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Édouard Louis: Flucht ins Leben

In der Schule wurdest du täglich angespuckt, zusammengeschlagen und gedemütigt. Schaust du manchmal zurück und wunderst dich, wie du das je hast durchstehen können?
(Überlegt) Ja. Es ist eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt, und die Antwort darauf ist, ich weiss es nicht. Es ist verrückt, aber ich versuche im Buch immer wieder deutlich zu machen, dass sich Eddy seinen Peinigern nicht widersetzen wollte.

In klassischen Büchern, welche die Flucht aus dem sozialen Millieu behandeln, bekommt man den Eindruck, dass der Protagonist schon immer fliehen wollte, weil er anders ist als alle anderen. So gesehen beim grossen Schriftsteller James Baldwin, der als schwuler schwarzer Mann aus ärmsten Verhältnissen flieht. Siehe Billy Elliott.

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Mit dieser Tradition wollte ich brechen. Ich wollte aufzeigen wie sehr Eddy Bellegueule nicht fliehen, sondern einfach dazugehören wollte. Hätte man ihn gefragt, ob er ein harter, maskuliner Kerl, ein Fussballtalent sein wollte, der seine Eltern stolz macht, oder ein effeminierter Typ, der als Erster in seiner Familie das Abitur macht, dann hätte er sich sofort für Ersteres entschieden.

Als Nächstes hätte ich dich gefragt, ob du deine Lehrer nie um Hilfe gebeten hast, aber wenn ich richtig verstehe, hätte das Eddy nie gewollt.
Genau. Eddy tat alles Mögliche, um seine Peiniger zu schützen und zu kaschieren, dass er unterdrückt wird. Es ist unvorstellbar schwierig, jemandem zu sagen, dass man leidet und dominiert wird, denn damit gesteht man seine Schwäche ein und ausserdem die Tatsache, dass man anders ist.

In diesem Moment erleben unzählige Jugendliche dasselbe wie du. Was würdest du ihnen raten?
Ufff, das ist nicht einfach. Ich bin kein Politiker. Auf keinen Fall schweigend ausharren. Mein Buch ist eine Lobeshymne auf die Flucht und die Flucht ist etwas, das man unterstützen muss, obwohl sie als einfachste Lösung und als feige angesehen wird. Es ist aussagekräftiger, sich zu bleiben zu weigern und zu fliehen statt das Problem von innen bekämpfen zu wollen. Wie es Edward Snowden und andere Whistle­blower getan haben.

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Foto: Ryan Pfluger

Du rätst zur Flucht.
Sich nicht zu widersetzen, sondern zu fliehen und seine eigene Welt zu finden.

Du schreibst, dass du selber homophobes Verhalten an den Tag gelegt hast. Ein Versuch, dich zu widersetzen?
Genau. Eddy will wie verzweifelt dazugehören. Statt zu flüchten versucht er, die Probleme innerhalb seiner Familie zu lösen, indem er selber gewalttätig, rassistisch, frauenfeindlich und homophob wird wie die anderen um ihn herum.

Eine sehr grafische Szene spielt sich im Gartenhaus ab. Als Neunjähriger hast du Sex mit anderen Jungs, darunter auch mit deinem Cousin. Die Presse sprach von einer Vergewaltigung.
Nein, das war der grösste Spass meiner Kindheit! In der französischen Presse wurde die Szene als Vergewaltigung beschrieben. Der Journalist konnte nicht begreifen, dass auch Kinder sexuelles Verlangen verspüren können. Es war mein grösster Wunsch, mit Männern Sex zu haben.

Du bist brutal ehrlich in der Art, wie du deine Familie, vor allem deine Eltern, beschreibst. Hattest du keine Befürchtungen, das Geschriebene könnte zu ­intim sein?
Die Beschreibungen sind nicht brutal, sie sind fair. Einerseits wollte ich die Komplexität meiner Eltern aufzeigen. So oft mich mein Vater auch beleidigt hat, so oft hat er mir auch gesagt, wie stolz er auf mich sei, dass ich anders bin. Andererseits war es wirklich schwierig, meine Geschichte zu schreiben, gerade weil sie so intim ist. Aber dann dachte ich, genau das musst du aufschreiben, denn das Schwierigste ist das Wichtigste. Alles andere ist Nebensache.

Die Hauptaufgabe der Literatur ist das Verwischen der Grenze zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit. Oft ist es unabdingbar, dass Persönliches in die Öffentlichkeit dringt. Die Gay Pride oder die Frauenbewegung hätten ihre Ziele nicht erreicht, wenn sie ihr Privatleben nicht zum politischen Statement gemacht hätten.

Die lokale Presse in deiner Heimat, der Picardie, hat deine Familie aufgespürt und mit ihnen gesprochen. Deine Mutter war gar nicht einverstanden, wie sie im Buch dargestellt wird.
Komischerweise ist ihr grösstes Problem, dass ich sie als arm bezeichne. Das hat sie sehr wütend und traurig gemacht. Für mich war ihre Reaktion höchst seltsam, denn im Buch schreibe ich, wie rassistisch und homophob sie ist. Sie hat keine Mühe damit, dass sie als rassistisch angesehen wird. Sie schämt sich dafür, arm zu sein. Genau wie Eddy zieht sie es vor, eine Lüge zu leben, statt sich als Opfer zu sehen. Sie sagt: «Ich bin nicht arm», aber offensichtlich ist sie sehr arm.

Dein Vater hingegen war sehr stolz. Er hat gleich mehrere Dutzend Bücher gekauft und seinen Freunden verteilt. Haben deine Eltern dein Buch überhaupt gelesen?
Nein, ich denke nicht, dass sie es gelesen haben. Sie lesen keine Bücher. Das liegt nicht an ihnen, sondern daran, dass sie sehr früh die Schule verlassen haben. Ich nehme es ihnen nicht übel. Ich nehme es unserem sozialen System mit seinen Ungleichheiten übel.

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