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Wie der Vater, so der Sohn?

Genauso wie in der Pubertät stellt ein widerstandsfähiger, verständnisvoller Vater auch während des Coming-outs eine wertvolle Ressource dar

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Illustration: Alexander Augustus

Die Beziehung des schwulen Sohns zum Vater ist kompliziert – so jedenfalls das Klischee. Was sind die möglichen Gründe?

Die US-amerikanische Sitcom «Modern Family» ist ein cleveres Beispiel dafür, wie amüsant es sein kann, mit Stolpersteinen in Vater-Sohn-Beziehungen zu spielen. Vor allem, wenn das Thema Homosexualität involviert ist. Dass es allerdings nicht immer derart respektvoll zugeht wie zwischen Mitch und Jay Pritchett, zeigt das reale Leben. In einer von MANNSCHAFT durchgeführten Leserumfrage erklärten rund 38 % der über 450 befragten schwulen oder bisexuellen Männer, dass das Verhältnis zu ihrem Vater distanziert oder schwierig sei. Handelt es sich hierbei nur um einen Zufallsbefund? Wir haben mit Söhnen, ihren Erzeugern und einem Experten gesprochen.

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Papa, mein Papa
«Ich muss als Vater präsent sein», erklärt Dr. med. Alexander Cherdron. Der Arzt, Psychotherapeut, Psychoanalytiker und dreifacher Vater widmet sich in seinem Buch «Väter und ihre Söhne – Eine besondere Beziehung» der wechselseitigen Dynamik zwischen ebendiesen. «Allein physisch anwesend zu sein, reicht nicht aus. Stattdessen muss ich mich mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele einbringen», betont Cherdron auf unsere Anfrage.

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Konflikte und Reibungen anzunehmen statt dem eigenen Sohn mit Desinteresse, Überheblichkeit oder Dominanz entgegenzutreten, sei eine wichtige Schlüsselfunktion, um den Grundstein für ein positives, anhaltendes Miteinander zu legen. Denn die biologisch verankerte Idealisierung, die Väter seitens ihrer Söhne erfahren, so lange diese noch klein sind, gerät oft spätestens mit der Pubertät des Juniors ins Wanken. Während sich dann Persönlichkeit und Identität aus dem Ei zu pellen versuchen, avanciert die einstige Leitfigur schnell zum lästigen, alten Herrn dessen Alleinherrschaft es per se in Frage zu stellen gilt.

Von wegen Einbahnstrasse
«Männlichkeit bedeutet für mich, zu verstehen, dass Fehler dazu da sind, gemacht zu werden», sagt der 31-jährige Sebastian. «Man muss nur eben auch zu ihnen stehen.» Lange Zeit habe zwischen ihm und seinem Vater Silvio (63) Funkstille geherrscht. Der einstige Held war aufgrund verschiedener Vorfälle von seinem Sockel gestürzt. Über Verwandte erfuhr Silvio dann, dass sein Sohn auf Männer stehe. «Ich weiss noch, wie ich einen ganzen Nachmittag das Internet durchforstete und versuchte, die Welt von Sebastian zu verstehen. Heute bereue ich, dass ich nicht auf ihn zuging und ihn selbst fragte», bedauert er. «Er hat sich verwirklicht, darum ist er ein Vorbild für mich.»

Dass der männliche Elternteil auch von seinen Söhnen lernen oder sie gar als Modell erwählen kann, scheint eine oft vergessene Tatsache. Vielleicht, weil dem einen oder anderen Stolz, Überheblichkeit oder die Angst vor dem eigenen Gesichtsverlust im Wege stehen. Zu realisieren, dass der eigene Samen einen Baum hervorgebracht hat, der jünger, kräftiger und in manchen Situationen sogar robuster als man selbst ist, mag wehmütig stimmen. Besonders dann, wenn man dieser Entwicklung keinen Stolz abgewinnen kann.

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Konfliktherd Coming-out
Wie in der Pubertät stellt ein widerstandsfähiger, verständnisvoller Vater auch während des Coming-outs eine wertvolle Ressource dar, damit man als schwuler Mann möglichst gestärkt und ohne tiefgreifende seelische Verletzungen aus diesem Prozess hervorzugehen vermag. Warum es aber vor allem bei der Offenlegung sexueller Neigungen häufig zu Auseinandersetzungen kommt, die nicht selten in Entzweiung enden, lässt sich aus Sicht von Cherdron auf drei Ansätze zurückführen. Zum einen definierten sich viele Männer früherer Generationen noch immer stark über klassische Rollenklischees, mit denen sich Homosexualität nur schwer vereinen lasse. Zum anderen sei aber auch der generative Aspekt, also die Weitergabe des eigenen Genmaterials über die Generationen hinweg, ein nicht zu unterschätzender Einflussfaktor.

Schwulsein bedeute nämlich aus evolutionspsychologischer Sicht eine Art reproduktive Sackgasse, wenngleich sich heutzutage eine wesentlich differenziertere und weniger deterministische Auffassung von Elternschaft etabliert habe. Glaubt man hingegen Freud und seinen analytischen Kolleg*innen, könnte sich hinter der Ablehnung des schwulen Sohnes auch die Ablehnung eigener homosexueller Anteile verbergen, die bis dato nicht in das eigene Selbstbild integriert werden konnten.

