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Luzern: «Das Klischee des armen dummen Strichers ist überholt.»

Teil 3 unserer Escort-Interviews: Daniel (Name von der Redaktion geändert) ist Schweizer, 32 Jahre alt. Vor einiger Zeit ist er wegen seinem Kunststudium nach Luzern gezogen. Unser Gespräch findet via Internet statt.

Interview: Greg Zwygart

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Hier gehts zu unseren Interviews mit Alex und Nils.

Wann hast du dich entschieden, Escort zu werden?
Ich arbeite seit ziemlich genau einem Jahr als Escort. Es kam etwas aus der Notwendigkeit heraus: Das Geld war knapp und Jobs, die ohne die entsprechenden Papiere und Ausbildungen viel zahlen, sind rar.

Du bist gebildet, studierst Kunst und arbeitest als Escort. Ein Paradox?
Vielleicht haben einige Leute die Vorstellung, dass die Arbeit als Escort einfach, aber erniedrigend sei – ein Job für Verzweifelte ohne Ausbildung.
Ich erlebe meine Arbeit als Escort aber als eine überaus komplexe, herausfordernde und befriedigende Tätigkeit, bei der meine Kreativität mindestens genauso gefragt ist, wie wenn ich ein Bild male oder eine Skulptur schnitze. Bei etwas ausgefeilteren Sessions wie bei meinen SM-Klienten kommt das natürlich besonders zum Tragen.
Das Klischee des armen dummen Strichers finde ich überholt. Ich habe den Eindruck, dass meine Klienten es sehr schätzen, wenn sie nach dem Ficken noch eine ordentliche Unterhaltung führen können.

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[quote align=’right‘]Selten ist jemand so ehrlich, wie wenn man mit ihm ein Bett oder eine Matratze teilt.[/quote]Wissen deine Freunde oder deine Familie, dass du als Escort arbeitest?
Wenige Freunde wissen davon, meine Familie hat keine Ahnung. Auf der einen Seite möchte ich mich nicht verstecken, bin sogar etwas stolz darauf, im «ältesten Gewerbe der Welt» tätig zu sein, aber ich denke, es würde bei vielen auf Unverständnis stossen – die wenigen Freunde, denen ich mich anvertraut habe, waren auch immer sehr «besorgt».
Und was würde es bringen, meinen Eltern unter die Nase zu reiben, woher jetzt genau das ganze Geld für ihre letzten Weihnachtsgeschenke herkam?

Aus welchen Gründen gefällt dir der Job als Escort?
Ich habe gerne Sex und eine aktive Libido. Ich mag die Abwechslung, und so komisch das klingen mag, ich finde es extrem interessant, so auch neue Menschen kennen zu lernen. Dieser Job ist sehr intim, ich erhalte Einblicke in verschiedenste Leben, Familien – und selten ist jemand so ehrlich, wie wenn man mit ihm ein Bett oder eine Matratze teilt. Ich schätze das sehr, es inspiriert mich.

Finden dich deine Freier nur auf dem Internet?
Ich beschränke meine Ausschreibungen auf eine einzige Internetseite. Mit zu vielen Anfragen könnte ich auch gar nicht umgehen, ich mach das ja nicht hauptberuflich, sondern es muss immer noch neben meinem Studium vorbeikommen. Das hat immer noch erste Priorität.
Aber in einer Bar oder sonstwo Freier anzusprechen wäre mir unangenehm – im Internet können potentielle Interessenten mein Profil durchlesen und sind dann schon mal informiert, dass es nur um Sex gegen Geld geht. Ich trenne mein Geschäft und private Dates ganz streng.

Was sucht der durchschnittliche Freier, wenn er dich bucht?
Ein durchschnittlicher Klient möchte mit mir rumknutschen, es wird oft und viel gekuschelt, Körperkontakt ist den meisten sehr wichtig. Je nach Preislage gibt es dann vor allem Petting und etwas Oral oder es wird noch gefickt, manchmal zärtlich und sanft mit Streicheln und Küssen oder leidenschaftlich und hart mit Gegrunze und Geheule, wie es meinem Gegenüber halt am besten gefällt.

Aus welchem Grund empfängst du keine Freier zuhause?
Zum einen lebe ich mit meinem Freund – und obwohl er meinen Job im Moment akzeptiert, ist es ihm ein grosses Anliegen, dass das Geschäft geschäftlich bleibt und das Private privat. So hält sich die Eifersucht in Grenzen, denn in seinen Augen verdiene ich so einfach Geld. Er macht sich nur Sorgen, wenn mir Klienten Mühe machen – aber wegen meiner Tätigkeit als Escort haben wir nicht mehr oder weniger Probleme als andere Paare.
Keine Freier bei mir zuhause zu empfangen gibt mir auch einen gewissen Schutz.

Was bietest du alles an?
Mein Spektrum beginnt bei Petting oder «Massage», wobei das bei mir wirklich nur ein Euphemismus ist, da ich keine professionelle Ausbildung habe, geht über Oral- und Analverkehr bis zu Ansätzen von Rollenspielen und härteren Spielarten wie BDSM und Fisting.

