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«Nurejew war ein riesiges Arschloch»

«The White Crow» ist in der Schweiz jetzt in den Kinos, in Deutschland ab 26. September

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Rudolf Nurejew war nicht nur ein Ausnahmetänzer, sondern auch ein berüchtigter Grobian mit unberechenbaren Wutanfällen. (Bild: StudioCanal UK)
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Im neuen Film «The White Crow» spielt Oleg Iwenko den Balletttänzer Rudolf Nurejew, der 1961 aus der damaligen Sowjetunion flüchtete. Ein Gespräch über Hingabe und Disziplin, nicht aber über Nurejews Homosexualität und seinen AIDS-Tod – die waren im Interview tabu.

Schon als Jugendlicher gewann der 1996 in der Ukraine geborene Balletttänzer Oleg Iwenko jede Menge Auszeichnungen, nach der Ausbildung wechselte er an die Staatsoper in Kasan, wo er seit 2014 Solotänzer ist. Bestand sein Leben bislang vor allem aus «Nussknacker», «Schwanensee» und «Dornröschen», fügt er mit der Schauspielerei seiner Karriere nun ein ganz neues Kapitel hinzu.

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Unter der Regie von Ralph Fiennes spielt (und tanzt) Iwenko in «The White Crow» die Titelrolle. Der Film erzählt vom Werdegang des legendären sowjetischen Balletttänzers Rudolf Nurejew bis zu seiner Flucht in den Westen. Seine Homosexualität steht für Fiennes dabei nicht im Mittelpunkt, wird aber auch nicht ausgeblendet – Louis Hoffman («Dark») spielt die Rolle des Liebhabers Teja Kremke.

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Iwenko selbst macht um das Thema beim Interviewtermin in London einen grossen Bogen. Ob der anwesende Übersetzer, persönliches Unbehagen oder mögliche Reaktionen in seiner Wahlheimat Russland der Grund dafür sind, bleibt offen.

Oleg, du verkörperst in « The White Crow» deinen legendären Kollegen Rudolf Nurejew. Welchen Eindruck hattest du vor dem Film von ihm?
Er war ein Idol, ganz klar. Nurejew und auch Baryschnikow sind die Helden von einst, die in der Ballettwelt alle kennen und irgendwie als Vorbild haben. Die alte Schule eben. Aber es ist nicht so, dass ich übermässig vertraut war mit seiner Biografie. Ich hatte lediglich ein vages Bild von Nurejew im Kopf, und je mehr ich mich auf den Film vorbereitete, desto mehr veränderte sich das.

Tatsächlich? In welcher Hinsicht?
Vorher wusste ich – wie wahrscheinlich alle – von Nurejew vor allem, dass er ausser einem Ausnahmetänzer in erster Linie ein riesiges Arschloch war. Er war ein sehr schwieriger Mensch, oft unmöglich im Umgang. Aber je länger ich in seiner Haut steckte und quasi seine Erfahrungen durchlebte, desto mehr begriff ich, wie schwierig seine Situation für ihn war. Und warum er sich so verhielt, wie er es tat. Er war einfach niemand, der nach aussen zeigen konnte, was er durchmachte und wie es ihm ging. Seinen Gefühlen verschaffte er nur durch Grobheit und Ruppigkeit Luft.

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Nurejew wird im Film gefragt, wann er seine Berufung gefunden habe. Was wäre deine Antwort auf diese Frage?
Sie meinen mit Blick auf das Tanzen? Nun, das war zunächst einmal nichts, was ich gefunden habe, sondern die Entscheidung meiner Eltern. Wobei meine Eltern damals in der Ukraine eigentlich mit Tanzen gar nicht viel am Hut hatten. Da ging es wohl eher darum, dass ich etwas hyperaktiv war und Beschäftigung brauchte. Vieles hat sich anfangs deswegen eher zufällig ergeben. Das Ballett richtig ernst genommen und als meinen Lebensinhalt begriffen, habe ich erst mit 15 Jahren.

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Nicht unter den Teppich gekehrt: Nurejews Lover Teja Kremke (Louis Hoffman, re.) ist im Film auch zu sehen. (Bild: StudioCanal UK)

Das Klischee sagt, dass erfolgreiche Balletttänzer*innen keine normale Kindheit geniessen können, weil sie eigentlich von morgens bis abends nur trainieren . . .
Ja, aber was heisst denn schon «normale» Kindheit? Hat nicht sowieso jeder eine ganz unterschiedliche Kindheit? Als ich mit 15 Jahren meine Ausbildung an der Tanzschule in Charkiw beendete und für mein Ballettstudium nach Weissrussland ging, hatte ich mit 15 dank des Tanzens schon Japan, Spanien und Portugal bereist. Das ist doch grossartig! Für mich war das normal – und ich hätte es um nichts in der Welt missen wollen.

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Wie war dein Verhältnis zu deinen Lehrer*innen?
Ich war nie ein sturer Dickkopf, der sich von den Lehrkräften nichts sagen lassen wollte und immer im Zentrum stehen musste. Ich mag Aufmerksamkeit und wollte immer das Gefühl haben, gemocht und gefördert zu werden. Was nicht immer einfach war, wenn man den Lehrer oder die Lehrerin mit einem Raum voll mit anderer Kindern oder Jugendlichen teilen musste. Immer wenn ein Lehrer mir den Rücken zudrehte und sich anderen widmete, fühlte ich mich zurückgestossen. Von einem echten Mentor, der mich und womöglich nur mich unter seine Fittiche nimmt, habe ich immer geträumt. Doch irgendwie hat das nicht so recht geklappt.

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Ralph Fiennes führte Regie und ist im Film als Ballettmeister Alexander Iwanowitsch Puschkin zu sehen.(Bild: StudioCanal UK)

Bis du auf Ralph Fiennes trafst, der dir die Hauptrolle gab und dich von der Ballettbühne vor die Kamera holte.
Ja, aber das ist natürlich ein anderer Fall, denn da geht es nicht ums Tanzen. Ralph ist wirklich jemand, der an mich geglaubt und für mich gekämpft hat, obwohl es sicherlich Widerstände gab, diese grosse Rolle einem vollkommen unerfahrenen Laien wie mir zu geben. Ich nenne ihn meinen Kinovater, denn er hat mir eine ganz neue Welt eröffnet. Und er hat mir immer mit aller Kraft geholfen, ich konnte jederzeit um egal welchen Rat fragen.

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Würdest du dafür die Ballettschuhe an den Nagel hängen?
Das muss ich doch früher oder später sowieso. Ballettkarrieren sind kurz, früher oder später muss man sich etwas anderes suchen. Vielleicht kam « The White Crow» auch deswegen in mein Leben: Damit ich erkenne, wohin mein weiterer Weg führen könnte. Nicht dass eine Karriere beim Film jetzt ein Selbstläufer wäre. Aber vorstellen kann ich mir das. Mal sehen, ob sich sogar alles unter einen Hut bringen lässt.

Das ausführliche Interview ist im September-Heft der MANNSCHAFT erschienen. Hier geht es zum Abo Deutschland und hier zum Abo Schweiz.

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