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Bisexuelle und Schwule in Schottland sind keine Verbrecher mehr

Jahrzehntelang haben Einträge im Strafregister wegen homosexueller Handlungen das Leben vieler Schotten beeinträchtigt

Bisexuelle und Schwule in Schottland
Symbolbild (Foto: AdobeStock)

Bisexuelle und Schwule in Schottland, die wegen ihrer Sexualität verurteilt wurden, können seit Dienstag die Streichung ihres «Verbrechens» aus dem Strafregister beantragen. Dies ist die Folge eines Parlamentsbeschlusses aus dem Juni des vergangenen Jahres.

Bis ins Jahr 1981 konnte in Schottland bereits ein harmloser Kuss in der Öffentlichkeit zu einer Verurteilung führen. Nur schon das Ansprechen eines anderen Mannes konnte als «Belästigung» aufgefasst und einen Eintrag im Strafregister zur Folge haben. LGBTIQ-Aktivist Tim Hopkins betont, dass die Behörden in Schottland sogar noch in den 90er-Jahren bisexuelle und schwule Männer wegen Küssens büssten.

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Gesetz soll Trost spenden
Nun, fast 40 Jahre nach der Legalisierung von Homosexualität in Schottland, können die verurteilten Männer die automatische Rehabilitierung und Streichung der einstigen Straftat beantragen. Dies ist die unmittelbare Auswirkung des «Historical Sexual Offences Act», der im Juni 2018 vom schottischen Parlament verabschiedet wurde.

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Bereits zuvor richtete die Premierministerin, Nicola Sturgeon, eine uneingeschränkte Entschuldigung an alle verurteilten bisexuellen und schwulen Schotten (MANNSCHAFT berichtete). Nichts, was dieses Parlament tue, könne diese Ungerechtigkeiten wiedergutmachen. «Aber ich hoffe, dass diese Entschuldigung zusammen mit der neuen Gesetzgebung den Betroffenen etwas Trost spenden kann.»

Ein Leben in Sorge
Tim Hopkins, Leiter des «Equality Networt», das sich seit 1997 für die schottische LGBTIQ-Community einsetzt, begrüsst diese Massnahme. Zwar könne nichts die Leiden von jahrhundertelanger Homophobie in Schottland rückgängig machen. «Aber zumindest erkannte der Staat nun, dass das Gesetz falsch war und nicht die Handlungen der verurteilten Menschen.»

Der Eintrag im Strafregister beeinträchtigte das Leben von vielen verurteilten bisexuellen und schwulen Schotten. So gibt es Berichte von Männern, die deswegen bei der Jobsuche Probleme hatten. Ein anderer Mann sagte vor dem für das Gesetz verantwortlichen Komitee, dass er wegen der Verurteilung ständig in Sorge lebte. Er sei beschämt gewesen, als er gezwungen war, das Strafregister vor Mitarbeitern und Freunden offenzulegen.

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«Turing Law» in England und Wales
In England und Wales, wo Homosexualität seit 1967 legal ist, war man auch bei der Rehabilitierung von verurteilten Schwulen und Bisexuellen etwas schneller als die Schott*innen. Dort heisst die entsprechende Gesetzgebung «Turing Law» – benannt nach dem britischen Mathematiker Alan Turing.

93-jähriger Brite: «Ich will keine Rehabilitierung, ich will eine Entschuldigung»

Mit der Entschlüsselung deutscher Funksprüche im Zweiten Weltkrieg rettete Turing wohl mehrere Millionen Menschen. Wegen seiner Verdienste wird er auf der neuen 50-Pfund-Note abgebildet sein (MANNSCHAFT berichtete). Zeit seines Lebens verfolgten die Behörden Turing jedoch wegen seiner Homosexualität. 1954 nahm er sich das Leben. 2013 wurde er offiziell posthum rehabilitiert.

Doch die Realisierung des «Turing-Gesetzes» sorgte für Kritik: Weniger als 200 Männer konnten die Rehabilitierung bisher umsetzen. Ausserdem sind tausende Männer davon ausgeschlossen, weil der Strafbestand der «Belästigung» nicht unter dieses Gesetz fällt. Dies, obwohl die Regierung zugab, dass der Vorwurf der Belästigung auch zur Diskriminierung schwuler und bisexueller Männer eingesetzt wurde.

Situation in Deutschland
In Deutschland strich die Regierung den Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, 1994 aus dem Gesetzbuch. 2017 rehabilitierte der Staat die Opfer des diskriminierenden Paragrafen und sprach ihnen eine Entschädigung zu (MANNSCHAFT berichtete). Die meisten Betroffenen sind jedoch inzwischen verstorben, nur wenige Opfer können effektiv davon profitieren.

Silvan Hess

Geschrieben von

Silvan Hess (*1992) lebt in der Nähe von Zürich, hat an der Uni Zürich Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft im Hauptfach und Filmwissenschaft und Philosophie in den Nebenfächern studiert und arbeitet seit 2012 als freischaffender Journalist.

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