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Väter und ihre Söhne –
eine besondere Beziehung, Alexander Cherdron, Springer Verlag

Sag ich es oder lieber nicht?
«Meine ältere Schwester ist lesbisch und hat sich geoutet, als ich 14 war. Die heftige Reaktion meiner Eltern hat mich damals wahnsinnig verängstigt, sodass ein Outing für mich viele Jahre unmöglich schien», erinnert sich der Dokumentarfilmer Michael (35). Erst mit 32 fasste er allen Mut zusammen und öffnete sich. Ruhig und gefasst habe sein Vater am Telefon gewirkt. Seitdem bemerke Michael, dass es in gemeinsamen Gesprächen, häufiger als in der Vergangenheit, darum gehe, wie sich das Gegenüber emotional fühle. Die Worte «schwul» oder «homosexuell» seien dabei allerdings bewusst vermieden worden. «An seiner väterlichen Liebe hat mein Coming-out nichts verändert, aber mein Vater kämpft mit angeblichen Vorurteilen seiner Umgebung und seinen eigenen Vorstellungen davon, was ein normales und sorgenfreies Leben für seine Kinder bedeuten sollte.»

Der gebürtige Bulgare Sliven, ebenfalls 35, kennt Michaels Bedenken. Zwar habe es Momente gegeben, in denen ein Outing für ihn zum Greifen nah schien, nur habe am Ende immer die Verunsicherung gesiegt. «Ich weiss, dass es meinem Vater nicht gefallen würde und er definitiv Probleme damit hätte. Er würde immer noch zu mir halten und mich lieben, aber momentan habe ich keine Lust auf Drama. Wenn ich reif dafür bin, werde ich es tun.» Mit der Entscheidung, die eigene Homosexualität zu verbergen, ist Sliven nicht allein. Rund 19 % der von uns Befragten geben an, sich gegenüber ihrem männlichen Elternteil nicht geoutet zu haben.

Mich hat es damals sehr belastet, immer das Gefühl zu haben, falsch und deshalb nicht liebenswert zu sein.

Verstossen
Welche Wunden es hinterlassen kann, wenn der Senior einen nicht akzeptiert, zeigt die Geschichte von Stefan (45) aus Berlin. Vor zehn Jahren brach er den Kontakt zu seiner Familie und seinem Erzeuger nach mehreren Versuchen ab. «Mich hat es damals sehr belastet, immer das Gefühl zu haben, falsch und deshalb nicht liebenswert zu sein.» Als er seinem Vater offenbarte, homosexuell zu sein, stellte ihn dieser vor zwei Optionen, die in Wirklichkeit keine waren. Entweder sollte er sofort «normal» werden oder augenblicklich das Haus verlassen. Stefan ging.

Noch immer tobe deswegen in ihm eine Zerrissenheit, die auch psychische Beeinträchtigungen nach sich gezogen habe. «Es mag grotesk klingen, aber ich mag an meinem Vater, dass er ist, wie er ist. Ich habe bis heute deswegen in vielen Bereichen meines Lebens Schwierigkeiten, da ja überall Vaterfiguren lauern. Sei es der Chef, der Arzt, ein Therapeut oder auch nur der schwule Mann, der älter ist als ich.» Da die aufkommende Machtlosigkeit für ihn nur schwer auszuhalten sei, versuche Stefan stets, einen grossen Bogen um jenen Typ Mann zu machen.

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Illustration: Alexander Augustus

«Das Wegbrechen eines Vaters, ob durch Tod oder andere Begebenheiten, hat in den meisten Fällen Auswirkungen. Unabhängig vom Alter und der eigenen Stabilität. Häufig bleibt ein starkes Gefühl des Verlusts von Rückhalt zurück», erklärt Alexander Cherdron.

Die Stärken eines schwulen Sohnes und eines toleranten Vaters
«Das Verhältnis zwischen mir und meinem Vater ist geprägt von Wertschätzung und Vertrauen», berichtet Bastian Baumann, Leiter des Checkpoints Zürich. Natürlich habe es auch Auf und Abs gegeben, nur sei die Basis zwischen den beiden am Ende unerschütterlich.

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«Mein Vater ist, wie auch mein Grossvater, massgeblich für meine Weltanschauung, mein agnostisches Religionsbild oder meine Sicht auf Geschlechterrollen verantwortlich. Es war ihnen egal, ob ich mit Autos oder meiner Barbie spielte», erzählt Bastian. Auf die Frage angesprochen, wie er zum Schwulsein seines Sohns stehe, antwortet sein Vater Peter (62): «Ich musste mich auch erst an den Gedanken gewöhnen, hatte aber nie grössere Probleme damit. Mir war generell nur wichtig, dass Bastian nicht in Schwierigkeiten kommt. Die Gesellschaft ist leider noch immer sehr homophob.»

Der ausführliche Artikel ist im September-Heft der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht es zum Abo Deutschland und hier zum Abo Schweiz.

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