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50 Shades of Pink: LGBTIQ-Proteste gegen Mike Pence in Irland und Island

Als der homophobe US-Vize mit Ehefrau diese Woche nach Dublin und Reykjavik reiste, schlug ihm eine ungewöhnliche Welle der Ablehnung seiner religiösen Anti-Gay-Haltung entgegen

Der evangelikale Hardliner Mike Pence bei einem Gottesdienst, wo er zu seinen ultra-konservativen Anhängern spricht (Archivfoto von 2016: Gage Skidmore/Wikipedia)

Als US-Vizepräsident Mike Pence – zusammen mit seiner gleichfalls für ihre homophobe Haltung bekannten Ehefrau Karen – diese Woche nach Irland und Island reiste, setzten Regierende, Firmen und Bevölkerung dort subtile, aber deutliche Zeichen, dass sie LGBTIQ unterstützen; gerade weil Pence für seine «toxische» Anti-Gay-Haltung berüchtigt ist. Was zu bemerkenswerten Momenten in Dublin und Reykjavik führte.

Bekanntermassen hat US-Präsident Donald Trump beschlossen, wegen Hurrikan Dorian daheim zu bleiben; dafür schickte er seinen Anti-LGBTIQ-Vize Mike Pence auf Europareise. Der kam diese Woche in Irland an, wo er auf den offen schwulen Premierminister Leo Varadkar traf, der ihm zusammen mit seinem Partner Matthew Barrett und zusammen mit den Protokollchefs des Landes einen «rosaroten» Empfang bereitete – bei dem sich die Kolumnistin der Irish Times wunderte, dass dem Ehepaar Pence «nicht das Lobster-Lunch im Hals stecken geblieben» sei.

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Natürlich ist Mike Pence ein politisch wichtiger Gast, weswegen die irische Regierung rund um den «Taoiseach» (= Führer) Leo Varadkar versuchte, höflich und zumindest nach aussen freundlich zu bleiben. Pence selbst betonte immer wieder seine spezielle Verbundenheit mit Irland, weil seine Urgrossmutter von der «Grünen Insel» stamme und er als Kind so viele wunderbare Geschichte von «früher» gehört habe. Er sagte sogar, neben Varadkar stehend, dass sie beide «mit einer irischen Mutter gesegnet» seien. Den indischen Vater Varadkars erwähnte Pence nicht.

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Doch egal wie freundlich und höflich der Besuch verlief, Pence kam unweigerlich auf einen Punkt, bei dem den irischen Regierungsvertretern das Lächeln im Gesicht gefror. Denn: Er sprach sich öffentlich für den Brexit und für Boris Johnsons politischen Kurs aus, ausgerechnet in jenem Land, das vom harten Brexit-ohne-Backstop am stärksten betroffen ist. Das waren ungefiltert die Worte seines Herrn und Meisters, die hier gehorsam weitergegeben wurden; Trump ist bekannt für seine «Bromance» mit Boris Johnson.

Auf den Teppich des Gästezimmers geschissen
Um die Irish Times zu zitieren: «Es war ein Schock. So als hätte man zuvor alles getan, um einen lang erwarteten Besucher in sein Haus einzuladen, im Glauben, das könnte ein Erfolg werden, bis man feststellt, dass der Besucher auf den neuen Teppich im Gästezimmer geschissen hat, den man extra für ihn neu ausgelegt hatte.»

Denn natürlich hatten die Iren gehofft, Pence ihre Sorgen über den Brexit zu vermitteln und mit auf den Weg zu geben, wenn dieser sich mit anderen Staatschefs treffen würde – allen voran mit Boris Johnson, wo Pence am Donnerstag eintraf. Nach den Pro-Brexit-Äusserungen stoppten die Gesängen von «When Irish Eyes Are Smiling»; es herrschte Eiseskälte.

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Und dann? Als Pence und Ehefrau Karen zum Essen bei Präsident Michael D. Higgins in «Áras an Uachtaráin» erschienen, also der Residenz des Präsidenten, blickte Michael D. mit einem «aufgesprühten Lächeln» in die Kameras, während das Pence-Doppel auf ein Meer von Rosen aus dem Präsidentengarten schaute: in «Fifthy Shades of Pink». Die einzige andere Farbe war Lavendel, die Symbolfarbe der Lesbenbewegung.

Die einzige andere Farbe war Lavendel, die Symbolfarbe der Lesbenbewegung

Die Irish Times erinnert ihre Leser daran, dass Karen Pence erst unlängst eine Halbzeitstelle als Lehrerin angetreten habe, in einer Schule, wo LGBTIQ-Schüler und -Angestellte nicht erwünscht seien und aufgrund ihrer sexuellen Orientierung rausgeworfen werden können.

Plötzlich sass Karen Pence beim Essen zwischen dem «Taoiseach» und seinem Partner. Die Irish Times staunt, dass sie «unter solchen Umständen ihr Wildfleischsteak nicht erbrechen musste».

Besuch im Fischerdorf Doonbeg
Dabei hatte das Pressebüro der US-Regierung noch vorab verkündet, dass Pence ja unmöglich «anti-gay» sein könne, wenn er sich mit Varadkar treffe.  Darauf reagierte Chasten Buttigieg, Ehemann von US-Präsidentschaftsbewerber Pete Buttigieg, dass ein Essen mit einem schwulen Mann noch lange nicht bedeutete, dass man irgendwie weniger homophob als sonst sei.

