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«Shooting Star» – Romantisches Musical über die schwule Pornoindustrie?

In Los Angeles ging das Stück von Florian Klein und Thomas Zaufke erfolgreich in Premiere, mit atemberaubender Besetzung

Taubert Nadalini (l.) und Bettis Richardson in «Shooting Star: A Revealing New Musical» (Foto: Ed Krieger)

Es gibt nicht viele Musicals, für die ich mich spontan ins Flugzeug nach Los Angeles setzen würde. Aber Florian Kleins «Shooting Star: A Revealing New Musical» über die schwule Pornoindustrie in Kalifornien ist ein solches Werk. Das liegt nicht (nur) daran, dass alle Darsteller aussehen wie fleischgewordene Pornoträume, «all singing and all dancing». Es liegt vor allem daran, dass das Stück ein Thema entstigmatisieren will, das zwar die halbe Welt täglich konsumierend beschäftigt, über das sie aber selten öffentlich spricht.

Ich habe erstmals 2015 von diesem Stück erfahren, als es noch «Porn – The Musical» hiess. Damals kuratierte ich am Schwulen Museum in Berlin eine Ausstellung mit dem Titel «Porn That Way». In der sollte es eine Abteilung zum Thema Pornografie und Musiktheater geben, u. a. mit Fotos der Porno-Opern von Lucas Kazan («Elisir d’amore», «Cosi fan tutte» usw.), mit der preisgekrönten Berlinale-Filmdoku «Naked Opera» und mit Verweisen auf das Spiel mit Sex in frühen Offenbach-Operetten und Broadway-Musicals wie «Naked Boys Singing». Damals wies mich ein Bekannter darauf hin, dass Florian Klein – besser bekannt unter seinem Künstlernamen «Hans Berlin» – gerade an einem Stück über die Pornoindustrie arbeitet. Als Kurator habe ich sofort gesagt: «Das nehmen wir in die Ausstellung mit auf!»

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Zu dem Zeitpunkt gab es nur ein Poster und ein Skript, keine Musik. Es war alles noch Work-in-Progress. Wir haben uns damals zu dem aberwitzigen Schritt hinreissen lassen, in den Räumen des Schwulen Museums eine öffentliche Lesung zu veranstalten, für die Florian den Theaterregisseur Regisseur Ulrich Wiggers und ein atemberaubendes Darstellerteam gewinnen konnte, das sich aus Begeisterung für die Sache an die Arbeit machte – und eine Lesung präsentierte, bei der ich noch heute ins nostalgische Schwärmen komme. Weil die Wirkung so emotional ergreifend war. Der Franzose Joachim Villegas spielte die Rolle des Taylor Trent (als alter ego von Florian Klein), der jung und naiv nach Hollywood kommt, um seinen Traum einer Filmkarriere zu verwirklichen. Das klappt nicht so, wie er sich das vorstellt.

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Um seine Mietschulden zu bezahlen und überhaupt irgendwo vor der Kamera zu arbeiten, rutscht Taylor langsam in die Pornobranche rein und muss sich entscheiden, ob das wirklich die «Karriere» sein könnte, die er will. Und falls sie es ist: was dann? Welche Auswirkungen hat es auch sein Liebesleben, seine Schauspielambitionen jenseits der Sexindustrie, die Beziehung zu seinen Eltern? Und kann man im Pornobereich eine «Karriere» machen, die mehr ist als ein «One Fuck Wonder»? Wie hält man sich in einer Branche, wo der nächste attraktive Darsteller schon in der Warteschlange steht, bevor man erstmals die Unterhose am Set runtergezogen hat und eine Erektionsspritze verpasst bekommt?

Das Stück erzählt auch von den Abgründen der Sexindustrie, den Drogenabstürzen, Depressionen, zerstörten Träumen und von der gnadenlosen Konkurrenz

Florian Klein erzählte in «Porn – The Musical» die Geschichte vom eigenen Weg aus Garmisch-Patenkirchen in die USA, er erzählte von den Abgründen der Sexindustrie, von den Drogenabstürzen, Depressionen, zerstörten Träumen, von sozialer Ausgrenzung, von gnadenloser Konkurrenz, die auch in der scheinbar so glamourös-glücklichen Pornofamilie rund um «Mr. Sue» herrscht (modelliert nach der leibhaftigen Schwulenpornomutti Mr. Pam). Aber Florian weigerte sich seine romantischen Träume aufzugeben und baute ins Stück eine so hinreissende Liebesgeschichte zwischen Taylor Trent und Co-Star Jesse Apollo ein, dass der Moment, wo beide sich schliesslich privat küssen – statt vor der Kamera zu ficken – ans Herz ging.