Wie siehts mit den Preisen aus?
Ich fange bei 150 Franken für Petting an (ohne Abspritzen). Mit Happy Ending und Oral sind es dann 200, Spezialwünsche wie NS oder Rimming fangen ab 250 an, Ficken aktiv oder passiv 300, SM und Fisting ab 400, Übernachtung bei einem Freier ab 500.
Ich habe aufgehört, nach Zeit zu berechnen weil mich das ständige Schielen nach der Uhrzeit immer sehr abgelenkt hat. Aber im Allgemeinen berechne ich nach Vorbereitungszeit und Stress für mich und erst als zweiten Faktor nach Zeit.

[quote align=’right‘]Die verheirateten Männer der katholischen Kantone sind oft sehr froh, einen Escort wie mich treffen zu können.[/quote]Was kommt für dich gar nicht in Frage ausser unsafer Sex?
All das, was ich auch im Privatleben nicht machen würde, illegale oder schädliche Praktiken. Zum Beispiel Scat, Nadelspiele, Tiere. Leider sind das alles auch Anfragen, die ich bekommen habe und dann höflich ablehnen musste.
Solange ich die Session am Ende im gleichen Zustand verlassen kann, in dem ich angekommen bin, ist vieles möglich. Das wichtigste Kriterium, und damit stimme ich mit allen meinen Klienten überein, ist, dass es am Ende beiden, Escort wie Freier, Spass macht. Die Stimmung ist einfach viel natürlicher.

Was für Männer gefallen dir?
Glücklicherweise, muss ich sagen, habe ich eine gewisse Vorliebe für ältere Männer. Behaart, stämmig – ich scheine solche Typen mit meinem eigenen Äusseren auch schon anzuziehen.
Aber ich mag auch jüngere. Schwer zu sagen, ich finde eigentlich immer etwas Liebenswertes und Schönes in den Männern, die ich treffe. Ich glaube es ist gerade diese Fähigkeit, die mir die Arbeit am meisten erleichtert.

Nimmst du Drogen?
Von Drogen versuche ich fernzubleiben. Klar bietet man mir das eine oder andere an, aber es ist wichtig, bei der Arbeit einen klaren Kopf behalten zu können und sicherzustellen, dass auch immer alles safer bleibt. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

Hast du schon einmal einen Freier verweigert?
Das kam ein, zweimal vor. Wenn ich schon beim Chat absehen kann, dass überhaupt keine Chemie da ist und ich mich nicht im geringsten begeistern kann, lehne ich ein Treffen lieber ab. Wenn ich einen Klienten habe, dann will ich mich ihm mit voller Leidenschaft widmen können. Und das geht nicht mit allen.

Hattest du schon mal einen Freier, der keinen Sex wollte?
Ich wurde schon mal als Reisebegleitung für eine Nacktwanderung an der Sense gebucht. Das war lustig – und sicherlich nicht etwas, das ich von mir aus getan hätte.

Wieviel verdienst du als Escort durchschnittlich im Monat?
Das ist schwer zu sagen. Nicht gerade viel. Der durchschnittliche Stundenlohn mag hoch erscheinen, aber die Jobs sind selten und unregelmässig verteilt. Ich freue mich jedesmal, wenn es für die Miete und ein paar Rechnungen reicht. Den Rest verdiene ich als Barkeeper und über andere Gelegenheitsjobs.

Hat dich ein Freier bereits angeekelt?
Das gab es leider auch schon – das war in einer Zeit, als wirklich schnell etwas Einkommen her musste und ich deswegen meine Vorsätze kompromittierte: Kein Bild vom Freier im vornherein, ich liess ihn mit mir um die Preise feilschen und so weiter.

Wieso bist du nicht in Zürich? Als Escort wäre das ein vielversprechenderes Pflaster als Luzern.
Vielversprechender vielleicht, aber bestimmt auch härter umkämpft. Ich mag meine Nische als etwas reiferer, männlicher, Quasi-Bären-Escort in der Innerschweiz. Ich mag zwar nicht jedermanns Geschmack sein, aber die Klienten, die mich buchen, buchen mich auch gerne immer und immer wieder. Ausserdem sind die verheiratete bisexuellen Männer der katholischen Kantone oft sehr froh, einen Escort wie mich treffen zu können.
Und zu weit von meinem Atelier würde ich im Moment auch nicht gerne wegziehen wollen.

Wie lange willst du den Job als Escort noch machen?
Der Job war immer nur als Übergangslösung gedacht, so viel Spass er mir auch macht. Ich hoffe zwar noch auf einige interessante Begegnungen, aber sobald ich es schaffe, mir anderweitig ein geregeltes Einkommen zu verschaffen, werde ich das unsichere und anstrengende Metier des Escorts wahrscheinlich endgültig mit dem unsicheren und anstrengenden Metiers des Künstlers ersetzen.

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