Pete Buttigieg würde Donald Trump heute schlagen

Als Mr. und Mrs. Pence sich schliesslich auf den Weg machten ins kleine Fischerdorf Doonbeg an der Ostküste Irlands, wo Pences Familie herkommt, wurden vorab Absperrungen von den Sicherheitsbehörden aufgestellt, um die Menschenmenge zurückzuhalten. Man erwartete wie beim Obama-Besuch in der kleinen Stadt, wo dessen Familie aus Irland herkam, grossen Andrang. Aber: Es kam absolut niemand! Das ganze Dorf war wie leergefegt, niemand wollte Pence sehen oder ihm zujubeln.

Der Anti-Trump-Aktivist «Jesus Chrysler» veröffentlichte dazu auf Twitter ein kurzes Video.

Deplatzierte Nostalgie
«Ich trage Irland in mir, egal wohin ich gehe», hatte Pence unbeeindruckt gesagt und meinte ein historisches Irland, das in der Tat streng religiös und absolut homophob eingestellt war, so wie er. Doch die Iren im Süden des Landes haben in einem langen Prozess diese religiöse Intoleranz inzwischen angeworfen und sich zu einer vollkommen anderen Nation weiterentwickelt, der in Nordirland die extrem homophobe Democratic Unionist Party (DUP) gegenübersteht, die aktuell in London mitregiert und dort so viele Probleme verursacht.

Ein solches «altes» Irland wünscht sich niemand zurück!

In einem weiteren Kommentarartikel bemerkt die Irish Times zu Pences Ich-trage-Irland-immer-in-mir-Statement, dass die politischen Ziele des Vizepräsidenten bezüglich Einwanderung und LGBTIQ-Rechten «Anathema für die Mehrheit der Menschen in einem modernen Irland» seien und es «unmöglich» sei, dies einfach zu ignorieren mit vollkommen deplatzierter Nostalgie. Deswegen müsse er sich über die radikale Ablehnung, die ihm sogar im kleinen Doonbeg entgegenschwappte, nicht wundern. Denn ein solches «altes» Irland wünsche sich niemand zurück!

Queeres Spektakel
Bevor Pence überhaupt Zeit hatte sich lange zu wundern, reiste er weiter nach Island. Wo sich ihm ein ähnliches Spektakel bot. Denn auch in Reykjavik wurde ihm und seiner Ehefrau ein queerer Empfang bereitet: Viele Firmen mit Gebäuden am Strassenrand hissten Regenbogenflaggen, die das Ehepaar Pence beim Vorbeifahren nicht übersehen konnte. Sogar vor dem historischen Höfði-Haus, wo sich einst Ronald Reagan und Mikhail Gorbachov getroffen hatten, flatterte eine Reihe Regenbogenfahnen im Wind.

Das Technikunternehmen Advania, dessen Hauptquartier direkt neben dem Höfði-Haus liegt, erklärte der Zeitung The Reykjavik Grapevine: «Die Entscheidung [Regenbogenfahnen zu hissen, Anm.] wurde nicht von einer Einzelperson gefällt. Vielmehr fanden wir als Gruppe, dass heute ein guter Tag sei, um Diversität zu zelebrieren.»

Das ist ein grossartiges Beispiel dafür, warum ich stolz darauf bin, aus Island zu kommen

Auf Twitter schrieb Drag-Aktivistin Heklina begeistert: «Das ist ein grossartiges Beispiel dafür, warum ich stolz darauf bin, aus Island zu kommen. Mike Pence besucht das Land und alle sind empört. Der Bürgermeister von Reykjavik, alle grossen Firmen, überhaupt jeder hat eine Regenbogenfahne rausgehängt. Alles was Pence in unserem Land sieht ist: gay, gay, gay.»

Zur Erinnerung: Island ist eines der fortschrittlichsten Länder der Welt, wenn es um LGBTIQ-Rechte geht. Dort wurde bereits 2010 die Ehe für alle unter Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir eingeführt, die erste offen lesbische Staatschefin.

Beim offizielle Händeschütteln mit Islands Präsident Guðni Th. Jóhannesson ging es dann mit den Regenbogenfarben weiter. Der unabhängige Politiker trug zur Feier des Tages – wie übrigens schon beim Treffen mit Wladimir Putin – ein Regenbogenarmband. Das trägt er grundsätzlich öfter, es fiel aber in diesem Zusammenhang besonders ins Auge.

Die Geschichte von Mike Pences schwulem Kaninchen jetzt auch auf Deutsch

God bless America!
Beim Besuch in 10 Downing Street waren dann am Donnerstag hinter Absperrungen keine Regenbogenfahnen und auch keine rosa Rosen in Sicht. Pence konnte aufatmen, als er Boris Johnson die Hand schüttelte und ihm die persönlichen Grüsse von Donald Trump übermittelte. Wie er über Johnsons recht wüstes Beziehungsleben denkt, ist nicht bekannt. Man weiß nur, dass Mike Pence nie allein in einem Raum mit einer Frau sein würde – es sei denn, es ist seine Gattin.

Das berichtet die Kolumnistin der Irish Times und schließt lakonisch: «God bless America!»

Kevin Clarke

Geschrieben von

Dr. Kevin Clarke hat in Berlin und Mailand Musikwissenschaft sowie Literaturgeschichte studiert. Er spezialisierte sich früh auf LGBTIQ-Themen im Kulturbereich. 2007 veröffentlichte er das Buch «Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer», ab 2010 kuratierte er im Schwulen Museum verschiedene Ausstellungen, u. a. «Porn That Way» und «Superqueeroes». Von ihm gibt es mehrere international erfolgreiche Bücher, z. B. «Beards: An Unshaved History» und eine Biografie von Charles Leslie («The Art of Looking»). Clarke lebt mit seiner Familie in Berlin. Er unterrichtet an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland.

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