Michael Scott Harris (l.) und Taubert Nadalini in «Shooting Star: A Revealing New Musical» (Foto: Ed Krieger)

Das ging damals in Berlin auch dem Musicalkomponisten Thomas Zaufke so. Ich hatte ihn eingeladen, um sich die musiklose Lesung anzuschauen. Und er sagte spontan: «Ich will das komponieren!» Was er auch tat. Irgendwann schickte er mir vier Demo-Versionen von Songs, mit denen ich jahrelang auf dem iPod rumlief und die ich toll fand. Darunter das knackige Duett «I’ll Keep My Clothes On» und die Ballade «When We Were Stars».

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Komponist Thomas Zaufke (l.) und Florian Klein während der Proben in New York, 2018 (Foto: Privat)

Alles ist möglich – auch Broadway?
Statt «Porn – The Musical» an irgendeinem deutschen Stadttheater unterzubringen, hatte Florian von Anfang an ein grösseres Ziel: Broadway. Und da er ein hoffnungsloser Optimist ist und viel von der amerikanischen «Alles ist möglich, wenn man nur dran glaubt»-Mentalität aufgesaugt hat, machte er sich tatsächlich daran, seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Ein wichtiger Verbündeter bei der Umsetzung wurde Charles Leslie, Gründer des Leslie-Lohmann Museums for Gay and Lesbian Art in New York. Ich stellte Florian dem Aktivisten Charles Leslie bei einem New-York-Besuch vor, als ich Charles‘ Biografie schrieb («The Art of Looking»). Da Charles sich schon immer für Projekte einsetzte, die schwules Leben zelebrieren, war es nicht schwer, ihn an Bord zu kriegen. Und so kam es 2018 zu einem sogenannten Industry Reading in Manhattan: eine erste semi-öffentliche Lesung des Stücks mit Broadway-Darstellern, Musik und Klavierbegleitung. Charles Leslie sass begeistert in der ersten Reihe und applaudierte.

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Von dieser Aufführung habe ich leider nur einen Audiomitschnitt gehört (und Charles‘ Lachen), der Mitschnitt machte mir aber sofort klar, dass aus den vier Demo-Songs inzwischen ein grandioses Musical geworden ist, und dass Thomas Zaufkes Musik mit professionellen US-Musicaldarstellern sehr anders klingt, als ich das sonst von seinen UdK-Musicals an der Neuköllner Oper gewohnt war (u. a. «Grimm» und «Mein Avatar und ich»). Nach einem weiteren Industry Reading in Los Angeles mit neuer Besetzung stand fest: das Werk muss auf die Bühne, als Try-out.

Poster für «Shooting Star: A Revealing New Musical»

Familienausflug nach Los Angeles
Das war der Moment, wo ich dachte, das kann ich nicht schon wieder verpassen. Ich kaufte mir also ein Flugticket nach LA fürs Premierenwochenende im Mai 2019. Und da meine Mutter inzwischen Florian bei einem Opernbesuch in Berlin auch kennen- und schätzen gelernt hatte, beschloss sie mitzukommen, meinen Vater ins Schlepptau nehmend, ebenso meinen Neffen. Ein Familienausflug nach Kalifornien, um ein schwules Pornomusical zu sehen? Ich hätte nicht geglaubt, dass ich das noch mal erlebe, um ehrlich zu sein.

Das Kreativteam von «Shooting Star: A Revealing New Musical» (v.l.n.r.): Choreograph Jim Cooney, Florian Klein und Regisseur Michael Bello (Foto: Facebook/ShootingStarMusical)

In Los Angeles hat Florian das Stück im kleinen Hudson Theatre auf dem Santa Monica Boulevard untergebracht, die Regie hat Michael Bello übernommen, die Lyrics hat Erik Ransom («Grindr – The Opera») überarbeitet. Als ich zur ersten halböffentlichen Probe kam, waren die Darsteller in Boxershorts damit beschäftigt, Stretchübungen auf der Bühne zu machen. Dabei fiel mir ein Mann ins Auge, bei dem ich mich fragte, welche Rolle er wohl in der Porno-Saga spielen könnte. Es sollte sich herausstellen, dass es Taubert Nadalini in der Hauptrolle des Taylor Trent ist. Eine Entdeckung der Sonderklasse!

