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Homophobie im Fussball: Hirn einschalten, nicht mitsingen

Der Fussball hat ein Homophobie-Problem. Die Frage ist nicht ob, sondern wie etwas dagegen unternommen werden muss.

Homophobie muss mit angemessenen Strafen aus dem Stadion verbannt werden. (Foto: pexels)
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Homophobie darf im Stadion nicht mehr toleriert werden. Schwulenfeindliche Parolen müssen den Fans nach und nach ausgetrieben werden. Ein Spielabbruch wäre dabei pragmatisch gesehen vielleicht nicht die beste Lösung – aber mit Sicherheit ein starkes Zeichen. Der Samstagskommentar* von Silvan Hess.

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn bei einem Fussballspiel zwischen dem FC Zürich und dem FC Basel tausende Fans um mich herum «Alle Basler sind schwul!» Richtung Nordkurve skandieren.

Macht mich das wütend? Ja. Sollte das vom schweizerischen Fussballverband geahndet werden? Unbedingt. Wäre Basel eine noch schönere Stadt, wenn alle Einwohner schwul wären? Das wäre zumindest ein Gedankenexperiment wert, aber darum geht es jetzt nicht. Ist ein Spielabbruch das richtige Mittel gegen homophobe Fangesänge? Darüber lässt sich streiten.

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Unterbruch statt Abbruch
Ein Spielabbruch ist für Fussballfans ein sehr frustrierendes Ereignis und könnte – ganz pragmatisch betrachtet – das Ziel verfehlen und dem Kampf gegen Homophobie im Stadion schaden. Es wäre auch etwas seltsam, würde der Fussballverband jahrzehntelang diese Gesänge erlauben und plötzlich diese drastische Massnahme ergreifen.

Eine Spielunterbrechung und eine Busse für den betreffenden Verein halte ich für eine adäquate Massnahme. Damit zeigen die Verantwortlichen, dass solche Parolen nicht mehr geduldet werden, ohne die kontraproduktive Frustration durch einen Abbruch zu provozieren.

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Hooligans erziehen
Andererseits würden es diese sogenannten «Fans» vielleicht so am schnellsten lernen. Homophobe Hooligans müssen intellektuell mit etwa 10-jährigen Kindern verglichen werden. Wer in die Gesichter derjenigen Individuen schaut, die gerade Knallkörper oder Rauchpetarden aufs Spielfeld geschossen haben, wird merken, dass ich 10-jährigen Kindern damit eigentlich Unrecht tue.

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Es macht die Sache aber auch nicht viel einfacher, denn wie Kinder richtig erzogen werden sollen, darüber herrscht ja bekanntlich auch kein Konsens.

Ein starkes Zeichen
Das Positive am Spielabbruch wegen Homophobie ist, dass er ein starkes Zeichen setzt und eine gesellschaftliche Debatte auslöst. Genau das ist in Frankreich geschehen, nachdem ein Schiedsrichter eine Partie wegen homophober Fangesänge unterbrochen hatte und mit dem Abbruch drohte (MANNSCHAFT berichtete). Es zeigt, wo der Fussball steht; es bringt grosse sportliche Vorbilder dazu, für die LGBTIQ-Community die Stimme zu erheben (MANNSCHAFT berichtete).

Wirklich schwach waren bei der Debatte in Frankreich jedoch die Aussagen des Präsidenten des französischen Fussballverbandes, Noël Le Graët (MANNSCHAFT berichtete): Schiedsrichter*innen sollen bei homophoben Gesängen das Spiel nicht unterbrechen.

Als Präsident des Fussballverbandes sollte sich Le Graët hinter den Schiedsrichter stellen, zumal dieser absolut regelkonform handelte. Seit der aktuellen Saison ist es in Frankreich nämlich so, dass Schiedsrichter*innen auf rassistische oder homophobe Vorfälle auf den Tribünen reagieren dürfen.

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Strengere Regeln bei Rassismus
Damit aber noch nicht genug: Le Graët findet, dass bei Rassismus ein Abbruch weiterhin möglich sein soll. Dies entspricht leider genau dem, was viele Spieler*innen schon beobachtet haben (MANNSCHAFT berichtete): Im Fussball wird Rassismus strenger geahndet als Homophobie.

Dies spiegelt sich in der Gesetzgebung der Schweiz und vielen anderen Ländern wider. So werden rassistische Hassdelikte hierzulande als solche bestraft, homophobe Hassdelikte jedoch nicht. Mit der Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm soll sich dies endlich ändern (MANNSCHAFT berichtete).

Kein gutes Umfeld für ein Coming-out
Ein Argument, weshalb Rassismus im Stadion schlimmer sei als Homophobie, lautet: Rassistische Parolen richten sich im Gegensatz zu homophoben Gesängen meist gegen eine bestimmte anwesende Person. So kommt es in manchen Ligen leider in fast jeder Runde vor, dass schwarze Spieler Affenlaute von der Tribüne hören müssen.

Dass einzelne Personen im Männerfussball nicht zur Zielscheibe von homophoben Beleidigungen werden, hat aber einen einfachen Grund: Es gibt (zumindest offiziell) fast keine schwulen Profifussballer. Dies liegt unter anderem an Fussballfunktionären wie Le Graët, die nicht dafür sorgen, dass der professionelle Männerfussball ein Umfeld darstellt, in dem sich schwule Männer ohne Angst outen könnten.

«Ich singe nicht mit»
In meiner Jugend besuchte ich zusammen mit einem Hetero-Freund ein Spiel des FCZ gegen den Erzrivalen aus Basel. Als das unvermeidliche «Ali Basler sind schwul!» durch das Stadion hallte, meinte ich scherzhaft zu ihm: «Wehe, du singst mit!». Er blickte ernst zu mir und sagte: «Ich singe nicht mit.»

Vielleicht wäre dies die einfachste Lösung: Hirn einschalten und nicht mitsingen. Da dies aber für viele Hooligans zu schwierig sein dürfte, wird es Sanktionen brauchen.

*Jeden Samstag veröffentlichen wir auf MANNSCHAFT.com einen Kommentar zu einem aktuellen Thema, das die LGBTIQ-Community bewegt. Die Meinung der Autor*innen spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Silvan Hess

Geschrieben von

Silvan Hess (*1992) lebt in der Nähe von Zürich, hat an der Uni Zürich Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft im Hauptfach und Filmwissenschaft und Philosophie in den Nebenfächern studiert und arbeitet seit 2012 als freischaffender Journalist.

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