opera- und Kitsch-Aspekte.

Saunasex und Partydrogen
Das Aidsfinale von Teil 1 als Rückblick ist ein echter «Tear Jerker», weil es die nachrückende Generation der Figuren im Stück daran erinnert, wie verheerend die Aidskrise war – was sich viele heute gar nicht mehr vorstellen können oder wollen, weil sie davon nicht betroffen waren oder niemanden kennen, der betroffen war. Das grosse Wir-sind-alle-eine-Familie-Finale 2 schliesst den Kreis und plädiert vorausblickend dafür, dass wir alle als Community besser miteinander umgehen sollten, auch wenn wir unterschiedliche ideologische Überzeugungen haben. Keine davon hat einen exklusiven Wahrheits- oder Gültigkeitsanspruch, was in den diversen Politikabschnitten brillant demonstriert wird, etwa wenn der schwule Milliardär Henry Wilcox Donald Trump verteidigt bzw. die Argumente der Gegenseite auseinandernimmt.

Der Schluss vorm «modernen» Howards End (Henrys Country House, das er Eric schenkt) ist zwar zugegebenermaßen etwas konventionell, rundet aber die Reise von Eric, Toby, Henry und all den anderen ab, wobei die unendlich vielen Handlungsstränge zusammengeführt werden. Zu denen gehört auch Sex in Saunen, Rassismus, Prostitution, Umgang mit Geschlechtskrankheiten (wenn man Geld und eine Krankenversicherung hat vs. wenn man dies nicht hat), soziale Ungleichheit bzw. Ungerechtigkeit, Einsamkeit in Zeiten des Internet, Sucht nach Ruhm und Applaus, Treue/Untreue in Beziehungen, Freundschaft und Crystal Meth.

Jordan Barbour, Darryl Gene Daughtry Jr., Kyle Soller, Arturo Luís Soria und Kyle Harris (v.l.n.r.) in «The Inheritance» (Foto: Matthew Murphy for MurphyMade, 2019)

Es ist durchaus belustigend im Stück zu erleben, wie E. M. Forster auf all das reagiert. Und als eine Art Homo-Heiliger doch den richtigen Rat zur Hand hat. Selbst wenn er sich zu Lebzeiten nie öffentlich outete und die Publikation seines einzigen schwulen Romans «Maurice» erst posthum erlaubte, also 1971, ein Jahr nach seinem Tod; geschrieben wurde der Text bereits 1913/14.  Auch das rückt vieles im Stück in ein interessantes Licht!

Oscar Wilde in Asien
Während bei Lopez junge schwule Männer in New York bei E. M. Forster Trost und Orientierung finden, ist die Situation bei R. Zamora Linmark und seinem 352 Seiten Roman-für-junge-Erwachsene noch ungewöhnlicher.

«The Importance of Being Wilde At Heart» (l.) und der Autor R. Zamora Linmark (Fotos: Penguin Random House)

Linmark wurde in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, geboren und wuchs im US-amerikanischen Honolulu auf der Insel Oahu auf. Dort lebt er heute noch immer, abwechselnd mit Manila. Die Geschichte in seinem Debütroman spielt auf einer fiktiven asiatischen Insel, die in Nord und Süd geteilt ist und zwei komplett verschiedene politische Systeme hat. Im liberalen aber verarmten Süden leben drei Teenager, die sich selbst als eindeutig «queer» betrachten und mehr als alle Figuren bei Lopez «alte» Vorstellungen von Gender und Sexualität über Bord geworfen haben. Ausgerechnet diese jungen Queers sind in der Schule in einem progressiven Buchclub, in dem sie Oscar Wilde lesen.

Und so tritt Wilde selbst als guter Geist immer wieder auf, wenn Ken Z im Liebeskummer wegen seiner Beziehung zu Ran (aus dem Norden) in eine Existenzkrise gerät – mit sich selbst, mit seinen trans bzw. lesbischen Freund*innen, mit seiner Mutter und der Schule. Auf der Suche nach Antworten auf die ewigen Probleme der Liebe und des Lebens studiert Ken Z Wildes Theaterstück «The Importance of Being Earnest», in dem es darum geht, dass die Hauptfigur anonym verschwindet um «Bunburrying» zu gehen, also sich heimlich zu vergnügen in einer Parallelwelt, von der niemand etwas wissen darf. Genau das, was Ran-aus-dem-Norden mit Ken Z tut. Zumindest glaubt dieser dies. Und er muss letztlich lernen damit umzugehen, dass seine grosse geheime Liebe irgendwann wie vom Erdboden verschluckt ist und nicht mehr auftaucht. Ken Z weiss nicht und erfährt auch nie, warum dies geschieht: ob Ran zum Militärdienst eingezogen wurde, ob seine Familie intervenierte, ob er das Interesse an Ken Z verloren hat etc.