Das «Shooting Star»-Ensemble rund um Taubert Nadalini (Mitte) (Foto: Ed Krieger)

In der minimalistischen Inszenierung, die in einem schwarzen Einheitsraum vor allem mit Videomonitoren und Projektionen arbeitet, entfalteten sich die zwei Musicalakte, begleitet von einer vierköpfigen Band. Regisseur Michael Bello und Komponist Thomas Zaufke haben dafür gesorgt, dass die Episodengeschichte ständig im Fluss bleibt, nahtlos von einer Karrierestufe zur nächsten übergeht. Man sieht den naiven Taylor beim Abschied von seinen Eltern in der Provinz und bei der Ankunft in Los Angeles («Hollywood/Reach the Stars»), man verfolgt seine Jobsuche, seine zerplatzten Illusionen, seine ersten Versuche als Go-Go-Tänzer zu Geld zu kommen («Undressed»), und sieht dann, wie das zu einem Angebot führt, «einfach mal eine Szene» für einen Porno zu drehen.

Brutaler Fleischmarkt
Daraus wird dann eine Coming-of-Age-Geschichte, denn Taylor muss sich damit auseinandersetzen, dass Pornos zwar inzwischen Teil der allgemeinen Popkultur geworden sind, dass Pornodarsteller auch wie Popstars gefeiert werden von Fans. Dass das Ganze aber dennoch nicht wie eine glattgeleckte «Bravo»-Reportage funktioniert, weil es (wie in der Popbranche) schmierige Manager gibt, die junge Talente einfach verheizen, um an Geld zu kommen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Aber gerade in solchen Momenten regt das Stück zum Nachdenken an, welche Rolle wir als Konsumenten in diesem Pornouniversum einnehmen

Regisseur Michael Bello zeigt diesen Fleischmarkt teils brutal direkt, indem er die Szenen am Pornoset wirklich nackt spielen lässt. In einem so kleinen Theater wie dem Hudson kreiert das einen unangenehmen Effekt, weil man als Zuschauer plötzlich den Darstellern auf den Schwanz und Po starrt und eine Entmenschlichung stattfindet, die im krassen Widerspruch zu den empathischen Musikmomenten steht («This Is the Real Me»). Aber gerade in solchen Momenten regt das Stück zum Nachdenken an, darüber, welche Rolle wir als Konsumenten in diesem Pornouniversum einnehmen und wie wir uns verhalten wollen.

Taubert Nadalini als Prinz Hans in «Frozen» (Foto: Instagram/TaubertNadalini)

Taubert Nadalini als Taylor Trent ist dabei eine Traumbesetzung. Er spielt ansonsten im Megahit «Frozen» den Prinzen Hans. Dass man hier einen leibhaftigen Disney-Märchenprinzen als Pornostar erleben kann, ist atemberaubend. Und Nadalini schafft es, die romantische Träumerei Taylors ideal einzufangen. Er schafft es, die Verliebtheit Taylors nach dem ersten Pornodreh in seinen Szenepartner Jesse Apollo (gespielt von Nathan Mohebbi) glaubhaft zu machen. Er zeichnet den Weg überzeugend vom «Boy Next Door» zum «Bottom of the Year», der bei den Porno-Awards mit Preisen überhäuft wird. Und er singt dabei eine herzzerreissende Nummer nach der anderen. Kurz: Es ist eine Superstar-Performance, die zum Schluss sogar elegant die Kurve kriegt, als Taylor beschliesst, dass er seine ursprünglichen Träume nicht aufgeben will und die Pornokarriere an den Nagel hängt. Um Jesse zu heiraten. Das ist vielleicht ein Disney-Fantasy-Ende, aber Florian Klein findet dafür einen amüsanten Dreh, der alles glaubwürdig macht.

Um Taubert Nadalini herum haben die Produzenten perfekt Darsteller für alle Rollen gefunden. Da muss vor allem Karole Foreman als «Gay Porn Mama» Mr. Sue erwähnt werden, die sich um all ihre «Pornokinder» kümmert, aber nicht verhindern kann, dass die Industrie knallhart mit ihnen umspringt. Das erlebt man am Beispiel der 1980er-Jahre-Legende James Grant (gespielt von Michael Scott Harris), der irgendwann vom fiesen Produzenten Martin Lords (modelliert nach Michael Lucas) als «verwesendes Stück Fleisch» gefeuert wird, weil er keine Erektion am Set kriegt – und Selbstmord begeht. Das ist in «Shooting Star» der emotionale Wendepunkt der Geschichte. Von Karole Foreman besungen mit dem Lamento «He Was My Friend». Ein Wendepunkt, auch für Taylor Trent.

