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Vier Wochen lang kein Sex – geht das?

28 Tage ohne Orgasmus

Kein Sex
Redakteur Martin Busse (zweiter von links) mit dem Team von «schwanz & ehrlich». (Bild: zvg)

Vier Männer, vier Wochen, ein Experiment: Lars, Mirko, Björn und Felix verzichten 28 Tage lang auf Sex und Co.

Fasten stellt für viele Menschen ein wichtiges Ritual der Reinigung dar. Ein Ritual, das neben der Verbindung zu Glaube und Spiritualität auch die eigene Willensstärke fordert. Verzicht auszuhalten, wenn überall Verführungen locken, kann schnell zur Zerreissprobe werden. Meist sind es Genussmittel wie Fleisch, Zucker, Alkohol oder Tabak, deren Entzug Mutige erproben wollen.

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Ich habe mich jedoch gefragt, ob es für schwule Männer nicht viel provokantere Bereiche geben könnte, anhand derer sich ihre Widerstandsfähigkeit austesten liesse. Kein Sex, keine Dates, keine Apps und keine Masturbation für einen ganzen Monat. Wer stellt sich der wahnwitzigen Herausforderung?

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Freiwillige melden sich auf meinen Aufruf kaum. Mit ein wenig Überzeugungskraft kann ich dann aber die Freunde Björn (32) und Felix (28) aus Berlin sowie die aufstrebenden Podcast-Stars Mirko (29) und Lars (28) von «schwanz & ehrlich» für meinen Versuch gewinnen.

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Bevor das Experiment startet, nehme ich unsere Teilnehmer genauer unter die Lupe und kläre, welche Gedanken ihnen bezüglich der anstehenden Entbehrungen durch den Kopf gehen. Zwar dreht sich ihr Leben nicht nur um den nächsten Beischlaf, wesentlich mehr als zwei bis drei Kerben haben sie dennoch alle in ihre Bettpfosten geschnitzt.

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Björn verzichtet einen Monat lang nicht nur auf Sex, Masturbation und Dates – er wagt auch digital einen Detox.(Bild: zvg)

«Sex ist ein Mechanismus, um Druck abzubauen und das Selbstbewusstsein zu stärken», sagt Björn. Genauso wie seine drei Mitstreiter geniesse er die Unverbindlichkeit am Singledasein und nutze seine Freiheiten aus. Oft sei es aber auch der Langeweile geschuldet, dass er an manchen Tagen etliche Stunden in Datingapps wie Grindr, Scruff oder Planet Romeo investiere. «Ich plane schon länger, eine App-Pause einzulegen und zu einer emotionaleren Sexualität zurückzufinden», gibt der gebürtige Hesse zu verstehen.

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Auch Kumpel Felix sieht in der ständigen digitalen Abrufbarkeit potenzieller Sexual- und Datingpartner einen nicht zu unterschätzenden Zeitfresser. «Ich habe noch nie die Stoppuhr mitlaufen lassen, aber man verbringt viel zu viel Zeit auf all diesen Plattformen. Da ich generell vom Drang nach ständiger Erreichbarkeit genervt bin, verzichte ich während des Experiments zusätzlich auf mein Smartphone», verkündet der Angestellte im öffentlichen Dienst. Björn ist von der Idee begeistert und die beiden besorgen sich jeweils ein Handy mit richtigen Tasten, kleinem Display und – wie Felix witzelt – ewiger Akkulaufzeit.

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Für das Experiment räumt Felix sein Bett frei. (Bild: zvg)

Auf die Plätze, fertig, los!
Um das Aufladen von Akkus, genauer gesagt den eigenen Reserven, geht es derweil auch in Köln. «Kuscheln, Küssen oder Sex schütten bei mir nicht nur jede Menge Glückshormone aus, sondern lassen mich auch den Alltagsstress vergessen. Mit der Masturbation verhält es sich ähnlich», sagt Mirko und erzählt, dass er sich am letzten Abend vor dem Start des Verzichtsexperiments die Ruhe gönnt, ausgedehnt zu onanieren. «Lieblingsporno an, Gleitgel raus und dann für eine dreiviertel Stunde abtauchen.» Der Produzent von Onlinevideos freue sich vor allem auf den Orgasmus, den er sich nach einmonatiger Pause recht intensiv vorstelle.

