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Édouard Louis: Flucht ins Leben

Die Veröffentlichung des Buches in französischer Originalsprache liegt ein Jahr zurück. Wie sieht dein Verhältnis zu deinen Eltern aus?
Es ist mir egal.

Gehst du manchmal zurück in deine Heimat?
Nein, ich wüsste nicht warum. Ich habe meinen Platz woanders gefunden. Mit der Entdeckung von Marcel Proust und Pedro Almodóvar habe ich das Gefühl, meine Familie gefunden zu haben.

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Hat deine Familie in deinem Leben keinen Platz mehr?
Nein. Zwischen uns liegt eine soziale Distanz, die wir nicht beeinflussen können. Bevor das Buch erschienen ist, bin ich mehrmals nach Hause gereist, um meine Mutter zu sehen. «Warum sprichst du so? Du klingst wie ein Bourgeois. Wieso bist du so angezogen?», würde sie sagen. Dabei verwendete ich stets gewöhnliches Vokabular und trug ganz normale Kleider, etwa Jeans und ein Poloshirt. Dann würde sie über Einwanderer fluchen, bis ich sie anfahre, sie solle doch aufhören und die Klappe halten. Meine Besuche endeten immer im Streit.

Du hast mehrmals gesagt, dein Buch sei keine Anklage. Bist du denn nicht wütend auf die Menschen, die dich gedemütigt haben?
Nein, im Gegenteil. Das Schreiben des Buches hat mir ermöglicht, die Gründe ihres Verhaltens zu verstehen. Das bedeutet aber nicht, dass ich sie liebe. Man kann Menschen verstehen und ihnen gerecht werden, ohne Sympathien für sie aufbringen zu müssen.

Die Picardie gehört zu den ärmsten Gegenden Frankreichs. Es gab Zeiten, da hattest du nicht einmal etwas zu essen. Was ist das grösste Problem der Region?
Enteignung. Die Menschen haben nichts.

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Mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge Autor Édouard Louis die Geschichte einer Befreiung aus einer unerträgli- chen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen.

In einem Artikel habe ich gelesen, dass du dich weigerst, an Podien teilzunehmen, die sich um gleiche Rechte drehen.
Das stimmt nicht ganz. Ich nehme gerne an Podien teil, die sich um gleiche Rechte drehen, und habe dies bereits auch mehrere Male getan. Ich habe die Teilnahme an einer Diskussion mit Vertretern von «Manif pour tous» verweigert, der Bewegung gegen die Öffnung der Ehe in Frankreich. Diesen Menschen habe ich nichts zu sagen. Ich spreche gerne über Rechte, aber nicht mit ihnen, weil sie homophob und dumm sind.

Heterosexuellen Menschen ein Recht zu geben und es anderen zu verweigern ist schlicht und einfach homophob. Leute sagen mir, das sei Meinungssache, aber das ist es nicht. Wenn sich Angela Merkel gegen die Eheöffnung ausspricht, ist das homophob. So wie vor 100 Jahren in den USA Schwarze und Weisse nicht heiraten durften, genauso ist es heute mit zwei Männern oder zwei Frauen. Da gibt es nichts zu diskutieren. Es ist Diskriminierung.

[perfectpullquote align=“left“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]«Heterosexuellen Menschen ein Recht zu geben und es anderen zu verweigern ist schlicht und einfach homophob.»[/perfectpullquote]

Du hast Hass und Homophobie am eigenen Leib erfahren. Welches ist der beste Weg, dagegen anzukämpfen?
Indem man die Gewalt sichtbar macht. Ich habe die Literatur dafür gewählt, man kann aber auch einen Film drehen oder Journalist werden. Wer die Gewalt sichtbar macht, deckt weitere Formen der Gewalt auf, die man erzählen muss.

Du hast deinen Namen in Édouard Louis geändert. Ist Eddy verschwunden?
Ja (lacht). Eddy ist verschwunden. Das heisst aber nicht, dass nichts mehr von Eddy oder meiner Vergangenheit in mir steckt, wie zum Beispiel die Wut. In meinem Milieu war die Wut allgegenwärtig.

Wie meinst du das?
Zum Beispiel meine Mutter, die jeweils die Leute im Fernsehen voller Wut anschrie und beleidigte. Wir waren immer sehr wütend auf alles. Aufgrund der sozialen Ausgrenzung hatten wir aber keine Fähigkeiten, unsere Wut in etwas umzusetzen, das uns hätte befreien können. Ich habe immer noch viel Wut in mir, aber ich kann mich glücklich schätzen, dass ich die Möglichkeit hatte, sie durch das Schreiben rauszulassen. Jede Zeile habe ich aus der Wut heraus geschrieben.

Wie war das Eintauchen in eine neue Welt nach deiner Flucht? Ich stelle mir deine Freude riesig vor, nachdem du Menschen gefunden hast, die dir ähnlich sind.
Das geschah nicht sofort, sondern nur allmählich, als ich realisierte, dass ein neues Leben möglich war und dass es in der Geschichte viele Menschen gab, die so waren wie ich. Als hätte ich ein neues Leben, das die ganze Zeit auf mich gewartet hatte.

[perfectpullquote align=“full“ cite=““ link=““ color=““ class=““ size=““]«Ich war wie besessen davon, eine neue Person zu werden. Manchmal verschob ich sogar mein Geburtsdatum um einige Tage, nur um nicht dasselbe zu haben wie Eddy Bellegueule.»[/perfectpullquote]

Die Freude über meine Metamorphose war riesig. Jedes Mal, wenn mich jemand bei meinem neuen Namen rief, war es wie eine Party in meinem Kopf. Édouard Louis ist nicht ein Pseudonym, ich wollte meinen Namen offiziell ändern und auf meinen Dokumenten haben. Ich änderte meinen Kleidungsstil und liess meine Zähne flicken. Ich war wie besessen davon, eine neue Person zu werden. Manchmal verschob ich sogar mein Geburtsdatum um einige Tage, nur um nicht dasselbe zu haben wie Eddy Bellegueule.

Arbeitest du an einem neuen Buch?
Es ist bereits fertig und erscheint in Frankreich im Januar. Das Buch ist zu 100 % ein autobiografischer Roman wie «Das Ende von Eddy», und die Gewalt spielt wieder eine zentrale Rolle. Es handelt von einer Nacht in meinem Leben, in der ich einen Algerier treffe, der mir aus seinem Leben erzählt. Es ist eine Geschichte über die algerische Migration. Wir reden die ganze Nacht, bis er an einem Punkt eine Pistole an meinen Kopf hält und mich töten will.

Die Gewalt bleibt also ein zentraler Punkt in deiner Arbeit?
Absolut. Die Gewalt erzählt die Wahrheit unseres Lebens. Je mehr wir uns damit auseinandersetzen, desto eher können wir uns von ihr loslösen. Wer sie ignoriert, bekämpft sie nicht.

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