Zwischen den Körpern lesen
Als ich das Buch «Porn: From Andy Warhol to X-Tube» schrieb, sagte mir JC Adams von den Gay Porn Times, dass der Umgang mit Pornos uns auf interessante Weise zeigt, wo wir als Gesellschaft gerade stehen. Laura Kipnis meint in ihrem Buch «Bound and Gagged», dass es in den «zwielichtigen Korridoren von Pornofilmen um viel mehr geht als um Sex». Sie empfiehlt, «zwischen den Körpern zu lesen», um die «grösseren Themen» zu erkennen, die behandelt werden. «Shooting Star» handelt auch von grösseren Themen, die allgemeingültig sind. Eines davon ist: Akzeptanz. Es fragt – indem es uns die Schwänze und Sixpacks der Darsteller vors Gesicht hält – wieso wir alle Pornos im Internet konsumieren, uns auf Stars einen runterholen, aber diejenigen, die in der Branche tätig sind und diese Sexfantasien für uns kreieren nach wie vor «anders» behandeln, ihre Träume und Karriereambitionen nicht für «voll» nehmen. Und sie ausgrenzen. Wobei soziale Medien und die brutale Debattenkultur im Internet dazu geführt hat, dass User-Kommentare leibhaftige Menschen behandeln, wie Wegwerfprodukte, über deren Gefühle man sich keinen Kopf machen muss. Man sieht das in «Shooting Star» kurz vorm Selbstmord von James Grant, ein gespenstischer Moment, wo Twitter-Kommentare über die Monitore auf der Bühne flackern, einer verletzender als der andere.

Karole Foreman als «gay porn mama» Mr. Sue mit zwei Go-Go-Tänzern: Davey Miller (l.) und Ryan Kanfer. Szene aus «Shooting Star» in Los Angeles, 2019 (Foto: Ed Krieger)

Als ich in der ersten öffentliche Aufführung sass, am Tag nach der Generalprobe, meinte mein Neffe in der Pause zu mir: «Glaubst du Opa ist noch da?» Wir drehten uns beide um und sahen meinen Vater versteinert in der hintersten Reihe des Theater sitzen. Die vielen Nacktszenen und Sexmomente waren offensichtlich nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Aber nachdem meine Mutter in der Pause auf Florian zuging und ihm sagte, wie spannend sie sein Stück fand und wie toll die Darsteller seien, brach auch bei meinem Vater das Eis. Er überwand seine Schockstarre und blieb, bis zum Schluss. Obwohl «Shooting Star» (wie er sagte) «nicht so sein Ding» sei. Aber da «Shooting Star» neben dem Sex, oder besser gesagt: über den Sex, so viele Aspekte behandelt, mit denen sich jeder identifizieren kann, sogar mein 78-jähriger Vater, endete unser Familienmusicalausflug nach LA so, dass alle begeistert waren.

Das Hudson Theatre am Santa Monica Boulevard in Los Angeles, wo «Shooting Star» in Premiere ging (Foto: Privat/Florian Klein)

In Los Angeles läuft das Stück jetzt für sechs Wochen. Es hat einen weiten Weg zurückgelegt von der ersten öffentlichen Lesung-ohne-Musik in Berlin via Industry Reading in New York und nun in einer leibhaftigen Bühnenversion in LA. Mag sein, dass es an «Shooting Star» noch manches zu feilen gibt, dass es bis zu einer Off-Broadway-Premiere noch dauernd wird. Aber das Werk lohnt, so wie es jetzt ist, absolut die Bekanntschaft. Und es verdient eine Aufnahme, damit die wunderbaren Zaufke-Songs auch jene erreichen, die nicht ins nächste Flugzeug nach Kalifornien steigen wollen oder können. (Schliesslich hat nicht jeder eine Mutter, die bei Lufthansa arbeitet und verbilligte Flüge kriegt.)

Ob es hierzulande auch Darsteller gibt, die mit grösstmöglicher Natürlichkeit so singen, tanzen und schauspielern, darf man gespannt abwarten

Eine deutsche Aufführung wäre sicher auch lohnend; nicht nur weil Florian Klein und Thomas Zaufke als Kreativteam beide deutsch sind. Ob es hierzulande Darsteller gibt, die mit grösstmöglicher Natürlichkeit den Balanceakt hinkriegen, so zu singen, zu tanzen und zu schauspielern, ohne dass es wie Stage-Entertainment-Fake aussieht oder klingt, darf man gespannt abwarten. Gerüchteweise ist inzwischen schon von einer europäischen Erstaufführung 2020 die Rede. Für die setze ich mich auch gern sofort ins Flugzeug. Und falls Taubert Nadalini dann nochmal mitspielen sollte … möchte ich in der ersten Reihen sitzen.

Übrigens: Florian Klein dankt im Programmheft auch seinen eigenen Eltern für die Unterstützung, die sie ihm seit Jahren geben!

Mehr Informationen zur Produktion in Los Angeles finden sich hier.

 

 

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