Was als Schnapsidee begann, könnte sich also vielleicht sogar als gewinnbringender Versuch entpuppen. «schwanz & ehrlich»-Kollege Lars hofft hingegen auf mehr Energie und Konzentration. Quasi als Folge des neuronalen Resets und des Freimachens bisher gern anderweitig eingebrachter Kapazitäten. «Da ich allgemein viel Sex habe und auch relativ schnell spitz bin, möchte ich ausserdem meine Grenzen kennenlernen», ergänzt der Rotschopf.

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In den nächsten Wochen braucht Lars seine Taschentücher nur noch bei laufender Nase. (Bild: zvg)

Wie Mirko nutzt auch Lars die letzten Stunden vor Beginn, um sich ein letztes Mal mit dem Wedeln der sprichwörtlichen Palme zu beschäftigen. 600 Kilometer entfernt vereinbart Björn ein Sextreffen, und Felix bricht zu einer erinnerungswürdigen Verabredung auf: «Mein erstes und wahrscheinlich einziges Date in Tierkostümen. Er war ein Eisbär, ich ein flauschiger Braunbär. Da wir beide ziemlich bekloppt aussahen, war das Eis gleich zu Anfang gebrochen und wir hatten einen tollen Abend.» In den nächsten Wochen wollen die beiden über SMS in Kontakt bleiben.

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Sie alle starten ohne Vorerfahrungen, suchen nach Entschleunigung und haben ein wenig Bedenken, am Ende doch Sklaven ihrer Hormone zu sein. Nach zwei Wochen ohne Sex, Dates, Apps und Masturbation erkundige ich mich bei Mirko, Björn, Lars und Felix nach ihrem Wohlbefinden. Aufgegeben hat bis dato keiner.

«Mir geht es erstaunlich gut. Die ersten vier bis fünf Tage waren extrem schwer, momentan überkommt mich aber nur noch selten die Lust, den nächstbesten Typen anzuspringen», erklärt Lars, der als Verkäufer in einem Möbelgeschäft arbeitet. Obwohl er im Vorhinein davon ausgegangen war, dass nicht wichsen zu dürfen, kein Problem für ihn darstellen sollte, merkt er jetzt, wie schwierig es ist, die allmorgendliche Erektion zu ignorieren. Am Ende kämpft hier eben Willen gegen Biologie. Standhaft sei er dennoch geblieben. Daran hätten auch vermehrte Sexträume, die mit dem Verzicht einhergingen, nichts geändert. Felix schliesst sich ihm an: Auch er musste feststellen, dass Masturbation Teil seiner Alltagsroutine zu sein scheint. Ansonsten falle ihm auf, wie viel ruhiger er in den letzten Tagen geworden sei. «Das liegt aber zu grossen Teilen auch daran, dass ich komplett offline bin. Es ist schon seltsam, wie ferngesteuert alle Menschen auf ihre Telefone starren und sich in Onlinewelten flüchten, anstatt mit offenen Augen und Ohren ihre Umwelt wahrzunehmen», gibt er zu bedenken.

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Von wegen Dauerlatte
«In der ersten Woche habe ich ziemlich schlecht geschlafen», erinnert sich Björn. Ausserdem reagiere seine Libido auf den Entzug. Er nehme deutlich mehr attraktive Männer in seiner Umgebung wahr, als dies sonst der Fall wäre. Auch fern seines üblichen Beuteschemas. Um nicht übermässig in Versuchung zu geraten, meide er das Sportstudio und das Berliner Clubleben. Mirko kommt indes zum Schluss, dass er mit Ausnahme der täglichen Morgenlatte kaum noch Aktivität in seiner Hose verzeichnen könne: «Selbst, wenn ich da länger dran rummache, wie zum Beispiel unter der Dusche. Ich denke generell auch nicht mehr so viel über Sex nach, obwohl ich einen Podcast zu diesem Thema betreibe.» Dennoch gebe es Momente, in denen er Lust habe, sich selbst anzufassen. Vor allem, wenn er nach einem Arbeitstag zur Ruhe komme.
Für Lars und Felix erwies sich wiederum Alkohol als nicht zu unterschätzende Stolperfalle. Weil mit zunehmender Promillezahl Sehnsüchte geweckt würden und der Geist darauf gern mit Enthemmung reagiere. «Als ich letztes Wochenende etwas tiefer ins Glas geschaut hatte, musste ich mich sehr zusammennehmen, nicht schwach zu werden», berichtet Felix.

