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O Tannenbaum – Von Pflanzenjungs und Naturburschen

Die Industrie hat verstanden, dass es uns ein inneres Bedürfnis zu sein scheint, unseren Alltag grüner zu gestalten

(Foto: Pascal Triponez)

Das World Wide Web blüht. Genauso wie die Wohnzimmer zahlreicher Kerle. Männer, die sich gern um Pflanzen kümmern, gelten nicht länger als sensible Weicheier. Sie sind die Social-Media-Stars der Stunde.

Monstera, Calathea, Pilea und Crassula – hinter diesen Namen verbergen sich, anders als vielleicht vermutet, keine Fabelwesen aus einem Fantasyroman, sondern Verkaufsschlager der Floristikbranche. «Der Männer­anteil unserer Kunden liegt bei zirka 25 %», sagt Ronny vom Berliner Fachgeschäft «Frau Rose». «Es scheint dem Boom verschiedener Plattformen sowie dem Wunsch nach einem umweltbewussteren Leben zu verdanken sein, dass bei uns die Nachfrage nach Zimmerbegrünung in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Wir bemerken ein jüngeres Publikum in unserem Laden, wobei dessen Hauptaugenmerk eher auf reinen Grün- als auf blühenden Zierpflanzen liegt.» Zudem werde mehr Geld für kräftige, grosse Exemplare ausgegeben.

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Tatsächlich scheinen die Zeiten vorbei, in denen man während eines Besuchs beim besten Freund noch darauf hinweisen musste, dass dieser sogar seine Kakteen sterben lasse. Stattdessen sind viele Wohnungen bis unter die Decke mit Grünzeug vollgestopft. Und wer nicht wirklich ein Händchen für den Umgang mit den sensiblen chlorophyllhaltigen Lebewesen hat, kann auf professionelle Pflanzenpfleger*innen zurückgreifen, die Zimmerpflanzen wieder aufpäppeln. Zudem gibt es genügend Orte, an denen man Blumen und Pflanzen kaufen kann, sollte mal was schief gehen. Die Industrie hat verstanden, dass es uns ein inneres Bedürfnis ist, unseren Alltag grüner zu gestalten.

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Spezies: Hobbygärtner
«Mich fasziniert an Pflanzen, dass man mit ihnen eine wechselseitige Beziehung eingehen kann. Ich wässere, dünge sie und spreche sogar mit ihnen. Sie hingegen wachsen, lassen mich beim Betrachten entspannen und sorgen dafür, dass mein Zuhause grossartig aussieht», schwärmt Alex aus Schweden. «Wir Jungs ohne Kinder sind stolz darauf, der Welt unsere grünen Babys präsentieren zu können.» Fungieren Pflanzen also tatsächlich als Ersatz für eigene Nachkommen? Der gebürtige Spanier jedenfalls hat um die 40 in seiner Wohnung, und wenn sein Freund nicht irgendwann protestiert hätte, wären es vermutlich noch wesentlich mehr geworden. Das Suchtpotenzial bei der Anschaffung von und der Beschäftigung mit Pflanzen ist enorm und kann sicherlich auch über ein Stück empfundene Leere hinwegtrösten.

Ferner gibt es aber auch rein pragmatische Gründe, warum es Sinn macht, sich den einen oder anderen grünen Freund zuzulegen. «Ein Leben mit Pflanzen ist definitiv besser als eins ohne. Sie entfernen toxische Partikel aus der Luft und steigern Produktivität und Kreativität», stellt Olle fest. «Generell schaffen es Pflanzen, auch unsere Psyche positiv zu beeinflussen. Ich arbeite Teilzeit in einem Blumengeschäft in Kopenhagen, und jedes Mal, wenn jemand unseren Shop betritt, kann ich sehen, wie sich seine Stimmung aufhellt.»

Mann mit grünen Daumen
Was braucht es, um ein erfolgreicher Pflanzenpapa zu werden? Passion mag zwar helfen, doch hilft sie allein noch lange nicht, ein mickriges kleines Pflänzchen in ein stattliches – und selbstverständlich fototaugliches – Exemplar zu verwandeln.
«Es ist sinnvoll, sich gut beraten zu lassen, um die optimale Pflanze in Bezug auf Standort und Lichtverhältnisse zu erwerben. Generell sind die meisten Zimmerpflanzen recht unkompliziert in der Pflege und mit einer gleichbleibenden Wassergabe einmal wöchentlich, in den warmen Monaten mit zusätzlicher Beigabe von Nährstoffen, zufrieden», ermutigt Ronny von «Frau Rose».

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Olle ergänzt: «Man sollte nicht zu viel denken, sondern herausfinden, wie jede einzelne Pflanze tickt!» Da aber auch das Hobbygärtnern zu einem regelrechten Wettbewerb ausgeufert ist, geben sich viele mit der Aufzucht robuster Arten nicht mehr zufrieden – lockt doch stets die Herausforderung.
«Meine zwei Avocadobäume sind meine Lieblinge, obwohl sie sehr empfindlich sind, was Wärme- und Lichtveränderungen betrifft. Das Wetter in Schweden ist zu kalt für sie, also habe ich sie an das grösste Fenster, direkt neben der Heizung, gestellt. Sie werden nie Früchte tragen, aber sehen defnitiv schön aus», witzelt Alex.

Ein neuer Hype ist generiert
Die Liebe zu Ficus und Co. keimt bei den meisten schwulen Männern aber lange nicht mehr nur im heimischen Umfeld. Auch in den sozialen Netzwerken hat sie Wurzeln geschlagen. Wundert euch also nicht, wenn euer Feed mal wieder einem Dschungel gleicht. Denn nach der Aufregung um Männer, die sich mit Büchern an allen denkbaren Orten haben ablichten lassen, sind es jetzt eben Boys with plants, die bei vielen von uns für Entzückung sorgen. Der Gründer des gleichnamigen Instagram-Accounts, Scott, erklärt: «Ich denke, der Kontrast von männlicher Stärke in jedweder Form – nicht nur auf Muskeln begrenzt – und der Zerbrechlichkeit von Pflanzen ist anziehend. Ausserdem unterstreicht das die fürsorgliche Seite an uns Kerlen» Scott ist mitverantwortlich für den globalen Hype, den das Thema Männer und Pflanzen ausgelöst hat.

«Natürlich habe ich, bevor ich den Account gestartet habe, nicht im Leben daran gedacht, irgendwann eine Website zu betreiben, Shirts und Sticker drucken zu lassen oder ein Buch zu veröffentlichen. Mich überrascht noch immer, wie sich das alles entwickelt hat.»

Der vollständige Artikel ist in der Dezember-Ausgabe der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht’s zum Abo (Deutschland) – und hier auch (Schweiz).

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