Ausbrechen aus dem Alltag
Das ist tatsächlich ein neues und interessantes Narrativ in der Schwulenliteratur. Und es ist bei R. Zamora Linmark spannend kombiniert mit Fragen nach queer vs. schwul, Umgang mit Kolonialismus, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit, politischer Unterdrückung und damit, wieso ganz junge Menschen in ganz anderen Teilen der Welt auf einmal mit Oscar Wilde und seinen Stücken bzw. Romanen («Das Bildnis des Dorian Grey») aus dem viktorianischen England in Dialog treten. Mehr noch, dass diese ihnen etwas zu sagen haben, mehr zu sagen haben, als die vielen zeitgenössischen Alternativen.

Oscar Wilde
Der irische Schriftsteller und Dramatiker Oscar Wilde auf dem Höhepunkt des Ruhms, vor seiner Verurteilung wegen «Unzucht» (Foto: Wikipedia)

In einem Interview mit dem queeren Magazin them.us sagte R. Zamora Linmark: «Mit meiner Geschichte fokussiere ich mich auf das, was mit Oscar passiert ist – darauf was passiert, wenn einen die Welt aufgibt, die gleiche Welt, die einen zuvor gefeiert hat für sein Genie und seine Brillanz. Ich war auch interessiert an dem Bunburrying-Aspekt. In der Jugend gibt es so viel Rollenspiel, so viel Tun-als-ob und so viel Verkleidung. Das ist für meine Charaktere etwas, das sie selbst durchleben: sie versuchen auszubrechen aus ihrem krassen Alltag. Diese Kinder kommen aus der Arbeiterklasse, sie leben in einer Welt, die kolonialisiert wurde bzw. wird, ihre nördlichen Nachbarn sind reich und militaristisch und überlegen. Sich solch einem Land zu ergeben bedeutet, ihre eigene Freiheit aufzugeben und sich einer heteronormativen Zensur zu unterwerfen. Wollen sie das, nur um am Wohlstand teilzuhaben?»

Ausgeblendete Vergangenheit
Die Antworten, die R. Zamora Linmark findet bzw. seine Charaktere finden lässt, sind ergreifend. Und zwar auf eine viel direktere Art, als das Buch «On Earth We’re Briefly Gorgeous» von Ocean Vuong, das davon handelt, als armer schwuler Einwanderer aus Vietnam in den USA aufzuwachsen. Bei Vuong kommt kein Oscar Wilde vor, der Trost spendet, der die Dinge relativiert und der zeigt, dass die Dinge besser werden, wenn man sich selbst vertraut. (Trotzdem hat Vuongs Buch einige tief bewegende Momente und die vermutlich rührendste Analsexszene der Literaturgeschichte.)

Sowohl der Roman von R. Zamora Linmark als auch das Theaterstück von Matthew Lopez wurden von LGBTIQ-Medien in den USA und in Grossbritannien gefeiert. Beide Werke sind bislang nicht auf Deutsch erschienen. Sie lohnen aber unbedingt das Kennenlernen und die Lektüre. Weil beide mit ihrer Rückbesinnung auf eine in letzter Zeit verdrängte oder ausgeblendete Vergangenheit eine neue queere Zukunft einläuten.

Kevin Clarke

Geschrieben von

Dr. Kevin Clarke hat in Berlin und Mailand Musikwissenschaft sowie Literaturgeschichte studiert. Er spezialisierte sich früh auf LGBTIQ-Themen im Kulturbereich. 2007 veröffentlichte er das Buch «Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer», ab 2010 kuratierte er im Schwulen Museum verschiedene Ausstellungen, u. a. «Porn That Way» und «Superqueeroes». Von ihm gibt es mehrere international erfolgreiche Bücher, z. B. «Beards: An Unshaved History» und eine Biografie von Charles Leslie («The Art of Looking»). Clarke lebt mit seiner Familie in Berlin. Er unterrichtet an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

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