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Mirko verteilt in nächster Zeit keine Rosen mehr. (Bild: zvg)

Wohin bloss mit all der gewonnen Zeit?
Wenn man weniger vor dem Smartphone hockt, um Dates zu organisieren, oder generell keinen Bettsport betreibt, dann hat man plötzlich wesentlich mehr Freizeit als gewohnt. Zu dieser Erkenntnis gelangen auch meine vier Versuchskaninchen. Aber womit füllen sie die entstandenen Löcher im Tagesablauf? «Lesen, Leute beobachten, mich selbst reflektieren, Zeit mit denen verbringen, die mir am Herzen liegen, oder das Auto nehmen und ins Berliner Umland fahren», antwortet Felix. Björn stürzt sich dagegen vollends in seine Arbeit in einem Ingenieursbüro, während Lars das Programm eines prominenten Streamingdienstes durchforstet und seinen bisherigen Umgang mit Sex überdenkt. «Durch das Projekt wird mir klar, wie wichtig es ist, dass ich Sex wieder mehr zu schätzen weiss. Heutzutage bekommen wir auf Knopfdruck die schnelle Nummer geliefert, aber wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, steckt dahinter meist die Suche nach Bestätigung. Wirklich erfüllen tut uns das Ganze nicht. Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft wieder mehr auf Qualität statt Quantität zu setzen.»

Auf der Zielgeraden
Zwei Tage vor Erreichen des 28-Tage-Ziels wird Lars dann schwach. «Leider wurde ich in Versuchung geführt und habe dieser nachgeben. Ich habe eine wirklich schöne Nacht mit einem interessanten Typen verbracht», gesteht er. Natürlich habe es ihn geärgert, kurz vor Ende eingeknickt zu sein, nur müsse man die Feste eben feiern, wie sie fallen, verkündet der Kölner Karnevalsfreund. «Ich bin dennoch sehr stolz auf mich und bereue den Abbruch nicht.» Warum auch? Lars hat mit Bravour seine Komfortzone verlassen und sich einem nicht zu unterschätzenden Abenteuer gestellt.

48 Stunden später passieren Björn, Mirko und Felix allesamt die Ziellinie des Verzichtexperiments. «Ich habe das Gefühl, das nächste Mal Sex sollte mit jemand Besonderem sein», sagt Björn und erinnert dabei fast ein wenig an einen Teenager, der sein erstes Mal noch vor sich hat. Diese – nennen wir sie wiedererlangte – Jungfräulichkeit hinterlässt auch in Mirkos Aussagen Spuren: «Ich habe früher oft gedacht, ich könne ohne Tinder etc. niemals einen Typen finden, da ich vom Land komme. Nun aber glaube ich, ich brauche keine Apps mehr». Zukünftig wolle er die Partnersuche in das reale Leben verlagern, statt überwiegend digital zu agieren. «Überraschenderweise geht es mir wahnsinnig gut. Ich bin ausgeglichen und durfte erkennen, dass ich viel mehr Willenskraft aufbringen kann, als ich mir zugetraut hätte.» Je länger er über die letzten Wochen nachdenke, desto stärker dränge sich ihm ein Verdacht auf. Vielleicht führe die Möglichkeit, mithilfe von Datingapps immer und überall Sexabenteuer erleben zu können, bei manch schwulem Mann dazu, sich unglücklich zu fühlen.

Und Felix? Gemeldet hat sich sein Eisbär zwar nicht weiter, enttäuscht sei er dennoch nicht. «Mir ist wieder bewusst geworden, welche Menschen in meinem Leben wirklich wichtig sind. Es hat sich gezeigt, wer sich die Mühe macht, einfach mal anzurufen, wenn alle anderen Kommunikationskanäle abgeschaltet sind, und wer einen für verrückt erklärt und ins mediale Nirvana schiesst!» Besonders nachhaltig habe ihn beschäftigt, zu beobachten, wie wir mithilfe von Onlineplattformen unsere eigene Depersonalisierung vorantreiben, und uns virtuelle Identitäten erschaffen, die der reinen Bedürfnisbefriedigung dienten. Gut ausgeleuchtet, narzisstisch aufpoliert und auf Podesten thronend, die kein real existierender Mensch jemals erklimmen kann. Es ist also gar nicht unbedingt der Verzicht auf Sex, Dates oder Masturbation, der meine vier Männer in der Tiefe berührt, sondern vielmehr die Tatsache, Teil einer Gesellschaft zu sein, die manchmal dazu neigt, Menschen zu konsumieren. Als handle es sich bei ihnen um bestellte Waren aus dem Internet. Aber wer kennt es nicht, das aufregende Gefühl, in einen Kaufrausch zu verfallen? Exzess kann durchaus einen gewissen Kick nach sich ziehen. Solange man genug Puffer besitzt, um nicht Stück für Stück in eine Abhängigkeit zu schliddern, und niemandem damit wehtut, sollte man ihn nicht per se verteufeln.

Zu guter Letzt
Mehrere Wochen nach Beendigung meines Versuchs kontaktiere ich Felix, Lars, Mirko und Björn erneut und will wissen, ob sich etwas in ihren Leben verändert hat. «Leider muss ich sagen, dass vieles zum Alten zurückgekehrt ist und ich die gemachten Erkenntnisse nicht wirklich übertragen konnte. Für einen nachhaltigen Effekt müsste ich wirklich aufhören, meine Zeit mit dem Chatten zu vergeuden, und mal wieder rausgehen, um Männer kennen zu lernen», stellt Björn fest. Sich noch einmal auf ein Experiment wie meines einlassen würde er aber. Und damit ist er nicht allein. Alle vier konnten dem Entzug etwas abgewinnen. Wenngleich in unterschiedlichem Masse.

«Beide Formen des Andersseins sind menschlich»

«Aktuell habe ich wesentlich weniger Sex und achte sehr genau auf meine Partnerwahl. Ich möchte nichts beschreien, aber ich habe schon den Eindruck, dass dieser Monat bei mir etwas bewegt hat», betont Lars und gibt zu verstehen, dass der erste Orgasmus nach vierwöchiger Pause tatsächlich intensiver gewesen sei als gewöhnlich. Mirko habe dies auch erlebt. Er schätze seitdem seine Lust mehr. «Momentan fühlt sich jeder sexuelle Kontakt und auch jedes Masturbieren besonders an. Vielleicht führt Verzicht auch dazu, dass man merkt, wie toll etwas eigentlich ist. »

Ein bisschen nüchterner und doch zuversichtlich zieht Felix sein Fazit: «Ich nutze wieder Apps, ich date wieder und ich habe wieder Sex. Aber all das wesentlich dosierter und ausgesuchter. Und ich habe das nachhaltige Gefühl, dass ich mir selbst wieder grösseren Stellenwert zuschreibe.»
Als die vier Herren zu meinem Experiment antraten, ging es nicht darum, irgendeine Notbremse zu ziehen, da sie sonst gegen eine Wand zu steuern und emotional zu verrohen drohten. Vielmehr wollten wir erproben, was es bedeutet, sich der eigenen Biologie für einen begrenzten Zeitraum entgegenzustellen und sich vom allgemeinen Druck auf dem Singlemarkt in den Urlaub zu verabschieden. Unterm Strich bleibt die Feststellung, dass es immer gut ist, die Dinge, die man tut, mit Bewusstheit zu machen. Denn so lebt es sich gleich etwas unaufgeregter und leicht-
füssiger.

 

Der Podcast zum Experiment
Mirko und Lars sprechen mit Mannschaft-Redakteur Martin Busse im Podcast von «schwanz & ehrlich» über das ehrgeizige Experiment.

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